Mutabor Märchenstiftung

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König Rudolf und der Gerber zu Basel

Land: Schweiz
Kanton: Basel
Kategorie: Novelle

Als König Rudolf eines Tages durch eine Gasse der Stadt Basel ritt, erblickte er einen Gerber, der sich mit einer rohen Haut zu schaffen machte, die über ein Brett gespannt war, und es roch davon gar übel. Da sprach Rudolf zu dem Manne: «O wie wohl wär’s einem Manne, der hundert Mark Einkünfte und zu allem noch eine schöne Frau hätte!» Der Gerber antwortete: «Beides besitze ich in vollem Masse.» Darob verwunderte sich der König gar sehr und sprach: «Nun, dann will ich, sobald ich in meiner Herberge abgestiegen bin, zu dir kommen und sehen!» und ritt davon.

Derweilen aber zog der Gerber seine schmutzigen Arbeitskleider aus, tat sie beiseite und legte, wie sich’s ziemte, prächtige Festtagsgewänder an mit reichem Schmuck und hiess seine Frau dasselbe tun. Auch befahl er, den Tisch festlich zu decken und darauf in goldene und silberne Becher und Schalen vom edelsten Wein in Fülle einzuschenken und von den feinsten und seltensten Speisen aufzutragen. Und seine Gemahlin, eine über die Massen schöne Frau, in Purpur und feines Linnen gekleidet, mit dem herrlichsten Schmuck aufs schönste verziert, musste sich oben an den Tisch setzen.

Da kam auch schon der König, wie er versprochen hatte, und staunend besah er alles und musste nun glauben, was der Mann ihm zuvor gesagt, und grosses Lob gab er seinem Wirt. Als er aber alles nach Wohlgefallen beschaut und der Gerber ihm noch sein Haus und die andern Gebäulichkeiten und seinen übrigen Besitz gezeigt hatte, da sagte der König unter anderem: «Da du solchen Überfluss hast, warum gibst du denn dein schmutzig Gewerbe nicht auf?» Jener antwortete: «Wohl habe ich alles in Fülle; aber dennoch treibe ich mein garstig Handwerk weiter, damit mein Reichtum nicht abnehme, sondern stetig wachse und sich mehre. Denn Müssiggang mindert auch das grösste Gut und zehrt es auf.» Dies deuchte den König gut gesprochen. Er gab ihm Beifall und verehrte der Frau kostbare Geschenke und ging von dannen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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