Der Näbis-Ueli bei den Preussen
Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekruten wurden auch unter eins gesteckt. Da gieng’s nun alle Tage vor die Tore zum Manövriren; links und rechts avanziren, attaquiren, retiriren, ploutons und divisionsweise schargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehre. Endlich gedieh es zur Generalrevüe; und da gieng’s zu und her ...
Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuten bedeckt; viele tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwey grosse Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das grobe Geschütz aufeinander los. Sie avanziren, kommen zum Feuer und machen ein so entsetzliches Donnern, dass man seinen nächsten Nachbar nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen’s einander in die Flanke, da blockieren sie Batterien, dort formieren sie ein doppeltes Kreuz. Hier marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben aufeinander los, dass Staubwolken über Ross und Mann emporwallen. Hier überrumpeln’s ein Lager; die Avantgarde, unter deren ich zu manövrieren die Ehre hatte, bricht Zelten ab und flieht...
Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hiess: Allons, ins Feld! Schon im Heumonat marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und kamen hinwieder andere aus Preussen und Pommern an. Jetzt mussten sich alle Beurlaubten stellen, und in der grossen Stadt wimmelte alles von Soldaten. Dennoch wusste noch niemand eigentlich, wohin alle diese Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein eh Schwein am Gatter. Einige sagten, wenn’s ins Feld gehe, könnten wir neue Rekruten doch nicht mit, sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich allen meinen Leibs- und Seelenkräften auf, mich bey allen Manövers als einen fertigen dapfern Soldaten zu zeigen (denn einige bey der Compagnie, die älter waren als ich, mussten wirklich zurückbleiben). Und nun den 21.Aug. erst abends späth, kam die gewünschte Ordre, uns auf Morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie gieng es da her mit Putzen und Packen! ... Denn 22. Aug. morgens um drei Uhr ward Alarm geschlagen; und mit Anbruch des Tages stuhnd unser Regiment (Isenblitz, ein herrlicher Name! Sonst nannten’s die Soldaten im Scherz auch Donner und Blitz, wegen unsers Obristen gewaltiger Schärfe) in der Kraussenstrasse schon Parade. Jede seiner zwölf Compagnien war hundertfünfzig Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierte Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring und Kalkstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preussen, Prinz Ferdinand, Prinz Carl und Prinz von Würtenberg, die alle theils vor, theils nach uns abmarschierten, nachwerts aber im Feld meist wieder zu uns gestossen sind. Jetzt wurde Marsch geschlagen; Thränen von Bürgern, Soldatenweibern, H** u.d.gl. flossen zu Haufen. Auch die Kriegsleuthe selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder zurückliessen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmuth und Kummers; die Fremden hingegen jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich gottlob ist unsere Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt umschnallt; dann die Patrontasche über die Schulter mit einem fünf Zoll langen Riemen; über die andre Achsel den Dornister, mit Wäsche u.s.f. bepackt; item der Habersack, mit Brodt und andrer Fourage gestopft. Hiernächst musste jeder noch ein Stück Feldgeräth tragen; Flasche, Kessel, Placken, oder so was; alles an Riemen; dann erst noch eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal übereinander kreuzweis über die Brust geschlossen, dass anfangs jeder glaubte, unter solcher Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge gepresste Montur, und eine solche Hundstagshitze, dass mir’s manchmal däuchte, ich geh’ auf glühenden Kohlen, und wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, ein Dampf herauskam wie von einem siedenden Kessel. Oft hatt ich keinen trockenen Faden mehr am Leib, und verschmachtete bald vor Durst...
Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Ordre erhalten scharf zu laden; dieses veranlasste unter den ältern Soldaten immer ein Gerede: «Heute gibt’s was! Heut setzt’s gewiss was ab!» Dann schwitzten wir Jungen freilich an allen Fingern, wenn wir irgend bei einem Gebüsch’ oder Gehölz’ vorbeimarschierten, und uns verfasst halten mussten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, sobald man wieder ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten entwischen konnte; denn wir hatten immer feindliche Kürassiers, Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten ...
Von 11.-22. Sept, sassen wir in unserm Lager ganz stille; und wer gern Soldat war, dem musst’ es damals recht wohl sein. Denn da gieng’s vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab’s Marquetenter und Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch, nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brodt, aller Gattung Baum- und Erdfrüchte, u.s.f. Die Wachten ausgenommen, mochte jeder machen was ihm beliebte: Kegeln, Spielen, in und ausser dem Lager spazieren gehn, u.s.f. Nur wenige hockten müssig in ihren Zelten: Der eine beschäftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Waschen; der dritte kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste schnifelte was von Holz und verkauft’ es den Bauern. Jedes Zelt hatte seine sechs Mann und einen Übercompleten. Unter diesen sieben war immer einer gefreyt; dieser musste gute Mannszucht halten. Von den sechs übrigen ging einer auf die Wache, einer musste kochen, einer Proviant herbeyholen, einer gieng nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte den Seckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, ein Tisch und ein Bett aus. Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack, was er - versteht sich in Feindes Land - erhaschen konnte: Mahl, Rüben, Erdbirrn, Hühner, Enten, u.d.gl. und wer nichts aufzutreiben vermochte, ward von den übrigen ausgeschimpft wie denn mir das zum öftern begegnete. Was das vor ein Mordiogeschrey gab, wenn’s durch ein Dorf gieng, von Weibern, Kindern, Gänsen, Spanferkeln u.s.f. Da musste alles mit was sich tragen liess. Husch! Den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in alle Ställ und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los, und riss die Aeste mit den Früchten ab. Der Hände sind viel, hiess es da; was einer nicht kann, mag der ander. Da durfte keine Seel’ Mux machen- wenn’s nur der Offizier erlaubte, oder auch bloss halb erlaubte. Da that jeder sein Devoir zum Überfluss ...
Hier schlugen wir ein Lager, blieben da bis auf den 29. und mussten alle Tag auf Fourage aus. Bey diesen Anlässen wurden wir oft von den Kaiserlichen Panduren attaquiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch ein Karabinerhagel auf uns los, so dass mancher todt auf der Stelle blieb, und noch mehrere blessirt wurden. Wenn denn aber unsre Artilleristen nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, so flog der Feind über Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt; ich wäre sein bald gewohnt worden, und dacht’ ich oft: Poh! wenn’s nur den Weg hergeht, ist’s so übel nicht. - Den 30. marschierten wir wieder den ganzen Tag, und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein Blinder. Inzwischen bekamen wir Ordre, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch kein Gewehr niederzulegen, sondern immer mit scharfer Ladung parat zu stehn, weil der Feind in der Nähe sei. Endlich sahen und hörten wir mit anbrechendem Tag unten im Thal gewaltig blitzen und feuern ...
Früh morgens mussten wir uns rangiren, und durch ein enges Thälchen gegen dem grossen Thal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine hinunterkamen, und zur grossen Armee stiessen, rückten wir in drey Treffen weiter vor, und erblickten von Ferne, durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem Böhmischen Städtchen Lowositz. Es war Kaiserliche Kavallerie; denn die Infanterie bekamen wir nie zu Gesicht, da sich dieselbe bey gedachtem Städtchen verschanzt hatte. Um sechs Uhr gieng schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm Vordertreffen als aus den Kaiserlichen Batterien so gewaltig an, dass die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment (das im mittlern Treffen stuhnd) durchschnurrten. Bisher hatt’ ich immer noch Hoffnung, vor einer Bataille zu entwischen; jetzt sah’ ich keine Ausflucht mehr weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Muth in die Hosen; in den Bauch der Erde hätt’ ich mich verkriechen mögen und eine ähnliche Angst, ja Todesblässe, las’ man bald auf allen Gesichtern, selbst deren, die sonst noch so viel’ Herzhaftigkeit gleichsneten. Die gelärten Branzfläschgen (wie jeder Soldat eines hat) flogen untern den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrath bis auf den Grund aus, denn da hiess es: Heute braucht es Courage, und Morgens vielleicht keinen Fusel mehr! Jetzt avanzierten wir bis unter die Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mussten. Potz Himmel! wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen weg - fuhren bald vor bald hinter uns in die Erde, dass Stein und Rasen hoch in die Luft sprang - bald mitten ein, und spickten uns die Leute aus den Gliedern weg, als wenn’s Strohhalme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als feindliche Cavallerie, die allerhand Bewegungen machte; sich bald in die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drey-und Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsere Cavallerie an; wir machten Lücke, und liessen sie vor, auf die feindliche losgalopppieren. Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie nun einhieben! Allein, kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reuterey, von der Österreichischen geschlagen und bis nahe unter unsre Kanonen verfolgt zurück. Da hätte man das Spektakel sehen sollen: Pferde, die ihren Mann im Stegreif hängend, andere, die ihr Gedärm der Erde nachschleppten. Inzwischen stuhnden wir noch immer im feindlichen Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne dass unser linker Flügel mit dem kleinen Gewehr zusammentraf, obschon es bereits auf dem rechten sehr hitzig zugieng. Viele meinten, wir müssten noch auf die Kaiserlichen Schanzen sturmlaufen. Mir war`s schon nicht mehr so bange wie anfangs, obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beyden Seiten neben mir wegrafften, und der Wallplatz bereits mit Toten und Verwundeten übersäet war – als mit Eins ungefehr um zwölf Uhr die Ordre kam, unser Regiment, nebst zwey andern (ich glaub Bevern und Kalkstein) müssten zurückmarschieren. Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sey vorbei. Wir eilten darum mit muntern Schritten die gähen Weinberge hinauf, brachen unsre Hüte voll schöne rothe Trauben, assen vor uns her nach Herzenslust; und mir, und denen, welche neben mir stunden, kam nichts Arges in den Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelerm hörten, und nicht entscheiden konnten auf welcher Seite der Sieg war. Mittlerweile trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan, auf dessen Gipfel ein enger Pass zwischen Felsen durchgieng, der auf der andern Seite wieder hinunterführte. Sobald nun unsre Avantgarde den erwähnten Gipfel erreicht hatte, gieng ein entsetzlicher Musketenhagel an; und nun merkten wir erst wo der Haas im Stroh lag. Etliche Tausend Kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken zu fallen; dies muss unsern Anführern verraten worden sein, und wir mussten ihnen darum zuvorkommen: Nur etliche Minuten später, so hätten sie uns die Höhe abgewonnen, und wir wahrscheinlich den Kürzern gezogen. Nun setzte es ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark; allein die hintern drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe gewonnen hatten. Da mussten wir über Hügel von Toten und Verwundeten hinstolpern. Alsdann gieng’s Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab, in die Ebene. Unsre geborenen Preussen und Brandenburger packten die Panduren wie Furien. Ich selber war in Hast und Hitze wie vertaumelt, und, mir weder Furcht noch Schreckens bewusst, schoss ich Eines Schiessens fast alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war, und ich sie am Riemen nachschleppen musste; indessen glaub’ ich nicht, dass ich eine lebendige Seele traf, sondern alles gieng in die freye Luft. Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postirten sich die Panduren wieder, und pülferten tapfer in die Weinberge hinauf, dass noch mancher vor und neben mir ins Gras biss. Preussen und Panduren lagen überall durcheinander; und wo sich einer von diesen letztem noch regte, wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen, oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestossen. Und nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von Lowositz ausgieng; wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art Feldmusik, das Rufen so vieler Commandeurs und das Brüllen ihrer Adjutanten, das Zetter- und Mordiogeheul so vieler tausend elenden, zerquetschten, halbtodten Opfer dieses Tages alle Sinnen betäubte! Um diese Zeit - es mochte etwa drei Uhr seyn - da Lowositz schon in Feuer stand, viele hundert Panduren auf welche unsere Vordertruppen wieder wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das Städtgen selber losging ...
Vor mir war alles Feuer, Rauch und Dampf; hinter mir noch viele nachkommende auf die Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller Schlachtordnung. Zur Linken endlich sah ich Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hie und da einzelne Menschen, Preussen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote und Verwundete als Lebende.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch