Vom Stockalper
Der Kaspar Stockalper von Brig war ein vielgewandter Mann, weitbefahren und vieler Sprachen kundig; er war ein grosser Handelsherr und trieb seine Geschäfte in aller Herren Länder mit grosser Klugheit und Umsicht und solchem Erfolg, dass er bald der reichsten Männer einer war, nicht im Wallis nur, sondern im ganzen Schweizerlande. Hat einer Geld, sagt ein altes Wort, so ist er ein Held, denn Geld behält das Feld und spielt den Meister in der Welt. Ein Schloss hatte er sich erbaut, das mit seinen drei mächtigen Kuppeltürmen weit ins Tal schaute und allum von weither sichtbar war. Es hatte zehn Keller, vierzehn Küchen, zwölf grosse Räume als Kleiderkammern, zahllose Vorratskammern und ein Waffenlager für fünf- bis sechstausend Mann. Und nie ass man unter dreissig Gedecken zu Mittag. Und demgemäss war die ganze Haushaltung mehr wie fürstlich. Umgeben von einem Staat von Lakaien, Waffenknechten, Räten, Schreibern, Boten, Musikern und Malern hielt der Stockalper Hof, einem König gleich, und schier als ihresgleichen behandelten ihn die Könige von Frankreich, Spanien und England. Er stand in hoher Gunst beim Papste, und der Herzog von Savoven hatte ihn gar geadelt, denn wer Geld hat, der hat die Ehre, und altes Geld macht neuen Adel. Und in der Heimat herrschte er schier unumschränkt über seine Landsleute, es fehlte ihm nur der Name eines Königs. Ihm gehörten die Forste, die Weinberge, die Bergwerke; unterstanden weithin die Strassen und Pässe, ja er baute selber Strassen und Kanäle. Alle Absteigestätten, Gasthäuser und Herbergen gehörten ihm, so dass er auf der ganzen langen Reise von Brig bis Lyon oder Mailand in eigenen Häusern übernachten konnte. Er allein verhandelte alles Salz im Lande. Und mit Hilfe seines Geldes zog er alle Pensionen, Fried- und Gemeingelder der Landschaft an sich und schaltete und waltete damit nach Belieben. Er unterhielt Regimenter und Kompagnien in fremden Diensten stiftete Kirchen und Klöstern reiche Gaben, und grosse Summen gab er an öffentliche Bauten und wohltätige Einrichtungen.
Er selber aber ging stets einfach gekleidet in schlichtem heimgewobenen braunem Drilch, den seine Frau und seine Töchter selber spannen, wie es dazumal noch allgemein der Brauch war, denn weŗ Geld im Sack hat, braucht keinen Staat zu machen. Er besuchte öfters den Herzog von Savoyen an seinem Hofe zu Turin. Die feinen Höflinge aber rümpften die Nase über den schlicht gekleideten Mann, denn sie meinten nichts anderes, als der müsse so arm oder so geizig sein, dass er sich nicht besser kleide. Das Kleid zieret den Mann; wer’s hat, der zieh’ es an, und vor schönen Kleidern zieht man den Hut ab. Und so begegnete man ihm verächtlich. Nur der Herzog schenkte ihm seine ganze Huld und behandelte ihn mit Auszeichnung, denn der war ein kluger Mann und wusste wohl: man empfängt den Mann nach dem Kleide und entlässt ihn nach seinem Verstande.
Eines Tages nun, als der Stockalper wieder einmal bei Hofe weilte, fand man in der Hauptstrasse der Stadt ein Hufeisen aus geschlagenem Silber. Der Fund erregte Aufsehen. «Wer mag so reich ein Herr sein», ging es von Mund zu Mund, «dass er sein Reitpferd mit Silber beschlagen lässt?» Wer kein Geld hat, dem entfällt keine Münze. Das Gerücht von dem Vorfall kam alsbald auch an den Hof. Und wie staunten da die Höflinge, als man vernahm, es sei das Pferd des Grafen im braunen Rock, welches das Eisen aus Silber verloren. Da machten dieselben, die ihn eben noch über die Achsel angesehen, grosse Augen, und die verächtlich von ihm geredet, die wurden kleinlaut und machten schiefe Mäuler. Und bald erscholl allerorten der Ruf seines Reichtums und seiner Freigebigkeit.
Aber als der Stockalper sich anschickte, feste Plätze im Wallis zu bauen und seine Herrschaft mit Waffengewalt zu stützen, da stand das Volk auf, denn nicht hatte es die alten Vögte verjagt, um neue Zwingherren zu dulden. Der Stockalper musste mit den Seinen nach Domo d’Ossola fliehen und die Heimat meiden. Und man nahm ihm seine Güter weg und zog sein Vermögen ein und alles, des man habhaft werden konnte. Ehe er ausser Landes ging, zwang man ihn, alles Geld, das er besitze, auf dem Altar der Kirche von Glis aufzuhäufen und mit darübergehaltenen Händen den Eid zu schwören dass sein gesamtes Geld da aufgehäuft sei. Aber die Walliser hatten die Rechnung ohne den Stockalper gemacht. Der ging in seiner Not heimlich zu einem Pater Jesuit und fragte ihn um Rat, wie er doch einen Teil seines Geldes retten könnte, ohne sein Gewissen beschweren. Der kluge Pater gab ihm den Rat, er solle die Hälfte auf den Altar legen und die andere Hälfte darunter vergraben, dann könne er getrost mit darübergehaltenen Händen den gebotenen Schwur tun. Dergestalt hat der Stockalper einen guten Teil seines Geldes gerettet, und das war nicht eben wenig, denn er ist bis an sein Lebensende ein reicher Mann geblieben.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch