Mutabor Märchenstiftung

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Der wiederkehrende Soldat

Land: Schweiz
Kanton: Nidwalden
Kategorie: Sage

Es mögen wohl an die zweihundert Jahre her sein oder mehr, da lebte in einem Hause ob der Kapelle zu Sarnen ein ausgedienter Hauptmann der Schweizergarde zu Paris. Dessen Geschäft war, dass er die Jünglinge der Länder für den Kriegsdienst unterm Lilienbanner anwarb. Das war dazumal ein gar einträgliches Geschäft, denn für jeden Mann erhielt der Werber ein erkleckliches Kopfgeld. Je mehr Leute er stellen konnte, je grösser sein Verdienst, und so ging es denn bei der Werbung nicht immer im Guten zu und her, oft mussten List und Lug machen, was Zureden und Versprechen nicht taten.

Einmal geriet auch ein junger Bursche von Kägiswil dem Hauptmann in die Hände. Er wurde angenommen und erhielt sein Handgeld, und damit war er angeworben. Doch einige Tage darnach reute es ihn. Er kommt zurück und gibt das Geld zurück und bittet um alles, in der Heimat bleiben zu dürfen. Aber der Hauptmann nimmt das Geld nicht an und sagt: «Nichts da! Du bist angeworben und dabei bleibt’s! Punktum!» Da sagte der Bursche: «Nun wohl, Herr, ich gehe nach Frankreich und werde Soldat, weil ich muss. Aber wenn ich in der Fremde sterbe, komme ich und hole Euch auch in die Ewigkeit, und auf den Tag lade ich Euch vor Gottes des Allwissenden Richterstuhl!» Der Hauptmann lachte, und der Bursche musste nach Frankreich wandern.

Gut zwei Jahre später kamen eines Tages drei Kapuziner zu dem Hauptmann, um mit ihm zu zechen; denn Kriegsleute und fromme Brüder kratzt ein guter Tropfen nicht im Halse. Man sitzt also fröhlich beim Wein und kärtelt. Beim Spiel sitzt der Hauptmann den Kapuzinern gegenüber, so dass er die Gasse hinunter zur Kapelle schauen kann. Aufs Mal schreit er laut auf: «Herr Gott, der Kägiswiler kommt!» Die Kapuziner wissen nicht, was er damit sagen will. Da geht die Stubentüre weit auf, aber sie sehen niemanden hereinkommen. Der Hauptmann wird weiss wie Kalk, beugt sich rückwärts gegen das Fenster und verscheidet zur Stunde.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch