Der Tod des Paracelsus
Dieweil nun Paracelsus ein solcher Meister über alle Meister war, dass sein Name in aller Welt erscholl, so wurden die andern Ärzte zu Innsbruck und an anderen Orten, wo er sich auf seinen weiten Reisen durch aller Herren Länder aufhielt, grün und gelb vor Neid und dürr und mager vor Verdruss und Ärger, da der Zulauf zu dem Doktor Raster von Tag zu Tag anschwoll. Und da sie anders ihm nicht beizukommen wussten, so verschworen sich ihrer etliche, ihm ans Leben zu gehen und ihn aus der Welt zu schicken, und sie wurden rätig ihn zu vergiften, ob sie gleich gar wohl wussten, dass er alle -Gegengifte kannte und unter anderen Mitteln auch giftaufsaugende Spinnen besass. Paracelsus selber hat oft zu seinem Diener gesagt: «Es gibt nur ein Gift, das mich töten kann, und das ist das Diamantengift.» Und so konnten seine Feinde ihm denn auch lange Zeit nichts anhaben, und Paracelsus lachte nur ihrer Wut und ass und trank all das Gift- das sie verabfolgten, als wär’s Lebkuchen und süsser Wein.
Da aber kam eines Tages ein anderer berühmter Schwarzkünstļer in die Stadt, der dem Meister seinen grossen Namen vor allen andern vergönnte. Der betörte des Paracelsus Diener, so dass er wider seinen Willen ausschwatzte, welches Gift allein seinem Herrn tödlich sei. Und auf der Stelle ging der Zauberer hin und löste Diamantenkörner in einer Essenz auf und brachte Paracelsus die Tinktur unvermerkt bei. Der aber spürte bald genug die Wirkung des Giftes, merkte aber auch sogleich, wo es herkomme und wer’s ihm eingegeben. Da nahm er eine Kreide und zeichnete das Bild jenes Schwarzkünstlers an die Wand. Dann nahm er Bogen und Pfeil zur Hand und schoss den Pfeil dem Bild ins Herz. Alsdann rief er seinen Diener und sprach: «Geschwind, lauf an das andere Ende der Stadt, wo der Schwarzkünstler wohnt, und frage nach ihm.» Der Diener eilte dahin und kam bald mit dem Bescheid zurück, der Zauberer sei soeben tot aufgefunden worden, von einem Pfeil mitten durch’s Herz geschossen. Man wisse aber nicht, wer es getan habe. «Ich will dir’s sagen, ich hab’s getan!» antwortete Paracelsus.
Jetzt begehrte Paracelsus allein zu sein, um ein Gegengift zu bereiten. Er schloss sich alsbald in seiner Kammer ein und befahl dem Diener, die Tür innert fünf Tagen beileibe nicht zu öffnen. Als er in seinem Gemach alleine war, setzte er sich in seinen Stuhl, nahm eine Kreuzspinne in den Mund und liess sie in seinen Magen hinunterkrappeln, damit sie das Gift wieder herausziehe. Die Spinne tat auch was sie sollte, und sog jeden Tag einen Tropfen Gift, soviel als ein Diamantenkorn auf. Den Diener aber plagte die Neugier, wie es auch zu- und her gehen möchte, dass sein Herr so lange allein und ohne ihn sein könne, und er öffnete schon am vierten Tage die Türe. Da erschrak die Spinne und liess das letzte Gift, das sie eben aufsog, wieder zurückgleiten. Und nun war Paracelsus dem Tode verfallen. «Du hast mich getötet!» rief er dem erschrockenen Diener zu, «denn nun ist mein Gegenzauber vereitelt und keine Rettung mehr für mich. Jetzt muss ich sterben. Nimm das Schwert dort und wirf es in den Inn, - das soll niemand erben – und hab fleissig acht, was dann im Wasser vorgeht.»
Der Diener nahm da Schwert mit dem goldenen Knauf, darin geheime Kräfte gebunden waren, und ging damit wohl an den Inn, warf es aber nicht ins Wasser, sondern versteckte es in einem Busch. Als er zurückkam, fragte der Doktor: «Nun, hast du nach meiner Weisung getan?» «Ja, Herr», antwortete der Diener. «Wenn dir dein Leben lieb ist, du Schurke, so lauf und wirf das Schwert augenblicklich ins Wasser, sonst mache ich dir`s gleich wie dem Schwarzkünstler», rief der Doktor in höchstem Zorn. «Einundzwanzig Diener hat mir der Henker bereits genommen und von der Welt abgetan, und du bist der letzte.» Da lief der Diener, was er laufen konnte, an den Inn, holte das Schwert aus dem Busch und warf es ins Wasser. Das fing alsbald zu brausen und zu tosen an, zu sieden und zischen und goldgelbe Wellen zu werfen. Als er zu seinem sterbenden Herrn kam und ihm davon Meldung tat, sagte der: «Ich sehe, du hast nach meinem Wort getan. Das Schwert liegt nun auf des Flusses Grund, und so ist`s recht. Denn, weil ich durch die Missgunst böser Menschen und durch deine Untreue sterben muss, soll niemand mehr Nutzen davon haben.»
Gleichwohl aber schenkte er dem Diener soviel Geld, dass er auf Lebenszeit genug zu zehren hatte. Dann reichte er ihm ein Döschen voll von einem weissen Pulver und sagte: «Nun ist für mich die Stunde da, dass ich aus dieser Welt gehen muss. Sobald mein Leib kalt ist, schneide das Herz heraus, zerhacke es, so fein du kannst, menge dies Pulver darunter und lege alles in diese eherne Truhe und mache den Deckel gut zu. Aber lass dir gesagt sein: schau bei Gott nicht hinein, bevor volle neun Monate um sind!» Der Diener versprach ihm hoch und heilig in die Hand, also zu tun. Nach zwei Stunden starb Paracelsus. Als man ihn zu Grabe trug, folgten alle aus der Stadt und der ganzen Gegend, die er gesund gemacht, seinem Sarg. Es ist ein langer Zug gewesen.
Den Diener aber stach der Wunderfitz, so dass er sich nicht halten konnte und schon nach sieben Monaten die Truhe öffnete. Aber o Schrecken! - da erblickte er ein kleines unfertiges Kind, das zappelte kläglich und krümmte sich und starb sogleich, da die frische Luft zudrang. Hätte er es über sich vermocht, nach seines Meisters Gebot die neun Monate auszuwarten, so wäre Paracelsus wieder jung und frisch ins Leben gekommen. Aber es hat eben also nicht sein sollen nach Gottes Rat.
Die Wasser des Inn aber, in die des Doktors Schwert versenkt worden, glänzen noch heute bisweilen in goldenem Schimmer.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch