De Schütze Toko
Am Hofe König Harald Blauzahns von Dänemark diente einst Mann seine Zeit, Toko mit Namen. Der tat es seinen sämtlichen Gesellen in allen Stücken zuvor und machte so durch seine Taten deren etliche sich zu Feinden. Nun begab es sich einmal, dass er an einem Gelage vor den trunkenen Zechgenossen grosse Worte machte und über alles Mass sich seiner Schiesskunst rühmte und sagte, kein Apfel sei so klein, dass er ihn nicht jederzeit aus dem üblichen Abstand gleich mit dem ersten Schuss von einer Stange schiessen werde Diese Rede ward alsbald von seinen Neidern aufgeschnappt, und unlang so war sie auch dem König zu Ohren gekommen. Und der war grausam genug, die Überheblichkeit des Vaters in Gefahr für Leib und Leben des Sohnes zu kehren, denn er befahl, dass Tokos junger Sohn, seines Lebens teuerstes Pfand, an Stelle der Stange sich ins Ziel stelle. Dergestalt sollte ihm der vermessene Mann, wenn er den Apfel nicht mit dem ersten Schusse träfe, mit seinem eigenen Kopfe sein leeres Geprächte büssen. Also zwang des Königs Machtgebot den wackern Kriegsmann mehr zu leisten, als er je verheissen, da die Ränke seiner Neider die Worte klaubten, die allzu üppiger Zunge er geprahlt, so dass er zu tun nun gezwungen ward, was niemals er gesagt. Und so kam es dazu, dass ins Werk er setzen musste, was er sich gar nicht angemasst, und vollauf erproben, was er niemals in den Mund genommen. Aber der rechte Held, mag er auch in den Schlingen der Verleumdung sich gefangen haben, wird niemals ablassen, in seine gute Sache zu vertrauen, sondern nur umso sicherer die Probe bestehen, je schwerer sie ist.
Als der Jüngling zur Stelle war, ermahnte Toko ihn eindringlich. «Halt die Ohren steif», sagte er, «und den Kopf grad auf, und mache dir nichts draus, wenn den Pfeil du sausen hörst; denn hältst du nicht ganz stille, machst du all meine Kunst zu schanden.» Und damit er alle Furcht ihm nehme, hiess er ihn das Antlitz abwenden, damit er ob dem Anblick des Geschosses nicht erschrecke. Dann nahm er drei Pfeile aus seinem Köcher und legte den ersten besten auf die Sehne, schoss und traf das gesteckte Ziel.
Doch hätte es nun das Schicksal gefügt, dass dieser Pfeil des Jünglings Haupt getroffen, der Vater hätte die Gefährdung des Sohnes mit dem Tode büssen müssen, und der Fehlschuss hätte den Schützen und sein Opfer im Tode vereint. Und so schwanke ich wahrlich, was höher ich bewundern soll: die Kunst des Vaters oder die Geistesgegenwart des Sohnes, denn jener vermied durch seine Meisterschaft den Mord an seinem eigenen Blut, und dieser erhielt durch die Gelassenheit des Leibes wie der Seele sich selber unverletzt und bewahrte zugleich die Liebe und Treue, die der Sohn dem Vater schuldet. Und in der Tat, des Jünglings kräftiger Leib stärkte Mannes Geist, indem er in Erwartung des Pfeiles ebenso viel Starkmut bewies, wie der Vater bei dessen Entsendung. Dergestalt hat er durch seine Standhaftigkeit bewirkt, dass er nicht sein Leben, und der Vater nicht sein Heil verlor.
Nun fragte der König Toko, warum er mehrere Pfeile aus seinem Köcher genommen, da ihm doch nur erlaubt gewesen, sein Glück mit einem Pfeile zu versuchen. «Hätte ich mit dem ersten fehlgeschossen» erwiderte Toko, «wahrlich mit der Schärfe der anderen hätte ich es an dir wieder wettgemacht, auf dass nicht die Unschuld hätte leiden müssen und die Gewalttat straflos ausgegangen wäre.» Durch diese freimütigen Worte tat Toko dar, dass ihm der Ruhm eines tapferen Mannes gebühre, und zugleich sprach er der Willkür des Herrn ihr Urteil.
So entrann Toko für diesmal dem Wirbelwinde dieses Ungemachs, aber bald sollte ein neuer Sturm des Übels über ihn hereinbrechen. Als nämlich König Harald einmal damit prahlte, wie er der Meister sei der Kunst, deren die Finnen sich bedienen, wenn sie die schneebedecken Waldgebirge durchstreifen, da erdreistete sich Toko, seine Fertigkeit ebenso sehr zu rühmen und sagte, darin werde er es dem König immer noch gleich tun. Und auf der Stelle wurde ihm auferlegt, die Probe für seine Grosssprecherei abzulegen an dem Felsengipfel Kulle, und was ihm an Übung gebrach, das mussten Mut und Gewandtheit aufwiegen. Er erstieg den Gipfel des hochaufragenden Felsens, spannte sich die glatten Bretter unter die Sohlen, nahm einen dünnen Stock in die Hand, und bergab ging`s in sausender Fahrt. Wohl standen seinem jähen Lauf stotzige Steine entgegen, er aber lenkte unbeirrt mit fester Hand und hielt die gehörige Richtung. Weder die Grösse der Gefahr vermochte ihm etwas anzuhaben, noch lähmte ihm Furcht das Herz, also dass er weniger starken Leibes sich gehalten hätte. Jeden andern freilich hätte beim Anblick des ungeheuren Abgrundes der Schrecken übermannt und in Ohnmacht versenkt, schon ehe die Gefahr überhaupt eingetreten wäre. Zuletzt aber zerbrachen ihmdie Skier an einigen Felsblöcken, und er ward aus der Bahn geworfen, aber durch des Glückes Treff blieb er dank der Stütze, die des Stabes Stumpen ihm gaben, im Falle unsversehrt, uns so fand er denn, schon hart am Rande des Verderbens, einem glücklich geretteten Schiffbrüchigen gleich, einen unverhofften Rettungsanker. Denn dadurch, dass er so heftig auf die Halde geschleudert wurde, nahm seine Fahrt just durch den Bruch der Skier noch ein gutes Ende. Hätte nicht das harte Felsgestein und die weiten Spalten seine Wucht aufgehalten, und er wäre weitergefahren, so hätte ohne Zweifel ihn das Meer am Fuss des Felsens verschlungen. So aber nahmen Schiffer ihn lebendig auf, und er hinterliess dem feindseligen König nichts als das Gerücht von seinem Tode. Den allgemeinen Glauben daran mehrten fälschlich Trümmer seiner Skier, die von Vorübersegelnden auf den Wellen gefunden wurden. Toko aber erwog, welch zweifelhaftes Gut Haralds Huld ihm sei, weil er nun zur Genüge erfahren, wie er dem tapfern Manne wohl Wagestücke abnötigte, ihn aber um den Lohn betrüge. Und so verliess er ihn und begab sich zu Haralds Sohne Sven, dass er ihm fortan mit allen seinen Fähigkeiten diene.
Bald darnach begab es sich, dass König Harald die ganze Flotte seines Reiches ausfahren hiess, damit er, mit hinreichender Stärke gerüstet, Hand am das schwere Werk lege, das er sich vorgenommen hatte; nämlich einen ungeheuren Stein, den man an Jütlands Küste gefunden hatte, abzuschleppen, um damit seiner Mutter Thyra Grabhügel gebührend zu schmücken. Harald gebot zu diesem Ende, eine grosse Menge Volkes und Ochsen vor den erwähnten Stein zu spannen.
Unterweilen aber brach auf den Schiffen ein Aufstand aus, denn die Führer der Flotte, denen Harald sich verhasst gemacht, erstlich weil er zum Glauben der Christen neigte, und dann, weil er dem Volke ungewohnte Lasten auferlegte, hatten seinen Sohn Sven durch Boten bewogen, die Waffen gegen seinen Vater zu erheben und ihn vom Thron zu stossen. Als Harald diese Zeitung erfuhr, da reute es ihn, dass er den Nacken von Volk und Vieh unter ein Joch gebeugt. Denn als er nun seine Mannen hiess, jenen Stein liegen lassen und stattdessen unter die Waffen treten, da verzogen sie murrend die Brauen. Denn das Heer, erbittert ob so schmählicher Dienstbarkeit, weigerte sich, die Waffen für den zu ergreifen, dessen Joch sie hatten tragen müssen. Zunichte war die Ehrfurcht vor des Königs Macht und Herrlichkeit, und weder Bott noch Bitte vermochte sie dazu, des Hauptes Unverletzlichkeit zu wahren, das aller Nacken durch Erniedrigung gebeugt. Einige wenige nur fanden sich noch, die mitten im Sturme der allgemeinen Verwirrung dem König die gelobte Treue hielten. Mit deren Hilfe tat er alles, um des Sohnes Aufruhr mit Schwertgewalt niederzuschlagen. Aber er ward von Sven besiegt und flüchtete nach Seeland. Hier sammelte er seine letzten Getreuen und erprobte abermals sein Glück in einer Schlacht zur See und unterlag auch diesmal. Jetzt verliessen alle ihn, und es blieb ihm nur die Auskunft, auswärts sich nach Hilfe umzutun. Er verliess also das Land und wandte sich nach Julin, der Dänen Waffenkammer, wo er, des Landes verlustig, allemal noch immer den Kern seiner Heere gefunden. Und so zog aufs Neue er nach Dänemark mit einer Schar, gemischt aus Dänen und Slawen, und griff den Sohn am Strande zu Helgenes an. Und sie fochten hart, bis die Nacht die Streiter bei gleichem Kampfe schied. Da beide Heere ganz ermattet waren, machte man aus, am andern Tage über einen Vergleich miteinander zu verhandeln. Als aber König Harald im Vertrauen auf den abzuschliessenden Stillstand allzu kühn von seinem Heere sich entfernte und in des Waldes Dickicht sich begab, um dort in den Büschen seinen Bauch zu entleeren, da traf ihn Tokos Pfeil, der die ganze Zeit über auf anderes nicht gesonnen, als auf Rache der erlittenen Unbill. Verwundet ward er von den Seinen nach Julin zurückgebracht, wo er alsbald starb. Seine Leiche ward nachmals nach Roskilde gesandt und allda feierlich bestattet in der Kirche, die er selber unlang neu gebaut.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch