Mutabor Märchenstiftung

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Der schlaue Franke

Land: Schweiz
Kanton: St. Gallen
Kategorie: Sage

Einst lud der Kaiser von Griechenland einen fränkischen Edelmann, der als Gesandter Karls an seinem Hofe zu Byzanz weilte, an seine Tafel und gab ihm einen Platz mitten unter den Grossen seines Reiches. Diese aber hatten einen Brauch eingeführt: niemand am Tisch des Kaisers, einheimisch oder fremd, dürfe ein Tier oder einen Teil davon auf die andere Seite wenden, sondern nur so davon essen, wie es auf der Schüssel läge. Da ward auf einer goldenen Platte ein Flussfisch aufgetragen, wohl mit gewürzter Brühe übergossen. Und wie nun der Gast, unbekannt mit jener Sitte, den Fisch auf die andere Seite kehrte, da sprangen die Herren alle auf und sprachen zum Kaiser: «Herr, man hat euch Schimpf und Schmach angetan, wie noch keinem von euren Vorfahren.» Da sprach der Kaiser seufzend zu dem Franken: «Ich kann ihnen nicht wehren, dass sie dich auf der Stelle zum Tode führen. Aber wenn du noch eine Bitte hast, so tu mir’s kund, ich will sie dir erfüllen.» Der Franke besann sich ein Weilchen, dann rief er laut, dass männiglich es hören konnte: «Ich beschwöre euch, mein Herr und Kaiser, dass ihr, wie verheissen, eine kleine Bitte mir gewährt.» Der Kaiser sagte es ihm zu und sprach: «Bitte, worum du willst, es soll dir wahrlich gewährt sein, nur kann ich wider der Griechen Gesetz dir nicht dein Leben schenken!» Darauf erwiderte jener: «Wenn ich sterben muss, so fordre ich dies eine: dass, wer den Fisch mich wenden sah, das Augenlicht verliere.» Erschrocken schwur der Kaiser bei Christus, Gottes Sohn, er selber habe es wahrlich nicht gesehen, und glaube es denen nur, die es ihm berichtet hätten. Dann hub die Kaiserin an sich zu entschuldigen: Bei der wonnesamen Mutter Gottes, der Heiligen Jungfrau Maria, sie habe es wahrlich nicht gesehen. Und darnach suchten alle die andern Grossen, einer vor dem andern, sich aus der Gefahr zu ziehen, dieser beim Schlüssler des Himmels, der bei dem Lehrer aller Heiden, und wieder andere bei der Engelchöre Tugend und den Scharen der Heiligen allen. So suchten sie der Schuld sich mit hoch und heiligen Eiden zu entledigen.

Also hat der schlaue Franke die eiteln Griechen an ihrem eigenen Herd überwunden und kam als Sieger wohlbehalten heim in sein Vaterland.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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