Der blutige Bote
Einst zogen die Savoyer wieder einmal in hellen Haufen sengend und brennend das Wallis hinauf, um den trotzigen Bauern der oberen Zehnten die Freiheit mit dem Schwerte zu verleiden und sie Gehorsam gegen grosse Herren zu lehren. Die Männer des unteren Tales aber wurden alle angeworben und zogen mit hinauf.
Derweilen besorgten die Weiber, wie gewohnt, ihre Wäsche an einem Waschtrog, dem das Wasser aus der Rhone zufloss. Die Frühlingssonne schien warm, und die Frauen waren munter und guter Dinge. Fleissig regten sie Arme und Hände, aber nicht minder geläufig ging ihnen das Mundwerk; das plipperte und plapperte in einem fort. «Es nimmt mich denn doch wunder», meinte die eine, «ob die dummen viereckigen Murrköpfe da oben nicht bald etwas runder und gelimpfiger werden.» «O gewiss», lachte die andere, «rund und kugelig wie geschliffener Rhonesand! Es wohlet einem ganz ums Herz, wenn man dran denkt.» «Ja», sagte eine dritte, «und mein Mann hat mir versprochen, aus dem Kuhland da oben, wo die Stiere Geige spielen und die Kälber tanzen, ein Andenken heimzubringen.» «Nein, aber schaut nur da », rief plötzlich die vierte, «wie rot das Wasser sich färbt! Welch dickes Blut müssen auch die Ringkühe haben, die man heute da oben an der Rhone totschlägt!» Wie die Frau noch sprach, trug das Wasser ein abgeschlagenes Haupt herab und warf es in den Trog. Es war ihres Mannes blutiges Haupt.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch