Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Kurzer Urlaub

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Ein Jungknab von Haldenstein in holländischen Diensten stand eines Tages wieder einmal Schildwache vor dem königlichen Schloss im Haag. Im gleichen Schritt und Tritt, das Gewehr geschultert, ging er vor dem Portal hin und her, und her und hin, und dachte in seinem Sinn der Heimat und seiner Lieben daheim, denn schon lange plagte ihn das Heimweh. In Holland ist’s nämlich topfeben, und nichts als Himmel, so weit man sieht - kein Berg, kein Spitz, ja nicht einmal ein Gupf oder ein Hoger. Und das kann’s einem Bündner nicht. - Da Trommelwirbel, Marschschritt: die Ablösung war da, und es ging in die Kaserne zurück zum ewigen Einerlei des Dienstes. Am Abend beim Ausgang sass der Bursche in der Schenke, trübselig hinter einem Glas Genever. «Nun, nun warum so düster, guter Mann?» sagte die Wirtin, eine feste runde Frau. «Ist euch etwas Gerades krumm gegangen, dass ihr dreinschaut wie einer, der an seine eigene Leiche gehen soll?» Da klagte ihr der Soldat, wie er Langezeit habe nach den Bergen und seinen Leuten daheim, und er erzählte ihr von seinem Heimatdorf, weit, weit weg droben im Bündnerland. Die Wirtin hörte ihm eine Weile geduldig zu und sagte nichts, sondern lächelte bloss. Dann sprach sie: «Ja was, ihr seid von Haldenstein im Bündnerland! Das kenne ich ebenso gut wie ihr; erst nächten noch bin ich auf dem Lichtenstein zu Tanz gewesen und heut Nacht gehen unser zweie von hier wieder hin.» Der Soldat machte ein paar Augen, wie eine Kuh, wenn sie auf den Schleifstein speit, und vergass schier das erhobene Glas zum Munde zu führen. «Und wenn ihr etwa mitkommen wollt», fuhr die Frau fort, «so sagt’s nur, und macht euch bereit. Wir holen euch ab.» Da der Soldat diese Nacht keine Wache hatte, sagte er ja. Zwar ganz geheuer war ihm nicht dabei, aber er dachte: «Ist alles bloss ein Spass, so soll das Weibervolk mich nicht zum Narren halten. Ist’s ernst, dann nimmt’s mich doch wunder, wie das zugehen soll.»

Und richtig, als die Uhr gegen Zwölfe ging, kam die Wirtsfrau mit einer Gevatterin, und brachten einen Trog mit. «S’isch Zyt!» sagte die eine. «Ja, s’isch Zyt!» versetzte die andere. Da hiessen sie den Soldaten sich in die Wanne setzen und verbanden ihm die Augen mit einem Tuch. Aber kein Sterbenswörtlein dürfe er während der Reise sprechen. Da nahmen die beiden Weiber den Trog hoch und - huisst - fort ging’s durch alle Lüfte, und schlag Mitternacht wurde er auf dem Lichtensteiner Schloss abgesetzt. Da sass er allein auf dem Turm und sah auf dem Anger unter sich eine Schar Hexen wunderliche Tänze machen, zu einer Musik, dergleichen er noch nie gehört. Er musste nur schauen und lauschen. Und ehe er sich’s versah, da graute schon der Morgen über den Bergen. Da kamen die beiden Weiber mit dem Troge wieder und holten ihn ab. «S’isch Zyt!» sagte die eine. «Ja, s’isch Zyt!» versetzte die andere. Und - huisst - fort ging’s wieder Holland zu, und der Soldat ist auf dem Kasernenhof gestanden, als eben Reveille geschlagen wurde.

Aber er hat die Fahrt in die Heimat doch nicht nochmals machen mögen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch