König Nidung und der Schütze Egil
An den Hof König Nidungs kam der junge Egil. Der war einer der wackersten Männer und hatte ein Ding vor allen andern voraus: er schoss mit dem Bogen besser als irgend jemand anders. Und so nahm er König ihn wohl auf, und war Egil da lange Zeit.
Da wollte der König einstmals versuchen, ob Egil in Wahrheit so schiessen könne, wie von ihm gesagt war, oder nicht. Er liess Egils dreijährigen Sohn nehmen und ihm einen Apfel auf den Kopf legen, und gebot Egil darnach zu schiessen, so dass er weder darüber hinaus, noch zur linken, noch zur rechten vorbei, sondern allein den Apfel träfe, nicht aber war ihm verboten, den Knaben zu treffen, weil man wusste, dass er schon von selber es vermeiden würde, wenn er irgend könnte; und auch einen Pfeil nur sollte er schiessen, und nicht mehr. Egil nahm aber drei Pfeile, befiederte sie, legte den einen auf die Sehne und schoss mitten in den Apfel, so dass der Pfeil die Hälfte davon mit sich hinwegriss, und alles zusammen auf die Erde fiel. Dieser Meisterschuss ist lange hochgepriesen worden; und der König bewunderte Egil darob auch sehr. Und Egil ward berühmt vor allen Männern, und man hiess ihn hinfort Egil den Schützen.
König Nidung fragte Egiln, warum er drei Pfeile genommen habe, da ihm doch nur verstattet worden, einen zu schiessen. Egil antwortete: «Herr, ich will nicht gegen euch lügen: Wenn ich den Knaben mit dem einen Pfeile getroffen hätte, so hatte ich euch diese beiden zugedacht.» Der König aber nahm dies Wort gut auf, und dünkte allen, dass er biderbe gesprochen habe.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch