Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Die Schlacht von Marignano

Land: Schweiz
Kanton:
Kategorie: Sage

Die Eidgenossen waren aber also nahe hinzugerückt, dass sie anfangen mochten, die grossen Haufen der Feinde, doch weit vor ihnen, in Ordnung halten sehen. Und es waren der Haufen viele. Also stärkten die Hauptleute ihre Knechte mit tröstlichen Worten. Auch war da ein Hauptmann von Zug, Werner Steiner genannt, der hiess ihm drei Schollen Erde aus dem Erdreich reissen und ihm auf seinen Hengst bieten. Das geschah. Da nahm er die Schollen in seine Hand und warf sie über den Haufen, der den Angriff tun sollte, mit den Worten: «Das ist im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; das soll unser Kilchhof sein, fromme, treue, liebe Eidgenossen.» Redete er: «Aber seid männlich und gedenke keiner heim! Wir wollen mit Gottes Hilfe auf den heutigen Tag noch gross Lob und Ehr einlegen. Tut als biderbe Leute und nehmt die Sache mannlich und unverzagt zuhanden!» Auch mahnte er die Leute, dass jedermann niederknien und fünf Paternoster und fünf Ave Maria mit zertanen Armen in das Leiden und Sterben Christi sprechen sollte, dass uns Gott der Herr gnädig und hilfrich wäre. Das tat auch jedermann gehorsam.

Und da man nun aufstand und in Ordnung behutsam gegen die Feinde rückte und mit allen Büchsen in sie schoss, so fingen die Feinde an, und liessen all ihr Geschütz, Kartaunen, Schlangen, Fagunen, Haken und Handgeschütz, alles dahergehn, dass einer hätte mögen meinen, der Himmel täte sich auf und wäre ganz Feuer, und Himmel und Erdreich wollten zusammenbrechen. Das Handgeschütz und die Haken gingen unter den grossen Stücken, gleich als ob ein grosser Haufen Wacholder mit Feuer angezündet werde. Denn der König hatte wohl 6000 Handbüchsenschützen. So hatten die Eidgenossen auch 1000. Die brauchten sie beiderseits, was sie vermochten. Die Eidgenossen drangen stets vor, wiewohl ihnen das Geschütz unsäglich grossen Schaden tat; kamen an Gräben, die voll Wassers waren, und auch etliche trockene. Aber in den nassen Gräben ging den Knechten das Wasser meistens bis an das Herzgrüblein. Die lagen auch alle voll erschossener Leute, dass man mühsam vor toten Eidgenossen und Feinden hindurchwaten mochte.

Als man nun mit grosser Not und Arbeit über die Gräben kam und die mit den Hakenbüchsen, die ihre Schanzen wie Rebhäglein auf den Gräben hatten, vertrieb, da stunden die grossen Haufen der Feinde gar tapfer in Ordnung. Da hub sich erst der bittere Ernst mit Schlagen, Hauen und Stechen. Und es war ein ganz harter Angriff. Denn es ging zuerst an den schwarzen Haufen. Das waren sechshundert Geldersche Knechte; die wehrten sich tapfer. Doch mussten sie der Wucht der Eidgenossen bald weichen. Dann ging es an die Landsknechte und an den welschen Haufen. Da hub sich Angst und Not, und es erging auch noch immer das Geschütz ohn Unterlass. Und die Eidgenossen drückten mit Stichen und Streichen so handlich vor, dass sie die Landsknechte und Welschen in und durch zwei tiefe Wassergräben, mit Toten gefüllt, hinter sich in ihr Lager trieben und darin so lang schlugen, bis dass sie die Nacht mit buntfarbenem Himmel voneinander schied.

Also gab Gott der Herr den Eidgenossen auf denselben Abend so viel Glückes, dass sie ihre Feinde hinter sich trieben, doch nicht also dass sie eine rechte Flucht täten, sondern mit bewehrter Hand auf ihrem Platze auf die tausend Schritte weit oder mehr ungefährlich weichen mussten, und ihnen sechzehn Stück Büchsen auf Rädern abgewonnen wurden.

Darunter war es auch finstere Nacht geworden, dass niemand den andern mehr erkannte, und dazu kam, dass ein Haufe der Eidgenossen den andern angriff für Feinde, und viele der Vordersten erstochen wurden, ehe sie einander erkannten. Auch hatten sich viele der Eidgenossen unter die Feinde und der Feinde viele unter der Eidgenossen Haufen in der Weite unwissend verloren. Wo man sie erkannte, da wurden sie jämmerlich erstochen und erschlagen. Und es stunden also die Eidgenossen, die in den Gräben ganz nass geworden waren, die ganze Nacht in Ordnung, und es war mächtig kalt. Es wärmten sich ihrer etliche auch an den brennenden Häusern. Es waren aber die Mauern von der Hitze also sehr zermürbt, dass eine Mauer niederfiel und darunter wohl sechzehn Knecht verschüttet wurden und umkamen. Man hatte auch nicht ein Dinglein zu essen oder zu trinken, und die Welt war gar hungrig und durstig. Des Königs Heer aber hielt Wacht zuring um der Eidgenossen Ordnung; denn der Feinde waren gar viel. Und allemal, wenn sie einen Umritt taten mit ihren Trompetern, so mochte man klärlich hören, dass sie zuring um der Eidgenossen Heer ritten.

Als es nun wohl eine Stunde vor Tag geworden war, waren nicht sonderlich viel Eidgenossen mehr auf dem Feld. Wo ein Wunder war, waren allerwegen zwei oder drei, die ihm wollten helfen, nach Mailand bringen. So waren denn am Abend vorher weit über tausend erschossen worden, ehe denn man von Hand zu schlagen und zu stechen aneinander kommen mochte. Dazu waren etlicher Orte und zugewandter Fähnlein abgewichen. Dadurch war der Eidgenossen Volk klein geworden. Dessen allen hatte auch des Königs Heer gute Kundschaft. Er besandte von Stund an die Venediger; die waren ihm dann auch zuhilf zugezogen und stunden unfern. Also kamen sie gar bald, machten ihre Ordnungen. Und morgens, dieweil die Blutstreifen noch schienen, da hielt das französische Heer still in guter, starker Ordnung, mit gewaltigem Geschütz auf alle Seiten gerichtet, der Eidgenossen Anlauf zu empfangen. Und da es begann zu tagen, machten die Eidgenossen auch ihre Ordnung, und wie sie anfangen, vorzurücken, so ist des Königs Zug hinten an der Eidgenossen Ordnung und griff die Eidgenossen hart an.

Da nun die Eidgenossen die Franzosen gewahr wurden, huben sie erst an, einander zu mahnen und zu schreien wie ein ungeordnet Volk, der eine hierher, der andere dorthin. Also kehrten sie sich bald um und wehrten sich als biderbe Leute und stritten also männlich mit ihnen, dass sich die Feinde wieder umwandten und hinter ihr Geschütz wichen. Und als die Eidgenossen ihnen nachdrückten, so fingen sie aber an, wie am Abend, also heftig zu schiessen, dass die Eidgenossen aus Not vor dem Geschütze auf der rechten Seite der Ordnung anfingen zu weichen. Da mussten auch die andern, die gern ihr Bestes getan hätten, auch hinter sich weichen, wiewohl ihnen die Feinde nicht nacheilten.

Nun war da ein grosser Haufe bei dem Urner Horn, so die ganze Nacht gebrüllt hatte, versammelt; der unterstund sich, die Vorhut der Feinde mit einem Schwank handlich anzufallen, ward aber im Schwank alsbald mit dem Hauptgeschütz so heftig zertrennt, zertrümmert und zerschossen, dass er nicht mehr zusammenkommen noch stehen mochte. Dennoch aber widerstunden die, so im Abschuss auf der Bahn beieinander blieben, und ein anderer Haufe an der Seite, den Landsknechten und Cascunern, zwischen und in den Gräben, mit also starker Hand, dass sie, ohne zu weichen, noch grösseren Schaden taten denn erlitten, so lange, bis dass sie, ohne Entschüttung zu schwach, von den Reisigen umgeben und von geschwinden Bognern verschneit, mussten hinter sich weichen, wiewohl stets viel redliche Eidgenossen umzukehren und zu stehen dringlich ermahnten. Aber etliche schrien, zu weichen, von strenger Arbeit, Wachens, Hungerns und Dursts Not, seit gestrigen Mittag erlitten, gedrungen, dass da gar kein Stand mehr mochte gehalten werden. Doch da ritten notfeste und redliche Leute auf ihren Hengsten vor die, so da flohen, und baten und redeten so viel mit ihnen, dass sich jedermann wieder umkehrte und in Ordnung stellte. Also tat man den andern Angriff. Da hub sich aber Angst und Not von Schiessen und Schlagen, und war nichts anderes denn: Wehr hin Wehr dort! Das trieb man bis zum Mittag, und es mochten die Eidgenossen vor den grossen Gräben und dem Geschütz den Feinden nicht an den Leib kommen. Denn der Feinde und Franzosen viele hatten ihre guten Büchsen auf ihren Hengsten. Mit denen rannten sie herzu und schossen in die Eidgenossen gar heftig, und wenn sie abgeschossen hatten, flohen sie hinter sich, bis sie wieder geladen hatten. Dann kamen sie wieder und taten wie zuvor. Und es war der Eidgenossen männlich Fechten dergestalt ganz verloren; denn sie hatten nirgends Büchsen mehr, mit denen man schiessen konnte. Denn die Büchsen und das Pulver war ihnen alles am Abend und morgens in den Wassergräben nass geworden. Also mussten sie mit grossem Schaden abziehn. Denn sie mussten sich oft an den Gräben umkehren und die Feinde hinter sich halten, und wieder allweg in den Rücken, wieder zum Ziel stellen, bis sie die Gräben und Wasser überwunden. Auch verloren sie etliche Feldzeichen, doch nicht viele. Sie gewannen auch etliche, die sie mit sich heimbrachten; auch vier Stück Büchsen auf Rädern mehr, denn sie von Mailand mit sich geführt hatten, wiederum in die Stadt.

Aber es wurden auf beiden Seiten über Vierzehntausend erschlagen, erschossen und erstochen, derer wohl der halbe Teil auf der Eidgenossen Seite umkamen. Das tat das Geschütz und dazu der Rückzug. Denn wer nicht grad beim Haufen blieb, und doch den Feinden entrann, den stachen die Lamparter mit ihren Furken und Eisengabeln zutot und zogen ihn zum wenigsten ab bis an das Nestelhemd und nahmen ihm, was er hatte. Also erging es den Eidgenossen gar übel, desgleichen des Königs Leuten auch; denn ihrer waren nicht minder abends und morgens zusammen erschlagen worden, als von den Eidgenossen umgekommen waren. Gott sei ihnen allen gnädig und barmherzig.

Da kam kein Ort ohne grossen Schaden heim, der ihnen, wie viel redlicher Eidgenossen klagten, mehr vom goldenen denn vom eisernen Geschütz begegnet war.

An diese Geschichte gedenke ein jeglicher frommer Eidgenosse, lasse Fürstentum Fürsten, denen es zusteht, regieren und halte, was er zusagt.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch