Mutabor Märchenstiftung

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Themistokles Guigoz

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Die Leute des Bagnetales im Walliserland lagen lange Jahre im Streit mit den Leuten des Aostatales, die immer wieder über den Pass kamen, um zu rauben und zu brennen.

Einmal war da in Bagne ein Pfarrer, der war aus Savoyen gebürtig und hielt es heimlich mit den Valdostanern und hatte sich mit ihnen gegen die Bagner verschworen, dass sie mit seiner Hilfe einen Schlag tun sollten, wie noch keinen zuvor. Am Auffahrtstage verkündete der Pfarrer von der Kanzel, am Sonntag nach Pfingsten werde er wider die Ketzer von Genf predigen, und jedermann, jung oder alt, gesund oder krank, der ganzen Kilchhöre sei gehalten, diesem Gottesdienst beizuwohnen.

Der Sonntag kam, und die Kirche war voll bis auf den letzten Platz; von allen Hängen und Höhen, aus den hintersten Talböden war das Volk herbeigekommen, oft stundenweite Wege. Ehe der Herr die Kanzel bestieg, befahl er alle Türen sorgfältig zu verschliessen, und dann hub er an zu predigen wider die Söhne des Teufels, die im Unterland aufgestanden seien wider die Heiligen des Herrn.

Ein Mann nur war zu Hause geblieben, ein abgemusterter Soldat, Themistokles Guigoz geheissen. Er war eben aus französischen Diensten heimgekehrt und hatte seinen Zweihänder blank geputzt und an der Wand aufgemacht. Da sollte er hinfort in Frieden hängen zur blossen Zier. Guigoz wollte den Tag lieber in Ruhe daheim in seinem Stubeli verbringen und sass bei einem Glas Wein an seinem Tisch. Da sah er aufs Mal, wie dunkles Blut an der blanken Schneide seines Schlachtschwerts herabrann und auf die Diele tropfte. Das war ein böses Zeichen und bedeutete nichts Gutes. Er stand auf, ging ans Fenster und stiess es auf. Was sah er da? - Den Berg herunter kamen in hellen Haufen - und Waffen und Rüstungen blitzen im Glanz der Sonne - beim Eid die Valdostaner!

Da galt kein Verzug. Es ging um Leib und Leben. Guigoz stülpt sich den Eisenhut aufs graue Haupt, reisst den Zweihänder vom Haken und ist schon drüben im Stall des Nachbars, zieht den Schimmel vom Barren, schwingt sich auf den blossen Rücken des Tieres und sprengt der Kirche zu. Doch die Feinde sind schneller, und die ersten verlegen ihm die Enge des Weges, und da ist auch schon der Gewalthaufe heran. Guigoz treibt den Schimmel mitten unter sie und mit gewaltigen Streichen links und rechts und vor sich zu haut er nieder, was ihm entgegensteht, und jagt weiter - ins Dorf - zur Kirche. Dreimal schlägt er mit dem Schwertknauf schmetternd an die Tür, sie fliegt auf, und herein reitet Guigoz auf dem schaumbedeckten Schimmel ohne Sattel und Zaum, den blutigen Zweihänder in Fäusten.

Der Pfarrer bekreuzt sich und schreit: «Soll dieser Ungläubige den Tempel des Herrn entweihen! Auf, greift den Frevler!» Aber lauter noch schallt der Ruf des alten Kriegers: «Landsleute, zu den Waffen! Die Valdostaner sind da!» Und schon sprengt er wieder davon. Und ihm nach stürzt die Menge. Die Männer ergreifen, was grad zur Hand ist: Knüttel, Äxte, Sensen, Gabeln, und die Frauen holen glühende Kohlen und süttiges Wasser von ihren Herden. Und schon ist alles am Feind. Hochauf bäumen sich die scheuenden Pferde, die Reiter werden abgeworfen - ein wirrer Knäuel schelliger Rosse und chlupfiger Männer!    

In der Gand, die noch heute die Wüste heisst, wurden alle niedergemacht. Drei allein sind am Leben geblieben. Dem einen stachen  sie die Augen aus: «Lauf heim und berichte, was du gesehen!» - dem | andern schnitten sie die Zunge aus: «Geh heim und schwatz, was ihr getan!» - dem dritten hieben sie die Ohren ab: «Und du, geh heim und lüg, was du gehört!»

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch