Mutabor Märchenstiftung

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Wie der Doktor Paracelsus den Kaiser heilte

Land: Deutschland
Kategorie: Sage

Es begab sich einmal, dass dem Kaiser ein böses Gesücht in den Leib fuhr, so dass er kein Glied mehr rühren konnte. Man beschied alsbald die besten Ärzte aus dem ganzen Lande, aber keiner konnte ihm helfen. Da rieten ihm seine Räte, er solle den weltberühmten Heilkünstler, den Doktor Paracelsus aus dem Schweizerlande kommen lassen; wenn einer in der Welt, so werde der ein Mittel wissen. Und Paracelsus kam unverweilt den weiten Weg, grad wie er ging und stand, in seinem schlichten, schäbigen Alltagswams, und stieg schon die Treppe hinauf zu des Kaisers Schlafgemach. Da aber kam der oberste Hofmeister herbeigeeilt und hielt ihn am Rockärmel fest. «Halt, halt, guter Mann», sagte er, «in diesen Kleidern könnt Ihr nicht beim Kaiser eintreten!» und hiess die Diener eilends die feinsten Hofkleider herbeiholen, damit der Doktor sie anlege. Paracelsus aber achtete des Gebotes nicht und sprach: «Sagt dem Kaiser, es möge ihm behagen, dass ich ihm in meinem gewohnten Gewande diene. Sonst kehre ich stehenden Fusses um und gehe wieder heim, und er mag zusehn, wie er alleine wieder gesund wird.» Als diese Worte dem Kaiser ausgerichtet wurden, da ward er erst gar schier etwas unwirsch, gebot aber, den Doktor gleich zu ihm zu führen, so wie er wäre. Da trat Paracelsus ein, untersuchte den Kranken, verordnete ihm ein Heilmittel und gab in kurzen Worten Anweisung, wie es einzunehmen sei. Dann ging er eilends wieder fort ohne weiteren Bescheid.

Der Kaiser aber bekam auf diesen Trank drei Tage und drei Nächte solche Schmerzen, dass er schier von Sinnen kam, und der Doktor war nirgends zu finden. Schäumend vor Schmerz und Wut schickte er seine Lanzknechte aus, dass sie Paracelsus suchten und töteten, wo sie ihn fänden. Doch sie fanden ihn nirgends. Am vierten Tage aber kam der Doktor munter und guter Dinge wieder an den Hot um dem Kaiser zu seiner Genesung Glück zu wünschen. Denn am Abend zuvor hatten die Schmerzen nachgelassen, und die Sucht war plötzlich weggeblasen wie ein Spinnwub in der Zugluft. «Traun!» sprach der Kaiser. «Es war dein gutes Glück, dass du fortgegangen warest und niemand dich hat finden können, denn hätte ich dich hier gehabt, du wärest nicht mehr am Leben!» «Ei, Herr», versetzte der Doktor, «das habe ich gar wohl gewusst, aber ohne diese schmerzensreiche Kur wäret Ihr nimmermehr gesund geworden.» «Ja, wahrlich, du hast recht», sprach wieder der Kaiser, «ich schulde dir allen Dank, und was immer du dir wünschen magst, es sei dir im voraus zum Lohn gewährt.» «Ach, Herr», erwiderte Paracelsus, «mich gelüstet mit Euch in Eurer prächtigsten Kutsche ein Stündlein zur Kurzweil auszufahren.» Alsbald wurden acht stattliche Schimmel in herrlichem Geschirr vor des Kaisers Prunkkarosse gespannt, und der Kaiser und Paracelsus stiegen ein und fuhren aus.

Als die Stunde um war, sagte Paracelsus, jetzt sei’s genug des Vergnügens, er müsse wieder an die Arbeit und seines Weges weiterziehen. Als der Wagen vor dem Schlosse hielt und sie ausgestiegen waren, hiess Paracelsus den Kutscher, den Pferden die Hufe aufheben. Aus der Tasche zog er ein Gläschen, und daraus träufelte er auf jeden Huf und jeden Radreifen je ein Tröpflein. Und damit nahm er Urlaub vom Kaiser und zog seines Weges. Aber als der Kutscher die Pferde ausspannte und den Wagen in den Schopf schob, da glänzten die Hufe und Radreifen von lauterem Golde. Mit offenem Munde lief der Kutscher zum Kaiser und erzählte ihm, was sich begeben hatte. «Ha!», rief der Kaiser, «drum also hat er keinen Lohn begehrt! Ja, wahrlich, der ist reicher als ich!»

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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