Mutabor Märchenstiftung

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Der Mord von Greifensee

Land: Schweiz
Kanton: Zürich
Kategorie: Sage

Die Eidgenossen zogen mit Macht gen Greifensee und lagerten davor. Aļs nun die im Städtlein und Schloss sahen, dass die Eidgenossen daherzogen, und sich wohl versahen, sie würden sich davorlegen, da taten sie als fromme biderbe Leute, denn es waren ihrer zu wenig im Städtlein und auch im Schloss, nicht über 63 Mannen, und die besorgten, dass sie Städtlein und Schloss nicht besetzen möchten nach Notdurft, dass sie das Städtlein wollten anzünden und verbrennen und das Schloss halten. Also steckten, die auf der Feste waren, das Städtlein selber an und verbrannten es in Grund und Boden, und was darinnen war an Rossen, Rindern, Kühen und anderem Vieh, und viel Gutes an Korn und Haber, das die Leute darein geflüchtet hatten, und nahmen Weiber und Kinder und schickten sie alle gen Zürich. Und es fielen die armen Frauen und Kinder zu den Löchern, Kellern und Fenstern heraus und halfen einander heraus, wie sie konnten, und kamen also arm, nackend und bloss in bösen Kleidern heraus zu den Eidgenossen in grosser Betrübnis, ihrer um die sechsundvierzig Weiber und Kinder. Also sandten sie die Eidgenossen von sich in guter Gesinnung hinauf gen Uster in das nächste Dorf.

Da legten sich die Eidgenossen vor das Städtlein und in der Stadt Graben und fingen an zu schiessen mit dem grossen Zeug. Aber es brachte dem Schloss ganz und gar keinen Schaden. Und also lang trieben sie es, dass sie gross Gut an dem Schloss verschossen und selber meinten, sie müssten unverrichteter Sache abziehen, denn alles Schiessen war nicht anders, denn man hätte mit einer Schneeballe wider die Mauer geworfen. Da es nun nicht verfing, da hatten die Eidgenossen Rat, was in der Sache zu handeln wäre, und wie sie die Sache fürder wollten angreifen. Und derweil sie also beieinander waren, so kommt einer aus dem Amt Greifensee, der hiess der Maler, und sagt ihnen, dass sie von allem Schiessen ganz lassen sollten, denn es hülfe nichts. Die Mauer wäre so dick, dass sie all ihr Zeug umsonst verschössen, und es wäre keinen Weg nichts zu gewinnen, denn allein mit Graben. Er wäre vormals oft darin gewesen und hätte des gut acht gehabt, wo am allerbesten zu graben wäre. Das wolle er ihnen zeigen.

Da das die Eidgenossen hörten, gewannen sie grosse Freude und fingen an und liessen einen Schirm zurüsten oder eine Katze und zogen ihn ans Schloss nach des Verräters Geheiss bei der Nacht mit Gewalt und fingen an zu hauen in einem ganzen Felsen. Da nun die im Schloss das sahen, da nahmen sie den Altarstein in der Kapelle und warfen den auf das Gerüst hinab auf die, die da gruben, und zerwarfen das Gerüst, und alle, die darunter gruben, kamen zutode. Da das die Eidgenossen ersahen, wurden sie ganz betrübt und zornig und meinten, das Haus nimmer zu gewinnen mit Gewalt, und rüsteten einen andern Schirm zu und zogen den auch an des ersten Stelle. Und das hörten die im Schloss und schossen und warfen auf sie gar fest, und erschossen ihnen viel Volks zutod, ohne die sie verwundeten. Doch so half es alles nichts, denn sie hatten kein Schussloch auf der Erde. Dennoch verging kein Tag, sie erschossen ihnen denn viel Leute und taten ihnen grossen Schaden vom Schloss hinaus.

Und da der Schirm hinzugeführt ward, da gruben die Eidgenossen eben so fest wie zuvor, und das mochten, die im Schloss waren, nicht wenden noch wehren. Die Eidgenossen hatten wohl zehn Schmiede, die nun die Hämmer spitzten, so fest gruben sie, und was sie gruben, das unterbauten sie mit Holz, und legten Stroh und Scheiter darunter. Und da sie das lang trieben mit dem Graben, da fing die Mauer an gar heftig sich vom Gebälk zu schälen und zu reissen. Wie denn die Böden sich von den Mauern seehalb alle lösten, da sahen die im Hause wohl, wie es um das Haus bestellt war, und dass sie nothalb das Haus den Eidgenossen müssten übergeben oder sonst elendiglich verderben und sterben.

Da das nun der Hauptmann Wildhans von Breitenlandenberg sah, da riet er, dass man den Eidgenossen das Schloss sollte übergeben auf Gnade. Das brachte man vor die Eidgenossen. Die Eidgenossen aber wollten das nicht tun und meinten, sie hätten solch empfindlichen Schaden von ihnen empfangen, dass sie keine Gnade mit ihnen teilen möchten. Da nun die im Schloss sahen, dass es nicht anders sein mochte, da gaben sie das Schloss auf und wollten lieber gebeichtet und gereut sterben, denn so elend umkommen ohne alles Gottesrecht. Nun hatten sie das Tor so wohl vermacht, dass die Eidgenossen nicht dadurch hineinkommen mochten, noch sie aus dem Schloss heraus. Also mussten die Eidgenossen Leute ausziehen, die an einer Leiter hinauf zu einer Lucke hinein zu ihnen stiegen. Die fingen die drinnen

waren, und banden sie. Das geschah auf den Dienstag vor dem heiligen Pfingsttage und währte bis am nächsten Donnerstag darnach.

Auf den nächsten Donnerstag wurden die Eidgenossen zurat, wie man sich mit den Gefangenen halten sollte, ob man sie bei ihrem Leben sollte bleiben lassen oder nicht. Also ward unter ihnen das Mehr, dass man sie auf die Matte führen sollte, und solle zurat werden, wie man sich mit ihnen halten sollte. Und also geschah es. Und es ward angefragt Itel Hans Reding von Schwyz. Der riet bei seinem Eid, ihn bedeuche, dass man sie alle mit dem Schwert sollte richten, ausgenommen den Kupferschmied; den sollte man ledig lassen, weil er ein geborener Schwyzer sei. Das war der erste Rat. Da riet ein anderer: Nein, ihn könne es bei seinem Eid nicht bedünken, dass man sie alle sollte richten, da sie von Gebotes wegen ihrer Herrn und Oberen da gelegen wären und sie nichts anderes getan hätten, als fromme, ehrliche, biderbe Leute. Aber um die, welche Söldner wären und von Soldes wegen dahergekommen wären und wohl daheim bei den Ihren hätten bleiben können, wärs der Hauptmann oder andere, so deuchte ihn wohl bei seinem Eid, dass man sie füglich mit dem Schwerte richten möchte mit allem Recht. Ein anderer frommer biderber Mann riet also, ihn bedeuche bei seinem Eid, dass man ihrer keinen mit keinem göttlichen Rechte möchte richten zutode; denn zufürderst, weil der von Landenberg, der Hauptmann, der von Zürich Hintersass und Burger, schuldig sei, dem Gebot seiner Herren nachzukommen, und wo er das nicht getan, so wär es ihm und allen seinen Nachkommen eine grosse Unehre und Schande gewesen. «Darum so dünkt mich bei meinem Eid, den ich geschworen habe, dass er hie nicht anders gehandelt habe, als ein frommer, biderber Mann, und lasse ihn abziehen mit seiner Habe. Und seiner Knechte halb rede ich also; sie sind seine gedungenen Knechte lange Zeit gewesen und haben sich nicht scheiden wollen von ihrem Herrn, als der Krieg sie bei ihm ergriffen hat. Und so weiss ich kein Arges von ihnen allen, denn dass sie sich wacker auf dem Haus Greifensee gehalten haben, darum ich sie auch ledig sage wie ihren Herrn. Und der Söldner halber rate ich also: sie sind arme Handwerkersleute von dem Zürichsee oder aus der Stadt, oder anderswoher aus deren von Zürich Gebiet. So sind sie arme, darbende Leute, und besonders etliche darunter, die überladen mit viel Kindern und sich jetzt zumal in diesen bösen, harten Zeitläuften ihrer Arbeit nicht können oder mögen begeben, und ohne allenzweifel hat ncihts denn Armut und grosser Gebrest, den sie an Weib und Kind gesehen, sie dazu gezwungen, dass sie in diese Not gekommen. Und dieweil sie je und je fromme, biderbe Leute gewesen und noch sind, so. bedünkt es mich bei meinem Eid, dass sie nicht anders auf dem Haus Greifensee gehandelt haben, als ihnen nach Ehren zugestande sei; und ich erkenne sie frei und ledig nach meinem Rat, wie die Vorderen alle. Das dünkt mich wohl und nicht übel getan.»

Als nun viel geredet ward, da gewannen etliche Eidgenossen Unwillen zusammen und folgten etliche dem, der andere dem. Es redeten auch etliche Gutes und etliche Böses, wie denn allerlei Leute da waren. Da stund Itel Hans Reding von Schwyz auf und redete mit scharfen Worten zu dem, der sie alle ledig erkannt und schwor übel dazu: «O ich hör wohl an deiner Rede, dass dir noch der Federn eine vom Pfauenschwanz im Arsch steckt! Eh ich den Hauptmann und die Söldner leben lasse mit meiner Stimme, so will ich butz und bänz töten alle miteinander!» - Und also ward von dem von Schwyz das Mehr gemacht, dass man sie alle solle enthaupten.

Also führt man die frommen, biderben Leute alle auf die Matte. Da ward gross Weinen und Klagen von den Ihren um sie. Denn da kamen auf die Matte derer auf dem Schloss Greifensee alte Väter und Mütter, die durch den Tod ihrer Söhne sich altershalber nicht wohl ernähren mochten und baten um Gnad die Eidgenossen mit grossem Weinen und Schreien. Da kamen auch ihre Weiber und Kinder und baten auch um Gnade. Etliche Frauen kamen schwanger, die gross mit den Kindern gingen, und etliche zwei oder drei an der Hand führten, und etliche viel mehr, und baten alle mit grossem Weinen um Gnade und Barmherzigkeit. Aber den unseligen Mann Itel Hans Reding hatte der Teufel so durstig gemacht nach der armen Leute Blut, dass weder Bitten noch Beten bei ihm verfing, und sandte um und um seinen bösen Samen darein. Also hiess man sie alle beichten und schlug einem nach dem andern sein Haupt ab. Das währte so lange, dass man die Hintersten bei brennenden Schauben musste richten. Viele der Eidgenossen waren, die weinten wie die Kinder und redeten offen: «Wir tun heut eine Sache, die Gott an uns empfindlich wird rächen! Das muss männiglich vernehmen und inne werden.»

Dieweil man die ersten richtete, hatten etliche schwangere Frauen ihren Mann in dem Schoss und meinten, ihm damit sein Leben zu fristen. Aber es half alles nichts: wenn es an ihn kam, so nahm ihn der Scharfrichter der Frau aus dem Schoss und schlug ihm sein Haupt ab. Derselbe Scharfrichter hatte solche Erbärmd mit den frommen Leuten, dass es über alle Massen war. Da er nun an den Zehnten kam, den stellte er an einen Ort und meinte, den nach kaiserlichem Recht zu seinem Zehnten zu nehmen. Da redete Itel Hans Reding von Schwyz: «Wir haben Landrecht; darum richte vor dich und schweig mit kläffen!» Also kam es an den Zwanzigsten und an den Dreissigsten, und fürder forderte er allerwegen sein Recht und stellte also wohl bei Sechse, die ihm gefielen und jung waren, an einen Ort, und meinte, sich die zu behalten nach kaiserlichem Recht. Da redete abermals der Schwyzer: «Richt und mach’s kurz!» und schwor gar übel; «Oder ich will richten!» - Also richtete er die Fünf auch. Nun hatte Meister Peter, der Scharfrichter, den Allerjüngsten an einen Ort gestellt und bat um Gott und unserer Frau willen, dass man’s ansähe und ihm doch den Hintersten folgen liesse, dieweil man ihm doch die Sechs, die ihm nach kaiserlichem Recht billig geblieben wären, nicht hätte gelassen. Aber alle Bitte war umsonst und vergebens. Also ward der Hinterste auch gerichtet und enthauptet.

Nun muss ich euch sagen von einem oder zwei merklichen Wunderzeichen, die Gott der Allmächtige mit ihnen wirkte. Und das war also. Da man den Hauptmann köpfte, von Stund an war da ein wundersamer, schneeweisser Vogel gleich einer schönen Taube. Da man nun den Kupferschmied auch enthauptete, der aus dem Land Schwyz war, da kam der andere Vogel gleich dem vorderen, und flogen also auf der Walstatt um. Und so mancher enthauptet ward, so manche weisse Vögel, den vorderen gleich, kamen und flogen um ihre Leichname ob allem Volk. Also stellte man die Häupter in einem Ring, eins an das ander, und wo man ein Haupt hinstellte, da wächst noch heutzutage kein Gras. Und das sieht man zu ring um das Kapellelein, wo jegliches Haupt insbesondere gestanden ist, und wächst doch um die Stätte, da die Häupter gestanden sind, schön minniglich Gras.

Nach alledem aber nahmen die von Uster und ihre Freunde die Toten auf und luden die Leichname auf Karren, führten die Häupter in zwei Bännen gen Uster und begruben sie und taten ihnen, als wie man Christenleuten tun soll. Die Eidgenossen aber zündeten unter dem Haus das Stroh und Holz an, womit sie unterbaut hatten, was sie an Haus und Schloss untergraben hatten, und zogen heim, eine Zeit zu heuen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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