Mutabor Märchenstiftung

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Der Heldenkampf der Eidgenossen bei Sankt Jakob an der Birs

Land: Schweiz
Kanton: Basel
Kategorie: Sage

Wie es nun auf den Abend geschah, dass des Delphinen Heervolk gen Muttenz und Pratteln kam und allda sich lagerte, da wurden dessen die von Liestal gewahr und taten es den Eidgenossen, die vor der Farnsburg lagen, zu wissen. Wie nun solches unter die gemeinen Knechte der Eidgenossen kam und es einer dem andern sagte, begannen ihrer ein Teil gar unruhig zu werden und meinten, man sollte die Feinde nicht so nahe liegen lassen auf freier Weite; man sollte sie suchen und angreifen, wie viele ihrer auch wären. Wie nun das Volk gar unruhig war, da hatten die Hauptleute bald Rat. Etliche rieten und meinten, man sollte mit aller Macht auf die Feinde ziehen und die Belagerung des Schlosses fahren lassen; etliche meinten, es stünde ihnen übel an und wäre schmählich, die Belagerung jetzt also aufzugeben, so sie doch also lang vor der Feste gelegen wären. Es möchte vielleicht nur ein Gezüge der Feinde sein, sie zu bewegen, von der Belagerung zu lassen, damit die in der Feste ohne alle Mühe entschüttet würden, und dann hätten sie an keinem Orte nichts ausgerichtet. Aber was man auch riet, so war das gemeine Volk also wild und ungestüm, dass sie endlich wollten, man sollte die zu Pratteln angreifen. Also nach langem Ratschlagen, das in der Nacht geschah, dieweil man doch sah, dass das Volk nicht zu leiten war, ward man tätig, dass man von allem Volk zwölfhundert Mann wollte ausschicken, zu erkunden, wo und wie die Feinde lägen, ob ihrer viel oder wenig zu Pratteln wären, und zu lugen, ob ihnen etwas anzuhaben wäre. Doch sollten sie bei Eid und Ehre nicht über die Birs ziehen.

Als nun die Eidgenossen gen Pratteln nahten, und der Feinde auf der Matte daselbst sichtig wurden, da wollten die Hauptleute einen Ratschlag getan haben. Aber die Knechte wollten nicht säumen, liefen ohne alle Ordnung gegen die Feinde und griffen gleich den Haufen kühnlich an. Und es nahmen die Feinde die Flucht, und die Eidgenossen eilten ihnen nach und erschlugen viel Volkes und gewannen viel schöner Banner, ereilten auch viel Wagen, Ross, Schiff und Geschirr, und dazu grosses Gut. Wer allerbest zu laufen vermochte, der tat es, und sie hielten sich unordentlich und wollten niemandem folgen; denn die Eidgenossen hatten noch keinen Mann verloren; es waren aber wohl viel Knechte wund.

Aber die frommen Bürger von Basel hatten einen Diener, genannt Friedrich von Strassburg; der hatte das Volk überschlagen, denn er war von Liestal ausgeschickt worden, dass er sehen sollte, wie es sich machen wollt’. Den schickten sie in allem Guten und Treuen von Stund an den Eidgenossen als Boten, sie zu warnen. Der sagte ihnen und bat sie, sie sollten um keine Sache den Birsrain herabkommen, denn es wäre des Volks zu viel. Da meinten etliche, er wollte sie zaghaft machen und erstachen ihn, also tobig und wütig war das Volk, und die Hauptleute mochten’s nicht wenden und wehren. Dennoch schickten ihnen die Basler einen herrlichen Ratsfreund hinaus, der Sevogel genannt. Sie aber spotteten seiner und sprachen, ob sie in der Stadt innen sich fürchteten. Der Sevogel aber wollte mit nichten zag sein und rief: «Nun hin, ich will heut bei euch bleiben. Heute Sevogel und sonst nimmermehr! Das muss jedermann sehen und hören!» und er blieb bei ihnen und ward erschlagen. Er hielt sich gar ritterlich. Aber die Eidgenossen wollten gar nie keinen Feind fürchten.

Und so kamen sie an die Birs. Da sahen sie des Delphins Heervolk vor ihnen zu Gundeldingen halten. Also hielten die Hauptleute das Volk auf, bis dass die meisten zueinanderkamen, wie sie denn im Nacheilen weit voneinander zerstreut und zerlaufen gewesen. Da wollten sie geradeswegs hindurch über die Birs, was immer die Hauptleute sagten oder verboten. Und es unterstunden sich die Hauptleute mit allem Ernst, dawider zu sein, und hielten die Knechte auf, so gut sie vermochten, und ermahnten sie ihres Eides. Aber es half nichts; sie wollten nicht folgen. Ueli Loriti von Glaris schrie seinem Hauptmann, Rudolf von Netstal zu: «Wollt ihr zag sein, so sollt ihr wieder hinter sich!» Der Netstaler antwortete: «Du öder Wicht! Dein Zag will ich nimmer sein. Mit Ehren will ich leben oder sterben.» Auch andere Hauptleute mussten viel schmählicher unschicklicher Worte von ihren Knechten hören. Das Volk war ertaubet und ganz schellig. Sie wollten über die Birs, es wäre den Hauptleuten lieb oder leid, und sie zogen hinüber. Und da es nicht anders sein mochte, so fuhren die Hauptleute mit ihnen dran. Und alsobald sie nun durch das Wasser kamen, fochten sie bis auf die Vesper.

Die Armagnaken flohen alsgemach hinter sich, bis sie zu ihrem grossen Heerhaufen kamen. Die Eidgenossen, nach Blut gierig und nach Sieg lüstern, wollten Ehre gewinnen und verloren Leib und Leben. Sie waren bis zum Siechenhaus von Sankt Jakob gekommen nur eine Viertelsmeile von Basel entfernt. Hier warf der Armagnaken ganze Macht sich über sie. Hart und grausam ward gestritten. Über die Massen viel Volk ward auf beiden Seiten erschlagen. Die Eidgenossen rissen die blutigen Pfeile sich aus dem Leib und warfen sich noch mit abgehauenen Händen auf die Feinde, und starben nicht, sie hätten denn zuvor den niedergelegt, dem sie erlegen. Etliche, von Speeren durchbohrt und beschwert von Pfeilen, rannten in die Armagnaken hinein, ihren Tod zu rächen. Vier Armagnaken waren an einem einzigen Eidgenossen, den sie mit Pfeilen zu Boden geschossen, und wüteten auf seinem Leibe. Da lief sein Geselle schnell mit einer Halbarde herzu, drang auf die vier ein, schlug zwei zutot und verjagte die andern beiden, lud darauf seinen halbtoten Gesellen auf die Achseln und trug ihn, den Feinden trutzend, zu den Seinen.

Nun war hinter den Eidgenossen die Mauer des Gartens zu Sankt Jakob. Durch diese Mauer hielten sie von einer Seite sich gedeckt und kämpften nur nach vorne. Aber das deutsche Kriegsvolk, das bei den Armagnaken war, brach hinter ihnen durch die Mauern in den Garten und fiel die Eidgenossen im Rücken an. Nun mussten sie vorwärts und hinterwärts kämpfen, und allenthalben war Mann an Mann. Aug in Aug schwang man das Schwert. Aber die Eidgenossen, als wie Löwen, rasten herum durch den ganzen Heerhaufen ihrer Besieger. Sie schlugen und warfen alles nieder, was sie konnten, nicht um den Sieg mehr streitend, sondern nur ihren Tod noch rächend, und es war keiner nicht, er roch seinen Tod fünffalt an den Feinden, ehe er fiel.

Vom Morgen bis zur Nacht hat die Schlacht gedauert, und zuletzt sanken die Eidgenossen in dieser Mannschlacht, nicht besiegt, sondern müdgesiegt, mitten unter gewaltigen Haufen von toten Feinden zusammen.

Den Armagnaken blieb das Feld. Aber nicht durch Mannheit haben sie gesiegt, sondern durch Übermacht, und ihrer wurden mehr erschlagen, denn der Eidgenossen. Es verdarb aber die Eidgenossen ihr hoher Mut, oder ihre Tollheit. Denn die Feinde verachtend, kamen sie ins Garn, daraus sie nicht mehr entrinnen konnten. Wer weise ist, der fürchtet den Feind nicht, aber er verachtet ihn ebensowenig.

Als der Kampf geschehen war, da ritt Herr Burckhardt Münch, ein Ritter, der den Delphin ins Land geführt, mit etlichen deutschen Rittern über die Walstatt durch die erschlagenen Eidgenossen, tat sein Visier am Helm auf und sprach, überlaut lachend: «Heut baden wir in Rosen!» Das hört ein Eidgenoss, der allda todwund lag, Aerni Schick von Uri. Der ergriff einen faustgrossen Stein und hebt sich auf die Kniee, wirft ihn Herrn Burckhardt ins Visier hart unters Antlitz mitten zwischen Augen und Nase, dass er übers Ross herabsank und hat kein Wort mehr geredet, und starb am dritten Tag. Also hat er sich zutod in den Rosen gebadet.

Und ein gross schandbar Laster taten die Feinde, da sie den Sieg also gewonnen, dass sie ihnen allen, sie wären noch lebend, wund oder tot, die Kehlen abrissen und den Hals aufhieben, und warfen die Häupter so weit voneinander, dass man keinen mehr erkennen konnte noch mochte, einen für den andern. Das sagte mir der Priester zu Sankt Jakob an der Birs, der sie hat helfen begraben und bestatten.

Der Delphin aber gehub sich übel, dass er diese tapferen Eidgenossen zutode gebracht, und weinte und sprach: «Ich wollte, dass kein Eidgenoss erschlagen wäre und sie noch lebten und in meines Vaters, des Königs Dienst wären um grossen Sold.» Härter Volk hab er nie gesehen und erhört, und nimmer wollte er wider die Eidgenossen streiten.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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