Mutabor Märchenstiftung

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Zwinglis Tod

Land: Schweiz
Kanton: Zürich
Kategorie: Sage

Die Fünförtischen liefen aus dem Wald über das Moos gegen die Ordnung der Zürcher mit ihren Spiessen und andern Gewehren. Die Zürcher aber witschten vom Boden auf, die Feinde zu empfangen. Es waren auch gar redliche getroste Leute von Stadt und Land Zürich. Zuvorderst am Feind stand Hauptmann Lavater mit seinem Spiess vorn an der Ordnung gegen das Moos am Angriff. Er sprach: «Biderbe Leute, seid Gottes und meiner Herren eingedenkt und haltet euch wie redliche Leute!» Meister Ulrich Zwingli hatte eine Halparte, stund auch wohl vorn, und wie er in diesen Dingen still war und grad vor dem Angriff ernstlich fragte, woher denn der Feind käme, sprach Bernhard Sprüngli, Burger von Zürich: «Meister Ulrich, sprechet dem Volk zu und stärket es!» Sprach Meister Ulrich Zwingli zu denen, die bei und um ihn standen: «Biderbe Leute, seid getrost und fürchtet euch nicht. Müssen wir gleich leiden, so ist die Sache gut. Befehlet euch Gott, der kann unser und der Unseren pflegen. Gott walte über sie.»

Die Knechte aber der fünf Orte, die den Anlauf und Angriff taten, waren starke, tapfere und wohlgerüstete Männer, schrien den Zürchern zu: «Wohlher, ihr Ketzer und ihr Kelchdiebe, da finden wir euch!» Die Zürcher schrien den Fünförtischen zu: «Ihr Verräter und Fleischverkäufer, seid ihr hie?» Hiemit ging es an mit heftigem Stechen, Schlagen und auch Werfen mit Steinen.

Als Zwingli die Seinen in Gefahr sah, sprang er vor. Dreimal ward er durch das Volk, das so nachdrückte, zu Boden geworfen. Aber immer wieder kam er auf die Füsse. Beim vierten Male traf ihn ein Spiess unter`s Kinn. Er sank in die Knie und sprach: «Was tut`s? Den Leib können sie töten, nicht aber die Seele.»

Auf der Walstatt, nicht weit von dem Angriff, lag auch unter den Toten Meister Ulrich Zwingli, und wie man plünderte, war er noch lebend, lag auf dem Rücken und hatte seine beiden Hände zusammengetan, wie die Betenden, sah mit seinen Augen aufwärts gen Himmel. Da liefen etliche zu, die ihn aber nicht kannten und fragten, dieweil er doch so schwach und dem Tod nahe wäre, ob man ihm nicht sollte bringen einen Priester, der ihm Beichte hörte. Da schüttelte Zwingli sein Haupt, redete nichts und sah aufwärts gen Himmel. Weiter sagten sie zu ihm, wollte er aber, und könnte doch nicht mehr reden noch beichten, so sollte er doch die Mutter Gottes im Herzen haben und die lieben Heiligen anrufen, dass sie ihm Gnad vor Gott erwürben. Schüttelte Zwingli wiederum sein Haupt und verharrte, mit seinem Gesicht zu staunen gen Himmel. Des wurden die Fünförtischen ungeduldig, fluchten ihm, sagten, er wäre auch der störrischen, halsstarrigen Ketzer einer und wert, dass man ihm den Lohn gebe. Und wie Hauptmann Vockinger von Unterwalden auch herzukam, ergrimmte er, nahm sein Schwert und schlug Zwingli eine Wunde, dass er bald verschied.

Am Morgen, als schier der Tag anbrach, ward auch an und bei den Toten durch die Gefangenen erfragt und erfahren, wer dieser oder jener wäre, da nun Freud und Leid bei den fünf Orten gesehen ward. Insonders ward gespürt die höchste Freude, da Zwingli tot unter den Toten gefunden war. Wunderviel Volk lief zu den ganzen Morgen; jedermann wollte den Zwingli sehen. Und es ist nicht zu sagen, was für ein Gespei und schmähliche Worte wider ihn von vielen mutwilligen Leuten gebraucht ward. Aber er sei in seinem Angesicht an Farbe und Gestalt nicht einem Toten, sondern| einem Lebenden gleich gewesen; ja, er habe eben die Gestalt gehabt, die er, wenn er gepredigt, gehabt habe. Und da habe Hans Schönbrunner sich des Weinens nicht enthalten können und gesprochen: «Wie du auch Glaubens halb gewesen, so weiss ich, dass du ein redlicher Eidgenosse gewesen bist. Gott verzeihe dir deine Sünden.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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