Der starke Thurgauer
Zu Zeiten Karls des Grossen lebte ein Riese und Recke, gewaltig gross. Der hiess Kisheer und war bürtig aus dem Thurgau. Der watete durch alle Wasser und ging nie über eine Brücke. So oft er an den Thurfluss kam, der durch die Giessbäche aus den Bergen anschwoll und überfloss, zog er sein mächtiges Ross allemal beim Schwanze nach sich und sagte: «Nun Gesell, beim Herrn Gallus, ob du magst oder nicht, du musst hinterdrein!» Dieser Mann reiste auch in Kaiser Karls Kriegsheer wider die Wenden, Hunnen, Wilzen und Avaren. Er mähte die Leute gleich wie das Gras mit einer Sense alle nieder, spiesste sie wie Vögelein auf seinen Speer, oder hängte sie daran und trug sie über die Achseln wie Hasen und Füchse. Und da er wieder heimkam, und ihn seine guten Gesellen und Nachbarn fragten, wie es ihm denn im Wendenlande gefallen habe, und was er bei den Hunnen ausgerichtet hätte, da sprach er allemal voll Unmut und Zorn: «Was soll ich viel von diesen Fröschlein sagen? Ihrer sieben oder acht oder auch neun steckte ich mir meist auf den Speer und trug sie auf der Achsel hierhin und dorthin. Weiss nicht, was sie quakten! Ist der Mühe nicht wert, dass der Herr und Kaiser so viel Volks wider solche Kröten und Würmlein zusammengebracht. Ich wollt’s allein viel leichter zuwege gebracht haben!»
Und wirklich hat Kisheer in diesem Kriege also furchtbar gestritten, dass vor ihm die Feinde flohen; die Wenden und Hunnen, Wilzen und Avaren meinten es wär der leidige Teufel. Und weil er schier einem Heere gleich also viel ausrichtete, ward er fortan von dem Kaiser nicht mehr Kisheer, sondern Einheer genannt.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch