Mutabor Märchenstiftung

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Von der Manneszucht der Eidgenossen

Land: Schweiz
Kanton:
Kategorie: Sage

Es geschah einst, dass die Eidgenossen in geordnetem Zuge durch die Fluten des Rheines drangen, welcher zur Winterszeit, bevor der Schnee auf den Bergen schmilzt, oft untief zu sein pflegt, ehe er in den Bregenzersee fliesst. Als die vordersten schon das andere Ufer erreicht hatten, erhob sich aufs Mal ein Gerücht, der Feind sei da. Einige Reiter nämlich, welche die Wache hielten, vernahmen den Übergang der Eidgenossen und ritten hinzu, um zu erkunden, was da vor sich gehe. Die Anführer befahlen dem Zuge Halt zu machen, bis man erfahren, was der Feind im Sinne habe. Ein jeder blieb also auf der Stelle stehen, die ihm der Zufall beschieden, in ganz geordneten Reihen; so dass auch die, welche das Land betraten, daselbst standen, die aber, welche noch im Rhein waren, in demselben verharreten, obgleich etlichen das kalte Wasser bis an die Schultern und an das Kinn ging. Der Rhein war voller Eis, und die Krieger mussten ungeheure Klötze durch die Zwischenräume in ihren Reihen mit den Speeren ableiten und fortstossen. So verharreten sie an zwei Stunden, bis die Kunde kam, es sei kein Hinterhalt zu fürchten. Denn sie hielten es für schimpflich, wenn sie den Feind nicht gesehen, rückwärts zu weichen, und für unbesonnen, wenn sie vorrückten ohne Kundschaft einzuziehen. So streng hielten sie hier und sonst auch die kriegerische Mannszucht, und dieses brachte ihnen am meisten Nutz und Frommen. Es wurden solche gefunden, denen die Füsse durch die heftige Kälte erfroren, andern die Hände, da sie so streng die Nachtwache hielten. Ja, manche hauchten auch ihr Leben aus, weil sie es für schändlich und schmachvoll hielten, aus den Reihen zu treten.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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