Näfels
Als die Glarner Boten, bescheiden aber männlich, vor die Herren traten, war es der Thorberger besonders, der schimpflich mit ihnen redete. Die Glarner, klug von je, stellten vor, wie leid ihnen der gestörte Friede mit Österreich sei, wie nur Eingriffe in ihre uralten Freiheiten, die sie als ein heilig Erbgut von den Vätern bekommen und deswegen wie heilige Reliquien unverletzt erhalten wollten, sie von Österreich abgewandt und zu einem Bund mit den Schweizern genötigt. Sie seien erbötig, alles Schuldige Österreich zu erfüllen, billigen Ersatz zu leisten und ihre alte Herrschaft in keinen Rechten zu kränken.
Da schimpfte der Thorberger sie treulose Leute, die sie nur schädigen wollten. Wären die Herren auseinander geritten, so würden die Glarner keins ihrer Worte halten, in dem Glauben, soviel Herren und Volk wäre nicht mehr leicht an ihren Landmarken zusammenzubringen. In allen ihren Vorschlägen liege der bestimmte Sinn, Unbestimmtes zu verheissen, um dann bei gelegener Zeit neuen Streit unterm Schein des Rechtes anfangen zu können. Er kenne sie wohl. Jetzt, da sie mit den Köpfen in der Falle seien, wolle man sie auch darin behalten, oder sie so knebeln, dass ihnen das Widerstreben von selbst vergehe. Als die Glarner bescheidentlich sich verteidigten, hiessen die Herren sie heimgehen und des näheren Bescheides warten, wo es sich dann zeigen werde, wie ihnen zu trauen sei.
Die Herren wollten nicht Frieden, das Ländchen, in welchem noch nie ein Feind geplündert, das so reich an allerlei, besonders an Vieh war, schien ihnen eine zu reiche, zu gewisse Beute, um sie anders als auf die härtesten Bedingungen aus den Händen zu lassen. In wenig Tagen kam der Bescheid. Die Glarner sollten leibeigen werden, nach der Gnade des Herzogs Busse tun und auf immer sich lossagen vom Schweizerbunde. Das Eingehen solcher Bedingungen glaubten die Glarner nicht vor ihren Vätern verantworten zu dürfen, die von jenseits auf ihre Kinder sehen, sie glaubten es nicht vor ihren Kindern verantworten zu können, die ernten müssen, was die Väter säen, und die dann den Voreltern Kunde bringen, ob der Väter Aussaat süsse oder bittere Frucht getragen. Sie schlugen solchen Frieden aus und stellten ihre Sache getrost Gott anheim als Männer, die, das Mögliche versucht zum Frieden, im Kriege nur gewinnen konnten von Gottes Gnaden einen seligen Tod oder einen freudigen Sieg.
Die Herren jubelten über der Glarner Entschluss. Ihnen gab ein Sieg weit mehr Gewalt als ein Frieden, wie er auch sein mochte. In rascher Tätigkeit wurde alles Volk aus den vordern Erblanden an die Landmarken der Glarner entboten, denn der Thorberger hatte den weisen Rat gegeben, den Schlag zu tun, ehe die Berge offen und Zuzug aus den Waldstätten möglich sei.
Am 8. April war endlich die ganze Macht beisammen, wohl an die sechstausend Mann, niemand zweifelte am Sieg, auch die nicht, welche bei Sempach gewesen. Waren doch die Umstände ganz andere, der Herren Vorsicht ja gross, indem sie nicht nur nächtlich den Feind überfallen, sondern ihn auch mit zweitausend Mann hinterziehen wollten. Dass aber auf beiden Seiten das Schlachten entscheidend wieder sei, wie bei Sempach, achtete man nicht; Siegesstolz vor der Schlacht und übermütige Feindesverachtung bei den Österreichern, Gottvertrauen aber und einen auf alles gefassten Sinn bei den Schweizern.
Eine geheime Botschaft verkündete dem Führer der Glarner, Matthias am Bühl, den nahen Angriff. Boten liefen zu den Eidgenossen, schnelle Jünglinge durch das Klöntal nach Schwyz, und zagende Weiber und Kinder hinauf in die Berge. Aber ehe noch Eidgenossen da waren, drang von Weesen her, den 9. April, schon in der vierten finstern Morgenstunde der Feind an die Letze, brach dieselbe, zersprengte die Verteidiger und ergoss sich nun ins offene Tal; er hatte gesiegt in seinem Wahn. Er kannte den Glarner nicht. Nicht in blindem Stolz war dieser in die Schlacht gegangen, darum riss ihn auch nicht blinde Flucht dahin; nicht im Vertrauen auf die grosse Zahl und die gute Rüstung hatte ein jeder sich dem Feinde gegenübergestellt, sondern im Vertrauen auf den eigenen Mut, seine Kampffertigkeit und den Beistand Gottes. Als sie nun auseinandergesprengt waren, blieb noch immer jeder sich selbst, daher jeder kampfesfertig und noch immer am Siege nicht verzweifelnd, denn hatte ihn doch auch noch nichts von seinem Gott getrennt.
Sie gaben dem Schweizer die ewig dauernde Lehre, dass des Landes Rettung nicht immer vom Zusammentreffen grosser Massen abhange, sondern sehr oft von der Tüchtigkeit des einzelnen, davon, dass jeder ein Mann zu sein wisse für sich allein. Der Stolz solcher Männer, von denen ein jeder ein Held ist, ist dann auch ein ganz anderer als der Stolz von Soldatenmaschinen, von denen keiner sich zu helfen weiss, wenn das Bajonett sich krümmt, einer Takt oder Glied verliert. Matthias kannte seine Glarner. Sein Banner hoch, rief er mit gewaltiger Stimme, am Rautiberg werde jeder das Banner finden. Dort hatten sie den Rücken frei und vor sich zerrissenen Grund, gefährlich der Reiterei, ihren Armen aber die gefährlichste Waffe, handvöllige Steine bietend. Da dachte kein Glarner ans Fliehen, keiner suchte seine Hütte, keiner lief nach seiner Habe. Nach dem Rautiberg sahen sie, den kürzesten Weg dahin suchten sie, und wie am Berge die einzelnen Tropfen zusammenfliessen, zum Bächlein werden, das sich durch die Felsen drängt und viele Bächlein zum Strome sich sammeln, der sich durch die Ebene wälzt, so fanden sich die einzelnen zusammen, scharten sich zu Haufen von zwanzig bis dreissig und drangen zu ihrem Banner hin, mitten durch die Feinde. Diese sprengten diese Haufen nur an, wenn sie ihnen zufällig aufstiessen, sie hatten gesiegt in ihrem Glauben, achteten sich der Versprengten so wenig, wie der Wanderer der Steine sich achtet, die ihm im Wege liegen, die er höchstens beiseite schiebt oder bei grösserer Eile sie umgeht, und zerstreuten sich durchs ganze Tal nach Beute. Jedes einzelne Gehöfte war der Zielpunkt einer Truppe, jedes Scheuerlein zog Krieger an, bis auf Glarus hinauf ritten welche, die in der Nähe nichts fanden. Treulich voran gingen den Ihren die Herren, kein Kühlein war ihnen zu schlecht, kein Kälblein zu klein, und mit selbsteigenen Händen griffen sie in die Truhen und Schränke der verlassenen Häuser.
Auch der Thorberger war nicht der letzte dabei und die Seinen wohl abgerichtet zu solchem Werke; doch blieb dem Alten noch jetzt das Auge offen, und mit Schrecken sah er, der Erste, die Gefahr. Die kühne Haltung der einzelnen fiel ihm auf, , noch mehr, dass alle nach einer Richtung zogen, er sprengte auf einen Hügel, der anbrechende Tag zeigte ihm der Glarner Landesfahne am Fusse des Berges, umringt von einem schlachtfertigen Haufen. Da erkannte er den begangenen Fehler, seine Stimme rief zu neuer Schlacht. Viele sammelten sich um ihn, viele blieben beim Plündern, wie die Wespe auch nicht leicht den Stachel aus der Traube zieht, wenn sie einmal den süssen Saft gekostet. Als der ungleiche, mit Steinen besäete Grund die anreitenden Herren trennte, fielen die Glarner auf sie herab, erschreckten die Pferde, verwundeten und schädigten viele, hinderten dieselben, sie zu fassen mit ihrer gesamten Macht; aber wo die Herren sich sammelten, da prallten die Glarner wieder an, scheuten die Pferde, warfen wund die Reiter.
Immer zahlreicher wurden die Glarner, eine immer ängstlichere Hast den Kampf zu beendigen bei den Herren. Da, neues Schlachtgeschrei aus der Berge Klüften; unbekannte Heeresmassen der fürchterlichen Heldenmänner schienen im Anzuge, ein Beben durchs ganze Heer, tobende Pferde zerrissen die Ordnung, über Steine stürzten die Pferde, von Steinen die Herren. Das dunkle Gespenst, das auf den Schlachtfeldern weilt, die Augen blendet, das Herz mit Schrecken füllt, ein unnennbares Grausen über die Heere giesst, begann seine Flügel zu schlagen über dem österreichischen Volk. Da ermass der Thorberger die Gefahr, die ungünstige Stellung, die Wahrscheinlichkeit, dass Hans von Sargans auf die Glarner einbrechen werde, wenn er diese vom Berge locke, und rief zum Rückzug. Er vergass, dass zusammengerafftes Volk wohl in Ordnung vorwärtsrücken, aber nicht in Ordnung sich zurückziehen kann, dass, wo in den Herzen der Schrecken ist, die Füsse kein Mass mehr kennen im Rückwärtsgehen, die Ohren kein Halt mehr hören.
Über Hals und Kopf floh nun alles zurück in immer zügelloserer Flucht, und je weiter man floh, desto weniger konnte man stille stehen, desto wütender eilten die Glarner nach, desto weniger war von Graf Hans etwas zu sehen und zu hören. Der alte Herr von Thorberg tat das mögliche, die Flucht zu hemmen. Mit Namen rief er die Herren und einzelne Fähnlein an, stellte hier oder dort an günstigen Stellen, hinter Zäunen, in Gärten Scharen auf, ein Halt für andere, aber vom Strome wurden sie fortgerissen, von den Glarnern erschlagen. Vergeblich schwang er sein Banner hoch, vergeblich liess Freiherr von Sachs das österreichische Banner fliegen, vergeblich bot Hans von Bonstetten sein ganzes Ansehen auf, zum Stehen das Heer zu bringen, die letzten fanden den Tod.
Den Thorberger, der auf den Tod um sein Banner kämpfte, berührte plötzlich das Gespenst der Schlachten mit seinem Flügel. Ein unnennbares Etwas riss ihn zurück, er liess sein Banner fahren und floh mit Windeseile vom blutigen Grund. Je schneller er floh, desto tieferes Grausen erfasste ihn, und je mehrere mit ihm flohen, desto flüchtiger wurde er; es ist, als ob jeder Fliehende die Angst aller mit ihm Fliehenden ertragen, in sich aufnehmen müsste; wenn Tausende fliehen, trägt jeder tausendfache Angst. Er dachte nicht mehr an das Stellen der Flucht, er sammelte nicht an der Brücke die von allen Seiten heran sich Drängenden, die den Glarnern an Zahl noch immer übermächtig gewesen wären, er eilte voran über die Brücke, diese brach hinter ihm zusammen, und ungezählt versanken Ritter und Knechte in die Fluten. Niemand dachte daran, in Weesen sich festzusetzen, zu verteidigen dieses treue Städtchen, dem die Rache der Glarner drohte. Die Bewohner flohen auf die Berge, die Herren, wo jeder die nächste Zuflucht hoffte, und die Glarner zündeten das verlassene Weesen an, raubten, was sie fortbringen konnten, nahmen ihre Rache.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch