Mutabor Märchenstiftung

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Der schwäbischen Landskneche Wohnung

Land: Deutschland
Kategorie: Sage

In der grossen Schlacht bei Mailand sind viele Landsknechte von den Schweizern erschlagen worden. Und da sie im Leben unter einem Fähnlein gestanden, wollten sie auch nach dem Tode zusammenhalten und nicht auf der Walstatt bei den Kuhmäulern liegen bleiben. Sie traten also zusammen und richteten ein neues Fähnlein auf, auf dass sie auch weiterhin den rechten Kriegsbrauch hielten. Das Feldzeichen war weiss mit einem roten Kreuz darin, wie denn des Heilands Zeichen gemalt wird, und das von Sankt Jörgen, dessen Bannerträger nach alter Freiheit die Schwaben sind, und so zogen sie in guter Ordnung mit ihrer Wehr und Waisen in festem Schritt und Tritt der Hölle zu.

AIs aber die Teufel das weisse Fähnlein mit dem roten Kreuz darin ersahen, da kam ein Schrecken über sie, schier gar so gross wie dazumal, als unser Herr und Seligmacher Christus mit seiner roten Siegfahne zur Hölle niedergestiegen und das Tor erbrochen hatte.

Und so meinten sie nichts anders, als dass sie jetzt von Grund aus allesamt sollten vertrieben und vertilgt werden durch eine himmlische Heerschar. Denn wie sie hörten die Landsknechte fluchen und wettern: «Potz Marter, Leiden und Sakrament», da deucht es sie, da sie diese Flüche nicht kannten, es wär die Rede der Engel. Sie verschlossen und verrammelten darum alsbald alle Höllentore und befestigten sie, soviel sich in der Eile schicken wollte, und verwahrten sie mit Riegeln, Bollwerk und anderer Wehr und Rüstung. Und überdies rüsteten sich alle, Mann für Mann, und erwarteten der Feinde Sturm.

Die guten Gesellen, die von solchem Handel nichts ahnten, waren derweil herangerückt und vermeinten, allda ihr Winterlager zu halten; denn man sagt, dass es dorten sehr warm sei. Sie wurden aber, als sie an die Pforte pochten, mit Drohworten und Wurfgeschossen abgetrieben, und der höllische Torwart sprach: «Dass kurz ihr’s wisset, was die Meinung sei: So packt euch auf der Stelle fort. Und ziehet rechter Hand dem Himmel zu, denn da gehört ihr hin. Wir können euch hier keine Herberg geben und lassen euch auch nimmer ein in unsere Burg.» Zeigt ihnen dabei mit der Hand, wo hinaus sie gehen müssten.

Da fluchten und schworen die frommen Landsknechte gottslästerlich. Aber was wollten sie machen! Die feste Burg berennen ohne Sturmzeug und grob Geschütz, war nicht zu tun. Und so zogen sie murrend und maulend mit ihrem Regiment und Fähnlein rottenweis in Reih und Glied vor die Himmelsburg hinauf, klopften an und begehrten Einlass. Sankt Peter, der Schlüssler des Himmels, sah von der Zinne herab und erkannte alsbald an den Federn, was für Vögel es wären und sprach gar ernsthaft: «Wer ist so unverschämt, Leute wie euch hieher zu weisen? Ich seh es wohl, ihr kommt von bösen Häusern. Trollt euch nur schleunig wieder fort, ihr Blutsauger und Menschenschinder. Denn dieweil euch im Leben der Sinn alleweg zu Hader, Zank und Streit gestanden und ihr Eintracht und Frieden gehasst habt, so gebührt euch jetzt auch nicht, dass ihr eingehet in die ewige Ruh und Seligkeit.»

Diese Worte bewegten dem Hauptmann die Galle gar heftig, und voller Zorn sprach er: «Wo in aller Welt sollen wir denn zuletztamend bleiben, da man uns hier nicht dulden will und uns auch aus der Hölle hat verjagt?» Darauf antwortete Sankt Peter: «Ihr Donnersketzer, hört ihr nicht, was ich sage? Hebt euch augenblicklich weg von hier an den lichten Galgen, da gehört ihr hin, oder ihr werdet gleich etwas anderes von mir zu hören bekommen, ihr Gotteslästerer und Kirchenschänder, ihr Mordbuben und Diebsgesindel!»

Da aber wurden sie alle ganz scheltig vor Wut und zuckten vom Leder und ihr Hauptmann schrie Sankt Peter an: «Gottsblut, wie mag ein grosser Wolf, der Kühe, Kälber und Schafe frisst, ein armes Füchslein darum schelten, dass es Hühner fängt! Weisst du nicht, du alter Glatzkopf, was du getan hast, wie du deinen Herrn und Meister fälschlich und treulos dreimal verleugnet hast ? Das kannst du unser keinem mit Wahrheit nachsagen! Wir haben unserm Herrn für wenig Geld die Treue gehalten bis auf den Tod!» «Gemach, gemach ihr lieben Landsknechte, so bös war’s nicht gemeint», sprach da Sankt Peter gar sänftiglich; denn er schämte sich des Vorwurfs sehr und besorgte, die andern Heiligen im Himmel möchten’s hören «Ich bitt euch, schweigt hinfort still davon, ihr lieben Brüder und guten Freunde, und spart euch weitere Worte; denn nimmermehr ist es mein Wille, gegen arme Sünder, die bussfertig sind, also hart und streng zu sein. Ein eigen Dorf will ich euch geben, ganz nah hiebei gelegen, das heisst mit Namen `Warteinweil`. Da sollt ihr eure Heimat und Hauswesen für euch allein haben, könnt spielen, würfeln, zechen und fröhlich sein nach Herzenslust.»

Also hat sie Sankt Peter von Stund an gen `Warteinweil` gewiesen, allwo sie noch heute ihr Regiment halten. Und was auch immer von Landsknechten vor den Himmel kommt, das weist Sankt Peter zu dem alten Haufen gen `Warteinweil`. Und es mögen ihrer mit der Zeit wohl eine gute Menge zusammengekommen sein.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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