Der Ursprung der Schweizer
Es war ein altes Königreich im Lande gen Mitternacht, im Lande der Schweden und Friesen. Über das kam Hunger und teure Zeit. In dieser Not sammelte sich die Gemeinde. Durch die meisten Stimmen wurde beschlossen, dass jeden Monat das Volk zusammenkommen und losen sollte. Wen das Los träfe, der müsse bei Strafe des Lebens aus dem Lande ziehen, Hohe und Niedere, Männer, Weiber und Kinder. Dies geschah eine Zeitlang. Aber es half bald nichts aus und man wusste den Menschen keine Nahrung mehr zu finden. Da versammelte sich abermals des Volkes Rat und gebot: es solle nun alle acht Tage der zehnte Mann losen, auswandern und nimmermehr wiederkehren. So geschah der Ausgang aus dem Land gen Mitternacht, über hohe Berge und tiefe Täler, und ein grosses Wehklagen und Weinen war aller Sippen und Freunde. Die Mütter führten ihre unmündigen Kinder.
In drei Haufen zogen die Schweden, zusammen sechstausend Männer, gross wie die Riesen, mit Weib und Kindern, Hab und Gut. Sie schwuren, einander nie zu verlassen und erwählten drei Hauptleute über sich durchs Los mit Namen Switer, Swey und Hasius. Zwölfhundert Friesen schlossen sich ihnen an. Sie wurden reich an fahrendem Gut durch ihren sieghaften Arm. Und als sie über den Rheinstrom wollten, da machten sich die Feinde auf, wollten ihrem Zug wehren und ihnen den Weg verlegen. Denn sie dachten mit ihrem starken Heer das arme Volk leicht zu bezwingen, wie man Hunde und Wölfe jagt, und ihnen Gut und Waffen zu nehmen. Aber die Schweden schlugen sich glücklich durch, machten grosse Beute und baten zu Gott um ein Land, wie das Land ihrer Altvordern, wo sie möchten ihr Vieh weiden in Frieden. Da führte sie Gott in eine Gegend. Da wuchs gut Fleisch und auch Milch und viel schönes Korn. Daselbst sassen sie nieder und bauten Schwyz, genannt nach Swyter, ihrem ersten Hauptmann. Das Volk mehrte sich. In dem Tal war nicht Raum genug. Sie hatten manchen schweren Tag, ehe ihnen das Land Nahrung gab. Den Wald ausroden war ihnen, was andern der Reigentanz. Ein Teil des Volkes zog ins Land an den schwarzen Berg, der jetzt Brünig heisst. Sie zogen über das Gebirge ins Tal, wo die Aare rinnt. Da werkten sie emsig im Walde zu Tag und Nacht und bauten Hütten. Die aber aus der Stadt Haesle in Schweden stammten, besetzten Haesle im Weissland und wohnten daselbst unter Hasius, dem dritten Hauptmann. Gott hatte ihnen das Land gegeben, dass sie drinnen sein sollten. Aus Schweden waren sie geboren, trugen Kleider aus grobem Zwilch, und nährtet sich von Milch, Käse und Fleisch und zogen ihre Kinder auf damit.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch