Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der Doktor Paracelsus und der Steucheler

Land: Schweiz
Kanton: St. Gallen
Kategorie: Sage

Es war eine Zeit vor vielen hundert Jahren, da fand eine grosse Tagsatzung zu Baden im Aargau statt, und die ehrengesandten der löblichen dreizehn Orte und der zugewandten orte mit sollten allda im Herrengarten mit einem Festschmaus aufs prächtigste bewirtet werden.

Zu eben der Zeit wohnte in der Stadt St. Gallen der hochberühmte Doktor und Heilkünstler Theophrastus Paracelsus im Haus zur Rose bei seinem Freunde, dem Doktor Bartholomae Schobinger am Portnerhof. An jenem Tage nun sassen  unter dem Multertor auf der Brücke etliche ehrbare Bürger plaudernd auf den Bänken, und unter ihnen auch der Doktor Paracelsus. Der erzählte ihnen vielerlei von seinen Reisen und Fahrten durch Lamparten, Böhmerland und Ungarn, auch wie er in Polen gewesen und mit den Zigeunern gezogen und gehaust, ihre Kunde der heilsamen Kräuter und Wundsalben zu erforschen, des weiteren Kroatien und Skandinavien bereist und köstliche Kenntnis gesammelt zum Frommen aller Kranken und Siechen. Und wie er so zu aller Ergötzen von der Menschen Tun und Treiben in fremden Landen erzählte, da wandelt der Steucheler des Weges, Stadtpfeifer und Spielmann von St. Gallen, sonst alleweil ein heller Gesell und lustiger Sinnen voll, jetzt aber gar traurig und ernstlich ganz wider seine Gewohnheit. Der stand bei ihnen still, lüpfte die Kappe und wünschte ihnen einen guten Tag. Als der Doktor, dem nichts entrinnt, ihn erblickte, fragte er ihn: «Nun, Steucheler, mein guter Gesell, was bist du so traurig und hängst die Lefzgen? Du wärst, mein’ ich auch lieber bei deinen Herren zu Baden, statt hier trübselig um ihr Tor zu schleichen, und die Fecken lampen zu lassen wie ein Vogel in der Mauser!» Da gnappte der Steucheler mit dem Haupt, als wollt’ er dem Doktor recht geben, und sprach: « Jetzt werden die hochpreislichen Herren zu Baden im Herrengarten sich’s wohl sein lassen und sich lustig machen; denn wie ich höre, findet die angestellte Gastung heute statt. Hei, wär ich jetzt dort, ich wollte mit meiner Zwerchpfeife ein feines Trinkgeld aufheben!» Aber der Doktor Paracelsus fuhr fort mit seinem Spott und sagte: «Ei, willst du heut noch zur Abendstunde in Baden sein zu deiner Freud und Lust und deinen Herren vorpfeifen um einen guten Batzen, so steig nur auf und reit frisch dahin; ich höre schon das Rösslein stampfen! Doch im Ernst geredet: Magst du das Trinkgeld verdienen, so geh nur nach Haus, leg dich festlich an, nimm deine Pfeife zu dir und komm wieder hierher; und in einer halben Stunde sollst du in Baden sein!» Dessen wunderten sich alle, vorab der Pfeifer, doch schämte er sich, dass jener es merke. «Freilich, freilich, Herr Doktor!» erwiderte er, «ich weiss wohl, dass Ihr ein Gesätzlein mehr singen könnt als andere Leute! So will ich denn tun, wie Ihr sagt, und hurtig heim gehen und meine Pfeife holen!» Damit ging er eilends nach Haus, schloff in sein Sonntagswams, steckte drei bunte Federn auf den Hut, nahm seine Schwegel zu sich und kam bald unter das Tor zurück. «Herr Doktor!», sprach er, «da bin ich fertig geputzt und gestutzt fürs Fest! Wo aber ist nun Euer Gaul, darauf ich in einer halben Stunde in Baden sein soll?«

Der Doktor Paracelsus antwortete: «Was säumst du so lang? Geh nur hinaus zur Schiesshütte; dort steht ein schöner Schimmel gesattelt und aufgezäumt für dich angebunden! Bind ihn los, sitz auf und grüss mir meine Herren zu Baden! Aber schliess die Knie gut, denn dies Rösslein trabt gar scharf, und ist dir dein junges Leben lieb, dann spar unterwegs die Rede und wahr deine Zunge wohl hinter den Zähnen, bis dein Fuss wieder fest zu Baden auf der Gasse steht!» Der Steucheler ging hin und fand richtig den Schimmel gesattelt und aufgezäumt bei der Schiesslaube angebunden, sass hurtig auf, und im selben hub sich das Ross auf vom Boden, als wär es ein Vogel, und fuhr mit ihm von dannen gleich einem jähen Luftstoss, so dass sich männiglich davor entsetzte und mit lautem Ah und Oh die Hände über dem Kopf zusammenschlug, dass Hüte und Hauben wackelten. Der Doktor aber lachte grimmig darob, gleich einem rechten Schalk. Kaum dass der Pfeifer auf seiner Windfahrt Zeit hatte, sich zu besinnen, was mit ihm geschah, so ging das Zauberross, eh dass er sich’s versah, schon zu Baden an der Schlosshalde zur Erde nieder, grad als es hohe Zeit war und man eben hell die Torglocken läutete. Der Steucheler konnte grad eben noch aus dem Bügel steigen, da war das Rösslein schon wieder auf und fort, denk wohl, von wo es hergekommen.

Dem Pfeifer aber brauste und sauste es im Kopf und flirrte und schwirrte es vor den Augen, so sturm war ihm nach diesem Ritt. Indes, er wischt sich den Schweiss und geht geradewegs in den Herrengarten. Da war alles lebendig voll prächtigen Wesens und lauter Jubel und Schall, denn die fremden Gesandten, viele aus dem Adel, Fremde und Einheimische, auch der Eidgenossen grossmächtige Ratsboten ergingen sich oder sassen breit auf den Bänken vor vollen Tischen und pflogen daselbst der Kurzweil mit Essen und Trinken bei Tanz und Glanz und Spiel und Spass, nur die Murrköpfe maulten und die Kecken suchten Streit. Und ihnen nach in den andern Wirtshäusern des Städtleins machte es das gemeine Volk, was eines jeden Säckel und Truhe erleiden mochte, ohne Sorge, wovon morgen zehren. Der Steucheler aber huschte ungesehen in die Halle und suchte nicht lang seinen Platz hinter den Spielleuten und fing gleich an, auf seiner Zwerchpfeife sein bestes Stücklein meisterlich zu spielen.

Und da  ging s erst recht an ein Gläserklingen und ein Tanzen um und um. Doch auf einmal wandte der Junker Ludwig Zollikofer von St. Gallen den Kopf und fragte seinen Schwager Heinrich Blum: «Mir ist, ich hör’ des Şteuchelers Pfeife aus allen andern heraus! Wie reimt sich das? - es sind doch fremde Spielleute aus dem Böhmerland!» Denn der Steucheler lehnte hinter einem Pfosten auf der Spielbrücke, dass ihn keiner sehen konnte, und die Böhmen, die mochten’s wohl leiden, dass er ihnen half, und seine Pfeife tönte laut über die andern aus mit kunstvollem Geschrill zur Freude von alt und jung, denn bei seinen Weisen schwang man das Bein grad noch einmal so hoch, und knitternd flogen die Röcke. Doch den Junker Ludwig stach der Gwunder so heftig, dass er nach hinten zu den Spielleuten an die Bühne schlich. Da erblickte er den Steucheler. Als der Tanz vorbei, zog er ihn am Ärmel hinter dem Pfosten hervor: «Ei der tausend, Steucheler, bist du auch da, und bist du es selbst? Welcher Teufel hat dich hierher getragen?» «Ach, Junker», erwiderte der Pfeifer, «Ihr fragt wohl recht, denn bin ich der leibhaftige Steucheler, so hab ich auch den leibhaftigen Teufel geritten!» Und er erzählte den Herren von St. Gallen, wie und wann er hergekommen, und vergass auch nicht des Doktor Paracelsus Gruss zu melden, des Namen manchem galt als eines Zauberers, und meinte zum Schluss, Gott solle ihn wohl behüten, bis zu seinem seligen End; auf solchem Schimmel begehre er sein Lebtag nimmer zu reiten.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch