Wilhelm Tell
Derselben Zeit tat Gessler, Landvogt zu Uri und Schwyz, den Landleuten daselbst nicht weniger als der von Landenberg den Unterwaldnern grossen Drang, den Edlen und den Unedlen, hielt sie streng und hart und nahm sich vor, eine Feste in Uri zu bauen, damit er und andere Landvögte nach ihm um so sicherer allda wohnen möchten, wenn Aufruhr entstünde, und auch das Land in desto grösserer Furcht und Gehorsam erhalten würde. Liess also Steine, Kalk und Zimmerholz auf einen Hügel, bei Altorf gelegen, führen und fing an, den Bau ins Werk zu richten, und wann ihn jemand fragte, wie die Feste heissen werde, antwortete er: Zwinguri wird ihr Name sein. Das verdross die edeln Landsassen und gemeinen Landleute in Uri gar übel, und wie sie sich das merken liessen, wurde er grimmzornig über sie und drohete, er wolle sie so weich und zahm machen, dass man sie um einen Finger winden könnte.
Es begab sich, dass des Kaisers Landvogt, genannt der Gessler, gen Uri fuhr. Als er allda eine Zeit wohnend war, liess er einen Stecken unter der Linde, da jedermann vorbeigehen musste, aufrichten, legte einen Hut darauf und hatte Knechte zur Wacht dabeistehen. Und tät ein Gebot allem Volk: Wer da wäre, der da vorüberginge, sollte sich dem Hute neigen, als ob der Herr selber zugegen sei. Und übersähe es einer und täte es nicht, , den wollte er mit schweren Bussen strafen.
Nun war ein frommer Mann im Lande, hiess Wilhelm Teil. Der ging am Sonntag nach Othmari zu Altorf etliche Male vor dem Hut vorüber und neigte ihm keinmal, wie der Landvogt Gessler geboten. Da verklagte ihn der Knecht, der des Hutes wartete, bei dem Herrn, und am Morgen darnach, am Montag, beruft der Vogt den Tellen vor sich, fragt ihn trutzlich, warum er seinen Geboten nicht gehorsam wäre und dem König und ihm zur Verachtung dem Stecken und Hut nicht neige, als doch geboten sei. Der Tel gab Antwort: «Lieber Herr, es ist von ungefähr und nicht aus Verachtung geschehen. Verzeiht mir’s; wär ich witzig, so hiess ich nicht der Tell! Bitt um Gnad, es soll nicht mehr geschehn.» Nun war der Tell ein gar guter Armbrustschütz, dass man keinen bessern im Lande fand und hatte hübsche Kinder, die ihm lieb waren. Da sandte der Landvogt und liess die Kinder holen, und als sie gekommen waren,sprach er: «Teil, welches unter den Kindern ist dir das liebste?» Der Tell antwortete: « Herr, sie sind mir alle gleich lieb!» Da sprach der Landvogt: « Wohlan, Tell, du bist ein guter, berühmter Schütze, wie ich höre, und nicht findet man deinesgleichen. Nun wirst du deine Kunst vor mir müssen bewähren und deiner Kinder einem einen Apfel vom Haupte schiessen! Tust du das, so will ich dich für einen guten Schützen achten. Aber hab acht, dass du den Apfel treffest; denn triffst du ihn nicht des ersten Schusses, so kostet es dich dein Leben.» Der Tell erschrak, bat den Landvogt um Gotteswillen, dass er ihm den Schuss erliesse; denn es wäre unmenschlich, dass er auf sein liebes Kind sollte schiessen; er wolle lieber sterben. Was er ihn sonst hiesse, wolle er gern tun. Der Landvogt sprach: «Das musst du tun, oder du und das Kind sterben!» Der Tell sah wohl, dass er’s tun musste, bat Gott inniglich, dass er ihn und sein lieb Kind behüte, nahm seine Armbrust, spannte sie, legte den Pfeil auf und steckte noch einen Pfeil hinten in das Göller. Der Vogt aber legte dem Kinde, das nicht mehr als sechs Jahre alt war, den Apfel selbst aufs Haupt. Also schoss der Tell dem Kind den Apfel vom Scheitel des Hauptes und tat ihm keinen Schaden. Da nun der Schuss geschehen war, verwunderte sich der Landvogt des meisterlichen Schusses, lobte den Tell seiner Kunst und sprach: «Was bedeutet, dass du noch einen Pfeil hinten ins Göller gesteckt?» Der Tell erschrak aber und dachte, die Frage bedeute nichts Gutes; doch hätte er gern die Sache glimpflich verantwortet und sprach: «Das ist so der Schützen Gewohnheit!» Der Landvogt merkte wohl, dass ihm der Tell auswich. Er liess nicht ab und sprach: «Tell, nun sag mir fröhlich die Wahrheit und fürcht dich nicht darum; du sollst deines Lebens sicher sein. Denn die gegebene Antwort nehm ich nicht an. Es wird wohl etwas anderes bedeutet haben.» Da sprach der Tell: «Nun wohl, Herr, sintemal Ihr mich meines Lebens versichert habt, so will ich Euch die gründliche Wahrheit sagen. Meine Meinung ist gewesen, hätt ich mein Kind getroffen, dann hätt ich Euch mit dem andern Pfeil erschossen, und wollte Euer wahrlich nicht gefehlt haben.» Da der Landvogt das hörte, sprach er: «Nun wohlan Tell! Ich hab dich deines Lebens versichert. Das will ich dir halten. Dieweil ich aber deinen bösen Willen gegen mich verstehe, so will ich dich führen lassen an einen Ort und allda einlegen, wo du weder Sonne noch Mond jemals mehr sehen sollst, dass ich vor dir sicher sei!» - hiess seine Diener ihn fangen und gebunden gen Flüelen führen, in denselben Nachen legen, auf dem er wieder nach Schwyz schiffen wollte. Er fuhr auch mit ihnen und nahm des Tellen Schiesszeug, Köcher, Pfeil und Armbrust, auch mit; wollt es selbst behalten. Also sass der Landvogt samt den Dienern, dem gebundenen Tellen in seinem Schiff, wollte gen Brunnen fahren und darnach den Tellen über Land durch Schwyz ins Schloss gen Küssnacht führen und allda in einem finstern Turm sein Leben lassen enden. Des Tellen Schiesszeug ward im Schiff auf den Gransen beim Steuerruder gelegt.
Wie sie nun hinaus auf den See kamen und hinauf fuhren bis an das Axenegg, da fügte es Gott, dass ein solch grausamer, ungestümer Sturmwind einfiel, dass das Schiff schwankte und sie alle meinten, elendiglich zu ertrinken. Denn keiner wusste mehr den Nachen vor den Wellen zu steuern. Nun war der Tell ein starker Mann und konnte es fest wohl auf dem Wasser. Da sprach der Knechte einer zum Landvogt: «Herr, Ihr sehet Eure und unsre Not und Gefahr unsres Lebens, und dass die Schiffmeister erschrocken und des Fahrens nicht wohl kundig. Nun ist der Tell ein starker Mann und kann wohl schiffen; man sollte ihn jetzt in der Not brauchen. Heisset ihn aufbinden; so möchten wir wohl der Not entrinnen!» Der Landvogt war der Wassernot gar erklupft, sprach zum Tellen: «Getraust du dich, uns aus dieser Gefahr zu helfen, dass wir von hinnen kommen, so will ich dich heissen aufbinden!» Der Tell gab Antwort: «Ja, Herr; ich getraue mir’s mit Gottes Hilfe, uns wohl von dannen zu helfen!» Also ward er aufgebunden, stund an das Steuerruder und fuhr redlich dahin. Doch lugt er allweg auf sein Schiesszeug, das zunächst bei ihm am Boden lag, und auf einen Vorteil, hinauszuspringen, und da er kam nah zu einer Platte, dachte er, dass er daselbst wohl hinausspringen und entrinnen möchte, schrie den Knechten zu, dass sie handlich anzögen, bis man vor die Platte käme, dann hätten sie das Böseste überwunden. Und als er neben die Platte kam, da drückte er den hintern Gransen mit Macht, wie er denn ein mächtig starker Mann war, hart an die Platte, erwischt’ sein Schiesszeug und sprang hinaus auf die Platte, stiess das Schiff mit Gewalt von sich und liess es auf dem See schweben und schwanken.
Der Tell aber lief berges- und schattenhalb, denn noch war kein Schnee gefallen, über Morschach aus durch das Land Schwyz, bis auf die Höhe auf der Landstrasse zwischen Arth und Küssnacht, da eine hohle Gasse ist, und Gestäud darob. Darin lag er verborgen; denn er wusste, dass der Landvogt allda vorüberreiten würde gen Küssnacht zu seiner Burg. Der Landvogt und seine Diener kamen mit grosser Not und Arbeit über den See gen Brunnen, ritten durchs Land Schwyz, und wie sie der hohlen Gasse nahten, stand Tell hinter dem Staudenbusch und hörte allerlei Anschläge des Landvogts wider ihn. Er aber spannte seine Armbrust und durchschoss den Landvogt mit einem Pfeil, dass er tot ab dem Rosse fiel. Dann lief der Tell hinter sich über die Berge gen Uri, fand seine Gesellen und sagte ihnen, wie es ergangen war.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch