Der Schneider von Basel und die Schlangenjungfrau zu Augst
Da war vor vielen hundert Jahren zu Basel im Schweizerland einer gesessen, eines reichen Schneiders Sohn, Leonhard geheissen, aber die Leute sagten ihm nur Lieni. Der war ein einfältiger Mensch und fast gar ein Simpel, denn wenn er den Mund auftat, dass er rede, so stotterte und stammelte er, dass man mit Not nur verstand, was er sagen wollte; auch sonst war er zu gar wenigen Dingen zu gebrauchen. Aber dieweil er aus seines Vaters Erbe stets einen vollen Beutel hatte, so liess man’s ihm hingehn. Auch prunkte er am Sonntag in Samt und Seide und zeigte sich gern, wo’s recht toll und lustig herging und lief den Frauen nach und spreizte sich wie ein welscher Gockel und tat ihnen schön. Die aber lachten ihn nur aus und liessen ihn stehen.
Einmal war er nach Augst an einen Taufschmaus gegangen und hatte von dem guten Taufwein über das Mass hinter die Binde geschüttet, so dass es ihm alsgemach die Kappe ein wenig lüpfte. Als er sich nun um Mitternacht auf den Heimweg machte, stand er nicht mehr ganz fest auf den Beinen, und unvermerkt kam er auf runden Füssen weit vom Wege ab, und unlang, so sah er beim schwachen Sternenschein beidseits bloss noch Baum an Baum und hinter sich Moor und Dornengestäude. Plötzlich stand er dicht vor einer jähen Fluh, und darin klaffte eine Spalte grad weit und hoch genug, dass ein Mann durchschlüpfen konnte. «Halt!» dachte Lieni, «hier kommst du ohne ein Abenteuer nicht weg. Also halt dich fest und frisch drauf los!» und so trat er beherzt durch die Öffnung in eine Höhle. Er tappte und tastete darin herum und suchte eine Stelle, wo er sein Haupt zum Schlaf hinlegen könne; denn er fühlte sich aufs Mal so müde in Leib und Gliedern, als wären ihm alle Knochen zerbrochen. Er knübelte den Stumpf einer geweihten Kerze aus dem Hosensack hervor und schlug Feuer. Aber kaum brannte der Docht mit einem flackernden Flämmchen, da huschte plötzlich ein Hund unter seinen Füssen auf, und Lieni fiel, so lang er war, gegen eine eiserne Pforte. Die sprang auf, noch ehe Lieni, der von dem Fall wieder er ganz nüchtern geworden war, mit seinem Lichtlein sich gerappelt hatte. Er hielt den Kerzenstumpf vor sich und trat ein: Vor ihm dehnte sich ein weites, hohes Gewölbe nach dem andern. Und wie er sie durchschritten, kam er ins Freie hinaus in einen prächtigen Lustgarten mit vielen schönen Büschen und Bäumen und herrrlichen Blumen, und in der Mitte stand auf einem freien Platz ein hochgebautes Schloss. Ringsumher aber war alles still und menschenleer. Das Tor stand offen. Lieni besann sich nicht lange und ging hinein und kam in einen Saal. Aber auf der Schwelle blieb er stehen, starr und steif vor Staunen, und gaffte mit offenem Maul, Was das für eine Pracht war! Die ganze grossmächtige Halle war strahlend hell erleuchtet, aber nicht von Lampen oder Kerzen - nein, die Wände selber leuchteten von lauterem Gold und schienen von Silber mit eingelegten Verzierungen von funkelnden Edelsteinen ohne Zahl. Den Wänden lang standen Schäfte voller Prunkgeschirr und der kostbarsten Kleinodien. Mitten im Saal aber stand eine eiserne Kiste, darauf lagen zwei schwarze struppige Hunde, die knurrten und mieften mit gesträubtem Haar und glühenden Augen, als Lieni hereinkam. Da trat aufs Mal aus einer Seitentür eine wunderliebliche Jungfrau herein. Sie trug auf ihrem Haupt ein golden Krönlein, und in langen Locken wallte das offene Haar ihr über Schultern und Rücken. Aber oh Scheuel und Greuel! Vom Gürtel an abwärts war sie eine schuppichte schillernde Schlange mit langem Ringelschweif. Mit milder Stimme hiess sie Lieni willkommen. «Siehe», sprach sie «ich bin von königlichem Stamme und Geschlecht geboren, aber durch bösen Zaubers Macht also verwunschen und verflucht, dass ich zu solcher Ungestalt verwandelt bin. Doch kann ich wohl erlöst werden, wenn ein reiner Jüngling es über sich vermag, mich drei Mal mitten auf den Mund zu küssen; dann erlange ich meine vorige Gestalt völlig wieder.» Also sprach die Jungfrau und nahm Lieni bei der Hand und führte ihn zu der eisernen Kiste, wies die jaulenden Hunde zur Ruhe, dass sie zu ihren Füssen winselten und wedelten; dann nahm sie den Schlüsselbund, der ihr an einem goldenen Bande um den Hals hing und schloss den schweren Deckel auf: und siehe - die Truhe war bis zum Rande gestrichen voller Gold und Silbermünzen. «Und alle Schätze», sprach sie weiter, «die an diesem Ort verborgen sind, werden dem gehören, der mich erlöst!» Noch nie in seinem Leben hatte Lieni eine Maid geküsst, denn keine hatte je etwas von ihm wissen wollen. Jetzt aber schwoll ihm das Herz, und die Aussicht auf all die Herrlichkeiten machten ihn kühn. «Ei», rief er keck, «wer wollte Euch nicht küssen, schöne Jungfrau!» und er spitzte den Mund und gab ihr herzhaft einen Kuss auf die eiskalten Lippen, dass es ihn am ganzen Leibe schauderte. Der Jungfrau Wangen aber erglühten, ihre Augen leuchteten, und ihr ganzes Antlitz erstrahlte vor Freude, und so innig blickte sie Lieni an, dass er sie zum zweiten Male küsste. Da lächelte sie ihm noch viel liebreicher zu, und sie umfing ihn mit ihren lilienweissen Armen und umschlang ihn so eng und fest mit ihrem Schlangenschweife, als wollte sie ihn auf ewig fesseln. Aber oh weh! - diesmal schüttelte der Schauder den Lieni, und erzitterte und bebte bis ins innerste Gebein, und Angst und Grausen überkamen ihn, dass er mit einem gewaltigen Ruck sich losriss und in grossen Sätzen entsprang. Hinter ihm drein aber gellte ein Schrei, so weh, so weh, dass es ihm Sinn und Seele zerriss, und es krachte und toste, als berste der ganze Berg, und brausend fuhr eine Windsbraut hinter ihm her, die ihn mit gewaltiger Wucht packte und durch Gänge und Gewölbe fortschleuderte, dass ihm Hören und Sehen verging. Und er hat denn auch nie sagen können, wie er wieder aus der Schluft herauskam. Besinnungslos wie ein Toter fiel er vor der Fluh ins Gras.
AIs Lieni wie aus einem wüsten Traum mit wirrem Kopf und trüben Augen erwachte, war keine Spur von einer Spalte im Gefelse zu entdecken, und traurig schlich er davon und murmelte wirre Worte vor sich hin. Und seither tupften die Leute sich mit dem Finger an die Stirn, wenn sie ihn sahen, schüttelten den Kopf und sagten: «Ach ja, der arme Narr! Gott helfe ihm!» Ihn aber trieb die Sehnsucht immer wieder zu jener Fluh, dass er das Werk der Erlösung vollende. Aber er hat den Eingang zu jener Höhle nie mehr wieder gefunden. Und eines Tages nach vielen Jahren ist er tot vor dem Felsen gelegen. Ein Geissbub hat ihn gefunden.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch