Mutabor Märchenstiftung

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Stauffacher

Land: Schweiz
Kanton: Schwyz
Kategorie: Sage

Einer von Schwyz, genannt Stauffacher, sass zu Steinen dieshalb der Bruck. Der hatte ein gar hübsches Haus erbaut. Nun war der Zeit Gessler da Vogt in des Reiches Namen über Uri und Schwyz. Der kam auf einmal und ritt da vorbei und rief dem Stauffacher und fragte, wes die schöne Herberg wäre. Sprach der Mann: «Gnädiger Herr, Euer und mein Lehen», getraute sich nicht zu sprechen: sie ist mein. Also fürchtete er den Herrn. Der Herr schwieg still und ritt dahin. Nun war der Stauffacher ein kluger, verständiger Mann, auch kräftigen Leibes. Hatte auch eine fromme, weise Frau. Ihm setzte die Sache zu Herzen und hatte davon grossen Kummer und war voll Sorge, der Vogt nähme ihm noch Leib und Gut. Die Frau aber ward dessen inne und tat, wie eben Frauen gerne tun und hätte gern gewusst, was ihm fehle, fragte ihn aus. Er aber leugnete ihr das. Da drang sie mit grosser Bitte in ihn und sprach: «Tue so wohl und sag’ mir deine Not. Wiewohl man spricht, Frauen geben kalte Räte. Wer weiss, was Gott tun will.» Da sagte er ihr, was sein Kummer war. Sie fuhr zu und stärkte ihn mit Worten und sprach: «Des wird noch Rat», und fragte ihn, ob er zu Uri jemand wüsste, der ihm so vertraut wäre, dass er ihm seine Not klagen dürfte. Er antwortete ihr und sprach: «Ja, er wisse wohl einen», und dachte dem Rat der Frau nach, und fuhr gen Uri und lag da bei Walter Fürst, bis dass er noch einen Dritten fand, der auch solchen Kummer hatte.

Nun war des armen Mannes Sohn von Unterwalden entwichen der dem Knecht des von Landenberg mit dem Treibstecken den Finger entzweigeschlagen hatte, darum sein Vater vom Herren geblendet worden war, und es reute ihn sein Vater, und er hätte ihn gern gerochen. Der kam auch zu dem Stauffacher, und also kamen ihrer drei zusammen, der Stauffacher von Schwyz und ein Fürst von Uri, und der aus Melchi von Unterwalden, und klagten jeglicher dem andern seine Not und seinen Kummer, und wurden zurat und schwuren zusammen heimlich den ersten Eid, des ewigen Bundes Anfang, dass sie wollten Recht mehren, Unrecht niederdrücken, Böses strafen. Darum gab ihnen Gott Glück.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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