Mutabor Märchenstiftung

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Das mutige Thurgauermädchen in Konstanz

Land: Schweiz
Kanton: Thurgau
Kategorie: Sage

Die Eidgenossen schrieben an den Kaiser und baten ihn, den Krieg durch ein gerecht Gericht zu beenden. Wider Willen hätten sie zu den Waffen gegriffen, dass sie ihre Freiheit, die sie von den Vorfahren überkommen, schützten. Wenn man sie aber noch weiter bedränge, dann würden sie sich selbst nicht untreu werden, sondern, wie es freien Männern gezieme, eher eines ehrlichen Todes sterben als einen schmählichen Frieden schliessen oder gar  schimpflich Knechtschaft leben. Und dessen seien sie gewiss: Wenn der Menschen Gerechtigkeit missachtet werde, so werde Gottes Hilfe ihnen nicht fehlen.

Das Mädchen, das den Brief gebracht hatte, stand im Hofe - denn keiner bediente sich in diesem Kriege der Herolde, nur alte Frauen und unreife Mädchen gingen als Boten – und wartete auf Antwort. Da redeten einige Kriegsleute vom Gefolge des Königs es an und fragten: «Was tuen denn die Eidgenossen auf ihren Posten?

Das Mädchen antwortete: «Seht ihr denn nicht, dass sie warten, bis ihr sie angreift.» Und als jene weiter fragten, ob es ihrer viele seien, sprach es: «Gerade genug, um euch zu werfen, wenn ihr sie angeht.» Und wie nun jene in es drangen, es solle doch sagen, wie viel ihrer seien, erwiderte es: «Wenn’s mir recht ist, hättet ihr sie jüngst selber zählen können, als ihr euch vor den Toren dieser Stadt mit ihnen schlugt, wenn nicht die Flucht eure Augen geblendet hätte.» «Aber», fuhren jene fort, «haben sie denn noch etwas zu essen?» «Wie könnten sie denn leben, wenn sie nicht ässen und tränken», antwortete das Mädchen.

Diese Antworten machten alle, die umherstanden, lachen, und einer, der das Mädchen erschrecken wollte, drohte ihm, er wolle ihm den Kopf abschlagen und legte die Hand ans Schwert. Aber das Mädchen erschrak kein bisschen und sagte: «Wahrlich, da sieht man, was du für ein Held bist, einem Mädchen drohst du den Tod. Wenn dich also sehr gelüstet, das Schwert zu ziehen, warum wirfst du dich nicht auf die Eidgenossen? Freilich, dort dürftest du bald einen Mann finden, der deinen Übermut dämpfen würde.»

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch