Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Die Schlacht von Sempach

Land: Schweiz
Kanton:
Kategorie: Sage

Herzog Leopold kam nach dem Sieg, den er über die Elsässischen Reichsstädte erhalten, in seine Herrschaften im Aargau, mit hoher Beteuerung, die Schweizer, Urheber ungerechter Waffen, und ihren trotzigen Bund in gottgefälligem Krieg für sein Volk, für sein Land und für seine Rechte um diese Verbrechen zu strafen. Der Hass der Herren gegen die freien Landleute und Bürger brach an so vielen Orten mit vollem Feuer aus, dass innert weniger Wochen den Eidgenossen dreiundfünfzig Fehden angesagt wurden. In einem kurzen Stillstand rüstete der Herzog alle seine Macht, und innert zwölf Tagen wurden die Schweizer von hundertsiebenundsechzig geistlichen und weltlichen Herren befehdet.

Die Eidgenossen hatten keinen anderen Beistand als ihren Bund und ihren Mut. Sie erwarteten mit Ungeduld den Anfang des Krieges. Nachdem sich die freiwilligen Knechte mit Mühe so lang zurückhalten lassen, vier Tage vor dem Ende ihres kurzen Stillstandes, war alle Mannschaft unter den Waffen. Der Stillstand ging aus; da brach der Krieg los, der Krieg der freien Männer wider die Freiherren.

Die Macht des Herzogs zog sich bei Baden im Aargau zusammen, am gleichen Ort, wo vor einundsiebenzig Jahren das Heer, welches den Streit bei Morgarten tat. Die Eidgenossen, sobald sie den Aufbruch des Fürsten vernommen, waren durch die Kenntnis, welche sie von seiner Gemütsart hatten, gewiss, dass das Kühnste und Grösste an dem Ort, wo er selbst hinziehe, und nicht ohne ihn geschehen werde; und dass keine sieghafte Waffentat, so lang nicht Leopold selbst geschlagen werde, das Glück dieses Krieges entscheiden werde. Sie taten ihren Zug ohne Unterbruch und in Eile; viele von Zug und Glaris, viele vom Entlibuch und aus den Dörfern, wo sie durchzogen, da sie die Schweizer wider den Herzog in eine Schlacht eilen sahen, gesellten sich ihnen bei. Von dem Stein zu Baden zog der Herzog über die Reuss, durch die freien Ämter den Aargau hinauf, über Sursee nach Sempach. Diese kleine Stadt liegt bei drei Stunden von Luzern, oben an einem zwei Stunden langen hellgrünen See; die Ufer, fruchtbar und anmutig, erheben sich aus Wiesen in Kornfeldern und über diesen stand ein Wald, das Land steigt erheblich an. In den Wald kamen die Eidgenossen. Sie sahen den Feind Montag an dem neunten des Heumondes, eine zahlreiche wohlberittene schön gerüstete Reiterei; jede Dienerschaft unter ihrem Baron, die Mannschaft jeder Landschaft unter ihrem Schultheiss, und jedes Landes Herrn zu denselben Landes Banner geordnet; ihre Knechte, eignen Leute und Söldner in Form eines Fussvolkes.

Vor allem Volk glänzte aller Orten Herzog Leopold von Österreich selbst, seines Alters in dem siebenunddreissigsten Jahr, männlich schön, hochgemut und voll Gefühl, voll Heldenfeuer, siegprangend aus manchem wohlvollbrachten Krieg, rachbegierig, durstig zur Schlacht, Es war der Ernte Zeit; sein Volk mähte das Korn. Die Edlen sprengten an die Mauern, um den Bürgern Hohn zu sprechen, fest in dem Entschluss, die Schweizer Bauern mit eigener Hand und ohne das Fussvolk allein zu schlagen. Als der Herzog den Feind in der obern Gegend sah, vergass er, dass eine Reiterei vorteilhafter den Anfall tut bergan als von oben herab; er hielt für notwendig, die Pferde zu entfernen, obschon die schwere Waffenrüstung den Adel zu den Bewegungen eines Fussvolkes unbehelflich machte. Der Herzog befahl hierauf, dass der Adel eng zusammentrete. Diesem starken Kriegshaufen gab er durch die Spiesse, welche bis vom 4. Glied hervorragen mochten, eine undurchdringliche mörderische Fronte, fast wie König Albrecht sein Grossvater in der Schlacht am Hasenbühel gegen die Bayrische Reiterei mit Erfolg versucht.

Über diesen Gewalthaufen hatte unter ihm Herr Johann von Ochsenstein, Dompropst zu Strassburg und Landvogt im Elsass und Sundgau, den Oberbefehl. Die Vorhut von 1400 Mann, welche Friedrich von Zollern, der schwarze Graf, mit Johann von Oberkirch anführte, stellte der Herzog hinter das Heer. Er wollte, dass dem entflammten Adel, bei welchem er selbst war, das Feld frei wäre. Es bestimmte ihn zum Fussgefecht eine Meinung der damaligen Ritter und Edlen, dass, wer in einem Kampf durch ungleiche Waffen oder schnelle List überwinde, den Preis der höchsten Tapferkeit unentschieden lasse; sie hielten dieses für unehrlich; Leopold war durch seine Tugenden vielmehr der hohen Ritterschaft Zier als ein geschickter Feldherr durch Einsicht in das Grosse eines Kriegs.

Als Johann Ulrich von Hasenburg, Freyherr, ein grauer Kriegsmann, welcher die Ordnung der Feinde gesehen, den trotzigen Adel warnte, Hoffart sei zu nichts gut, und es wäre wohl, Herrn Hans von Bonstetten (der vor Brugg lag) sagen zu lassen, dass er eilends hinaufziehe, hielten sie seine alte Klugheit für unedel. So, als einige dem Herzog selbst Vorstellungen machten, wie Schlachtfelder das Vaterland unvorgesehener Zufälle seien, wie dem Fürsten zukomme, für alle zu wachen, und ihnen, für die gemeine Sache zu streiten, und wie viel verderblicher dem Heer der Verlust seines Hauptes, als einiger Glieder sein würde, sprach er, anfangs lächelnd, aber endlich ungeduldig: «Soll denn Leopold von weitem zuschauen, wie seine Ritter für ihn sterben? Eher in meinem Land, für mein Volk, mit euch will ich siegen oder umkommen!»

Die Eidgenossen standen auf der Höhe von Wald bedeckt: solang die Ritter sassen, deuchte ihnen schwer, in der Ebene den Stoss ihrer Menge zu bestehen, und sicherer, in dem anscheinenden Vorteil ihrer Stellung den Anfall auszuharren. Vom Sieg hofften sie, er werde durch Ermunterung des Volkes für den Krieg entscheidend werden; ihren Tod betrachteten sie als den Weg zu ewigem Ruhm und als einen Sporn für die Ihrigen, vom Feind ihre Rache zu suchen. Als der Adel abstieg, zogen die Eidgenossen aus dem Wald in das Feld hinab. Sie besorgten auch vielleicht eine Hinterlist oder eine schnelle Bewegung der übermächtigen Zahl in der bedeckten Gegend. Sie standen in schmaler Ordnung, mit kurzen Waffen, vierhundert Luzerner, neunhundert Mann aus den drei Waldstätten und ungefähr dreihundert Glarner, Zuger und Gersauer, Entlibucher und Rothenbürger, unter ihren Bannern, unter dem Schultheiss der Stadt Luzern und unter dem Landammann eines jeden Tales: Einige trugen die Hallbarden, womit im Pass bei Morgarten ihre Ahnen gestritten, einige hatten statt Schilde ein kleines Brett um den linken Arm gebunden. Erfahrene Krieger sahen ihren Mut. Sie fielen auf die Knie und beteten zu Gott, nach ihrem alten Gebrauch. Die Herren banden die Helme auf; der Herzog schlug Ritter. Die Sonne stand hoch, der Tag war sehr schwül.

Die Schweizer nach dem Schlachtgebet rannten mitten durch das Feld an den Feind in vollem Lauf mit Kriegsschrei, weil sie offten durchzubrechen und alsdann rechts und links nach ihrem Wohlgefallen zu verfahren. Da wurden sie empfangen von Schilden von einer Mauer und von den hervorragenden Spiessen wie von einem Wald eiserner Stacheln. Da stritt mit ungeduldigem Zorn die Hauptmannschaft von Luzern und suchte zwischen den Spiessen einen Weg an die, welche dieselben trugen. Hinwiederum bewegte der Feind mit fürchterlichem Geprassel seine in die Breite ausgedehnte Ordnung, als zu einem halben Mond, womit er die Feinde zu umgeben gedachte. Zu derselbigen Stunde erschien der Stadt Banner von Luzern, lang unterdrückt, weil Petermann von Gundoldingen, Ritter Schultheiss von Luzern, hart verwundet gesunken, der Altschultheiss Heinrich von Moos, und Stephan von Sühnen, sein Schwager, mit vielen andern tapfern Männern umgekommen waren. Da rief laut Antoni zu Port, ein geborner Mailänder, zu Flüelen im Land Uri sesshaft: «Schlaget auf die Glene, sie sind hohl!» Dieses taten die Vordersten mit starker und angestrengter grosser Kraft; sie zerschmetterten etliche Glene, welche von den hintern sofort ersetzt wurden: da fiel der zu Port. Nun war die feindliche Ordnung durch die Natur ihrer Waffen und aus Mangel an Übung unbehülflich zu der Bildung eines halben Mondes; im übrigen bestand sie ungebrochen, fest. Sechzig Schweizer waren erschlagen worden. Man befürchtete die plötzliche Wirkung einer unbemerkten Bewegung der Hinterhut, oder Überraschung von dem Gewalthaufen Bonstettens. Diesen Augenblick banger Unschlüssigkeit entschied ein Mann vom Lande Unterwalden, Arnold Strutthan von Winkelried, Ritter, er sprach zu seinen Kriegsgesellen: «Ich will euch eine Gasse machen!» sprang plötzlich aus den Reihen, rief mit lauter Stimme: «Sorget für mein Weib und für meine Kinder, treue liebe Eidgenossen, gedenket meines Geschlechts », war an dem Feind, umschlug mit seinen Armen einige Spiesse, begrub dieselben in seine Brust, und wie er denn ein sehr grosser und starker Mann war, drückte er im Fallen sie mit sich auf den Boden. Plötzlich stürzten seine Kriegsgesellen über seinen Leichnam hin. Da drangen alle Harste der Eidgenossen Mannschaft mit äusserster Gewalt festgeschlossen hintereinander an. Hinwiederum die Reihen des erstaunten Feindes pressten sich, sie aufzunehmen; wodurch, durch Schrecken, Eile, Not und Hitze, viele Herren in ihren Harnischen unverwundet erstickten, indessen aus dem Wald herab zulaufendes Volk die Schweizer eiligst verstärkte.

Zuerst fiel Friedrich der Bastard von Brandis, ein handfester hoch trotziger Mann, sonst er allein so gefürchtet als zwanzig; bei ihm fiel der lange Friesshard, welcher sich vermessen, die Eidgenossen allein zu bestehen; das Glück des Tages wandte sich. Die Diener der Herren von Adel, unfern bei dem Tross, da sie dieses bemerkten, sassen auf die Pferde, durch schnelle Flucht ihr Leben zu retten. Indessen sank in der Hand Herrn Heinrichs von Escheloh das Hauptbanner von Östreich, und fiel Herr Ulrich von Ortenburg auf die Fahne von Tirol. Jenes rettete eilig Ulrich von Aarburg, Ritter, schwung das Banner hoch empor, widerstand hart, aber vergeblich, bis er verwundet fiel, und mit letzter Lebenskraft laut schrie, «retta Östreich, retta!» Da sprang der Herzog Leopold herbei und empfing das Banner von seiner sterbenden Hand; abermals erschien dasselbe über den Scharen, hoch, blutrot in des Herrn Hand. Aber viele umringten den Fürsten und lagen ihm für sein Leben an. Und schon war in der Hand Herrn Davids von Junkerburg das Banner der Grafen von Habsburg untergegangen; es lag Thüring von Hallwyl, sein Bastard, und sein Oheim Johann; dort fielen die von Lichtenstein, von Mörsburg vier Brüder, und mit fünf seines Namens der edle Ritter Albrecht von Müllinen, welchen der Herzog liebte. Da sprach Leopold: «Es ist so mancher Graf und Herr mit mir in den Tod gegangen, ich will mit ihnen ehrlich sterben», verbarg sich seinen Freunden, von Wehmut und Verzweiflung hingerissen, vermischte sich in den feindlichen Haufen, suchte seinen Tod. Von allen Orten war der Feind eingebrochen, mit grosser Not hielten kaum die Schultheissen der Aargauer Städte ihre Banner aufrecht. Im Gedränge der Scharen fiel der Herzog zur Erde; voll Schlachtwut rang er in der schweren Rüstung (weil er nicht ungerochen umkommen wollte), sich empor zu helfen. Ein unansehnlicher Mann aus dem Lande Schwyz fand ihn über dieser Bemühung, da rief Leopold hülflos: «Ich bin der Fürst von Östreich!» Dieses hörte jener nicht, oder er geübte es nicht, oder es deuchte ihn, die Schlacht hebe alles auf. Als der Herzog durch die Natur der Wunde den Geist alsobald aufgegeben, erblickte ihn von ungefähr Martin Malterer, der das Banner der Stadt Freiburg im Breisgau trug; versteinert stand er, das Banner fiel ihm aus der Hand, plötzlich warf er sich über Leopolds Leichnam hin, damit er nicht von Feinden und Freunden befleckt und gequetscht werde; er erwartete und fand hier seinen eigenen Tod. An eben diesem Ort stritt bis in den Tod Rudolf der Harass, Herr von Schönau, Harnischmeister des Herzogs. Die Augen der Scharen suchten den Fürsten, vergeblich, da wandte sich auf einmal die Macht von Östreich grauensvoll auf die Flucht, also schrien alle Edlen: «Die Hengste daher, die Hengste daher!» Da zeigte ihnen kaum der ferne Staub den Weg der Flucht, auf den ein ungetreuer Graf sie längst mit fortgerissen. Ihnen, in drückenden Rüstungen, in unerträglicher Hitze, erschöpft von Durst und Arbeit, blieb übrig ihren Herrn zu rächen, und jedem, wie er konnte, sein Leben, wo nicht zu retten, doch teuer zu verkaufen. Bei den Eidgenossen fiel Konrad, Landammann von Uri, der Frauen von Zürich Meyer, Kastvogt von Attinghausen, Ritter; Sigrist von Tiesselbach, Landammann deren von Unterwalden ob dem Kernwald; von Glaris Konrad Grüninger, ein tapferer Mann (dafür gaben die Männer von Schwyz desselben Sohn das Landrecht). Indes verblutete an vielen Wunden der Schultheiss Petermann von Gundoldingen, ein Luzerner eilte an den Ort, wo er lag, um seinen letzten Willen zu vernehmen; der Schultheiss, fern von Gedanken eines Privatmanns, gab ihm zur Antwort: «Sage unsern Mitbürgern, sie sollen keinen Schultheiss länger als ein Jahr an dem Amt lassen; das rate ihnen Gundoldingen, und wünsche ihnen glückliche Regierung und Sieg», unter welchen Worten das Leben ihn verliess. Aber in dem feindlichen Heer half dem von Hasenburg nicht, sein Unglück vorhergesehen zu haben, fiel mit ihm Johann von Ochsenstein, der seiner Klugheit spottete. Ein Mann von Gersau sah das Banner von Hohenzollern schweben, eilte und brachte diese glorwürdige Beute davon. Die Bürger von Bremgarten glänzten schrecklich von Feindesblut, so dass das Haus Östreich den Ruhm solcher Treu durch die Veränderung ihrer Stadtfarbe verewiget; nach zwölf Zofingern fiel ihr Schultheiss Niklaus Thut, unbekümmert seines Todes, aber des Banners, das die Bürger von Zofingen seiner Hand anvertrauten; damit sich keine feindliche Gemeine dessen zu rühmen habe, riss er es in Stücken, und wurde unter den Toten gefunden, den Stock des Banners zwischen seinen Zähnen festhaltend ; von dem an liessen seine Mitbürger die Schultheissen schwören, «der Stadt Banner von Zofingen so zu hüten wie der Schultheiss Niklaus Thut.»

Sechshundertsechsundfünfzig war die Anzahl der erschlagenen Grafen, Herren und Ritter, so dass der Glanz der fürstlichen Hoflager für viele Jahre unterging und im Lande gesprochen wurde, Gott sei zu Gericht gesessen über den mutwilligen Trotz der Herren von Adel. Nachdem auf beiden Seiten fast alle Befehlshaber so oder anders geblieben, unterlag der Zorn der Sieger der Arbeit und Hitze des Tages; ruhig folgten die Östreicher der Begierde des Lebens; die Schweizer, da sie zu dem Tross gekommen, der Begierde der Beute.

Dieses Ende nahm der grosse Tag der Sempacherschlacht, in welcher Arnold Strutthan von Winkelried mit Aufopferung seines Lebens die Blüte der schweizerischen Mannschaft vor ihrem Untergang, das Vaterland vor äusserster Gefahr gerettet.

Denselbigen Tag erging an Zürich, Bern, Zug und Glaris die Botschaft von der Landesrettung. Am Tage nach der Schlacht, als eine fliehende Abteilung in Sursee noch ereilt und erschlagen worden war, gaben die Schweizer einen Waffenstillstand, um die Toten zu begraben. Der Fürst von Östreich wurde mit sechzig erschlagenen Herren und Rittern in das Kloster Königsfelden geführt; er wurde bestattet in der marmornen Gruft, wo die Königin Agnes mit andern ihres Hauses ruhete; zwanzig Herren aus dem Aargau wurden in die Gräber ihrer Voreltern gelegt, alle übrigen auf der Walstatt in grosse Gruben; zweihundert erschlagene Eidgenossen zu Luzern begraben. Für die Ruhe der Seelen, ohne Unterschied, ob sie Freunde oder Feinde gewesen, wurde eine ewige Jahrszeit verordnet.

Nachdem die Sieger ihrer Sitte gemäss drei Tage lang auf der Walstatt verharret, machten sie sich auf, mit fünfzehn eroberten Bannern: sie zogen in ihre Städte und Länder, singend ihre Tat.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch