Eine seltsame Beichte
Zu Luzern im Schweizerland ist es einmal in den Fasten, wo jedermann beichten muss, geschehen, dass allda auch von ungefähr ein junger freudiger Gesell auf dem Handwerk war mit Namen Remigi. Zu ihm sprach sein Meister: «Es ist der Brauch allhier, dass jedermann beichten muss, darum schick ich auch dich dazu.» Er antwortete: «Das will ich tun, Meister.» Und geht hin zu beichten. Wie er nun vor dem Priester niederkniete, sprach er: «Herr, ich geb mich schuldig!» Und schwieg damit. Der Priester sprach: «Nun, sag weiter!» Und er beichtete: «Ich bin dem Wirt zur Krone anderthalb Gulden schuldig, die ich allda verzehrt hab. Weiter dem Wirt zum Löwen einen Gulden, dem Wirt zum Salmen zwölf Batzen.» Darnach besann er sich, ob er wo noch mehr schuldig sei. Da sprach der Priester: «Kannst du auch beten?» Jener antwortete: «Nein!» Sprach der Priester: «Das ist bös! »Da antwortete der Beichtling: «Darum hab ich’s auch nicht wollen lernen.» Der Priester lächelte spöttisch und sprach: «Wessen bist du?» Er antwortete: «Meines Vaters.» Der Priester sprach: «Wie heisst dein Vater?» Er antwortete: «Wie ich.» Der Priester sprach: «Wie heissest du denn?» Er gab zur Antwort: «Wie mein Vater.» Da fragte der Priester wiederum: «Wie heisset ihr denn alle beide?» Er antwortete: «Einer wie der andere.» Der Priester, wie unwirsch er auch war, seufzte, hob die Augen gen Himmel und sprach sanftmütig zu dem jungen Gesellen: «Geh hin in Frieden, ich kann doch nichts mit dir schaffen.»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch