Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Urs Graf

Land: Schweiz
Kanton: Basel
Kategorie: Sage

Zu Basel war ein Goldschmied gesessen, ein freier Künstler, der hiess mit Namen Urs Graf und war gebürtig von Solothurn, ein gar wilder Gesell und ausbündiger Schalk und der Studenten guter Freund. Der machte einmal zwei Studenten an, dass sie nächtlicherweile am Kornmarkt vor seinem Hause über die Gasse ein Seil, das er ihnen gab, heimlich spannen sollten, und dann einen Lärm anfingen, so würden die Scharwächter dazu laufen, und man werde sie wacker auf die Nasen fallen sehen.

Dieser Streich gefiel den Studenten nicht übel, und sie waren von Herzen gern dabei; denn studierte Leute sind so gescheit, dass sie mitunter etwas Dummes machen müssen. Also kamen sie eines Nachts und richteten mit Urs Grafs Hilfe die Seile her. Nachdem alles wohl vorbereitet war, gingen sie sachte die Gasse hinauf und hinab. Vor einem Hause an der Wand fanden sie einen Scharwächter sitzen. Der schlief hart und hatte seine Beckenhaube und Handschuhe von sich gelegt. Die Studenten nahmen alsbald Haube, trugen sie an einen Ort, machten sie voll Unrat und legten sie ihm still wieder hin. Dann gingen sie gegen die Eisengasse zu, zogen vom Leder, erhoben ein laut Geschrei und schlugen ihre Degen gegeneinander, dass es klang und klirrte. Die Scharwächter stoben von allen Orten herzu dem Lärmen nach. Und als sie an den Kornmarkt kamen, da fielen sie längelang über die ausgespannten Seile: da lag eine Hellebarde, da der Mann, da die Beckenhaube, da zwei oder drei auf einem Haufen übereinander. Und der Scharwächter, der geschlafen, witscht auch aus dem Schlaf auf, will seine Beckenhaube flugs aufsetzen und zu dem Lärmen laufen - da ist sie voll geschmitzt - und stülpt sie über und aller Dreck und Seich ihm den Kopf ab. Das war zum Erbarmen.

Der Goldschmied sass in seinem Kellerhals und hielt die gespannten Seile an besonderen Riemen fest in der Hand. Dieweil nun die Wächter sich wieder zusammenlasen, die Hellebarden und anderes in der Finstere suchten, zog er die Seile zu sich und durch den Keller ins Haus hinauf, nahm ein Licht, läuft hinaus und zündet den Scharwächtern, dass sie ihre Dinge wieder fänden. Da konnte er auch sehen, wer sie waren. Er stellte sich hässig und sagte, er wäre erst vom Bett aufgestanden und führte sie also auf dem ganzen Kornmarkt herum, und sie suchten die Seile und die, welche es getan hätten.

Unterweilen waren die Studenten heimlich wieder in des Goldschmieds Haus gekommen. Als Urs Graf das merkte, nahm er Urlaub von den Scharwächtern und ging heim. Die dankten ihm fleissig dass er es so gut mit ihnen gemeint.

Hätten sie die Wahrheit gewusst, wahrlich, ich glaube, sie würden ihm heimgezündet haben, dass ihm sein Licht auf eine Zeit erloschen wäre.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch