Vom Bauern, der sterben sollte
Bei Aarau auf einem Meierhof sass ein Bauer, der hiess Kläuwi Bertschy, ein gar wunderlicher Spassvogel. Da aber begab es sich auf eine Zeit, dass er krank wurde und sehr schwach, und jedermann meinte, er wolle sterben. Seine Frau fragte ihn, ob er den Priester haben und beichten und auch sich versöhnen lassen wolle. Er sagte: «Ich bin doch mit niemand uneins, mit wem sollt ich mich auch versöhnen lassen ? Ich möcht’s aber wohl leiden, dass der Pfarrer hier an meiner Statt läge, dann wollt ich ihm lieber die Beicht hören, als dass ich beichten möcht.» Aber er liess ihn doch holen.
Der Pfarrer kam und sagte: «Kläuwi, einen guten Tag!» Kläuwi sagte: «Ja wäget, ihr habt einen guten Tag, und ich einen bösen.» Der Pfarrer sprach: «Kläuwi, mir ist deine Krankheit leid.» Sagte der Bauer: «Sie ist mir noch viel leider, denn ich hab sie am’ Hals.» Der Pfarrer sagte: «Wo beklagst du dich?» Sagte der Kläuwi: «Hier im Bette.» Sprach der Pfarrer: «Wo ist dir weh?» Der Kläuwi sagte: «Hier zwischen den Wänden.» Der Pfarrer: «Ich sehe wohl, du bist nicht mehr stark.» - «Ja», sagte der Bauer «wäre ich stark, so wollte ich mit euch einen Hosenlupf machen. Mir ist, ich würd euch Meister mögen.» - «Wohlan», sagte der Pfarrer, «willst du dich zu Gott bekehren, dann musst du anders tun!» Sprach der Bauer: «Wo ist er?» Darauf antwortete der Pfarrer: «Ich hab ihn mit mir her getragen.» - «O», sprach wieder der Bauer «ist er so schwach, dass man ihn tragen muss, so ist er wohl kränker als ich bin. Und zwei Kranke helfen selten einander. Drum will ich nichts mit ihm zu schaffen haben, bis er oder ich stark wird.» Da ging der Pfarrer seines Weges, und war zum Narren gehalten und hatte nichts ausgerichtet.
Aber der Bauer war von all dem Spass und Spott und Geschwätz so blöd und schwach geworden, dass sich jedermann seines Todes versah. Und so geschah auch. Da sprach die Frau zu ihm: «Kläuwi, sollen wir dir eine Kerze anzünden?» - «Nein», sprach er, «es ist heiter, ich sehe noch genug.» Wie er aber noch schwächer ward, sagte er zu ihnen: «Wohlan, zündet recht die Kerzen an, es will doch am letzten Sankt Veit seinen Tanz haben.» Und sie gingen hin, zündeten die Kerze an und gaben sie ihm in die Hand. Da kam sein Nachbar, der Vincenz. Als er sah, dass der Kläuwi so schwach war, da sagte er zu der Frau: «Er zieht schon, Gott helf ihm!» Das hörte der Kläuwi, wie schwach er auch war, und sagte: «Nun muss es Gott treulich erbarmen, dass ich noch viel gute, starke, ausgeruhte Rosse im Stall stehen hab, und ist deren keines, es möchte besser ziehen, denn ich. Und wird mir als dem schwächsten die grösste Bürde aufgelegt, so dass ich allein ziehen muss. Ich denk, ich werd am Ziehen ersticken.» Und so geschah auch, denn er starb alsbald.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch