Die drei Gaben des Teufels
Es war einmal eine arme Taunersfrau, die war allein in der Welt mit ihrem einzigen Sohn; denn der Mann war ihr gestorben, als der Bub eben geboren war. Und wie’s so geht, die arme Mutter hatte dem Bürschlein gleich anfangs nicht den Meister gezeigt, und erst jetzt, wo er gross und grösser wurde, zog sie andere Saiten auf, aber da war’s halt zu spät. Denn mit jedem Tag trieb’s der Schlingel ärger mit bösen Streichen und Stössen, so dass die gute Frau vor Kummer und Gram sich nicht mehr zu helfen wusste.
Eines Tages nun, als der ungeratene Bube wieder einmal so recht ungeberdig tat, da geriet die Mutter so ausser sich vor Zorn, dass sie schrie: «Oh, wenn nur der Teufel selber aus der Hölle dich holen käme, dass du mir aus den Augen wärest und ich dich nimmer mehr sehen brauchte.» Kaum war ihr das Wort entfahren, da sauste und brauste es draussen ums Haus, und da stand auch schon der Teufel da und nahm den ungattigen Buben im Schwick auf die Hörner und trug ihn mit Windeseile zur Hölle, er hat nicht einmal weder ha noch ba sagen können, der Bub, so geschwind ist’s gegangen. «So, du Schlingel», sagte der Teufel, «jetzt bin ich dein Meister», und damit gab er ihm ein Paar Schuhe aus Eisen, die sollte er fein säuberlich den Nähten nach auftrennen bis am Abend und nebenbei den ganzen Tag das Feuer mit Stroh unterhalten. «Und machst du deine Arbeit recht, dann sollst du auch einen rechten Lohn erhalten, und du darfst wieder heim zu deiner Mutter», sagte der Teufel noch und dann ging er fort, denn er hatte den Tag grad sehr viel zu tun droben in der bösen Welt.
Der Bub verschnauft sich erst ein wenig von seinem Schrecken, denn er war noch ganz verdattert von der Reise; dann schaute er sich alsgemach ein wenig um in der Hölle. Da erblickte er aufs Mal hinten in einem Winkel des Teufels Eltermutter. Die winkte ihn mit dem Finger zu sich und sagte: «Hör, Bub, heute Abend wird der Meister zwei Eselein heimbringen. Das eine davon ist für dich. Nimm aber das schwarze mit dem weissen Busch am Schwanz. Das macht statt Mist Goldstücke.» Und dann zeigte sie ihm noch, wie er’s anstellen müsse, um die Schuhe aufzutrennen. Und alles geschah, wie die Alte gesagt. Der Teufel war mit der Arbeit zufrieden und gab dem Buben den schwarzen Esel. Und der stieg auf, um stracks heimzureiten.
Wie er vor die Hölle hinauskam, fand er unweit vom grossen Tor ein Wirtshaus. Er kehrte ein, um einen Imbiss zu nehmen und dann sich schlafen zu legen, denn er war hundsmüde von dem langen Tagewerk in der Hölle und hatte nachtschwarzen Hunger. Den Esel stellte er in den Stall und band ihn sorgsam fest, dann nahm er ihn am Schwanz und sprach: « Schyss, Eseli, schyss!» Und da regneten die Goldstücke nur so herunter. Voller Freude setzte er sich zu Tisch und liess sich auftragen, was Küche und Keller hielten. «Wegen der Kosten, Herr Wirt, macht euch nur keine Sorgen, ich vermag’s schon», sagte er, griff in den Sack und liess einen Goldvogel zwischen Daumen und Zeiger hervorgucken. Da wussten die Wirtsleute kaum, wie sie dem Gast genug tun sollten. Denn wie der Gast, so der Wein. Vor dem Schlafengehen sagte er zum Wirt: «Hört, Herr Wirt, gebt wohl acht, dass ihr meinen Esel, der unten im Stalle steht, nicht etwa aus Versehen am Schwanz nehmt und sagt: «Schyss, Eseli, schyss!» «Nein, nein, junger Herr, Gott bewahr mich, dass ich das tue!», erwiderte der Wirt. Aber kaum war der Bub eingeschlafen, da ging er auch schon in den Stall hinab und tat’s. Und ganze Haufen Goldstücke hat er aufgesammelt. «Ei, so ein Tierlein kann ich just brauchen!» sagte der Wirt und führte den Goldesel in einen anderen Stall und stellte an seine Stelle einen anderen Esel hin, der jenem auf’s Tüpflein glich.
Am andern Morgen zahlte der Bub, was er schuldig war, und das war eben nicht wenig. Aber der Wirte Urten sind unfehlbar, man mag dagegen nicht appellieren. Dann ritt er fröhlich auf dem ausgewechselten Grautier davon. Als er nach Hause kam, machte die Mutter grosse Augen und sagte: «So, dich haben sie, mein ich, nicht einmal in der Hölle behalten wollen, dass du schon wieder da bist!» «Schilt und schmäl nicht, Mutter», sagte der Bub, «schau nur, was ich dir mitgebracht hab.» «Du meinst wohl, ich habe noch nie einen Esel gesehen! Und wo sollen wir das Futter hernehmen?» sagte wieder die Mutter. Jetzt nahm der Bub den Esel am Schwanz und rief: «Schyss, Eseli, schyss.» Aber es waren keine Goldstücke, die der Esel fallen liess. Da glaubte die Mutter, der Schlingel habe sie nur zum Narren halten wollen, sie ergriff eine Hagscheie und verdrosch ihn dermassen, dass er laut heulend in die Hölle zurücklief.
Da fand er richtig den Teufel wieder, der sich eben anschickte, einen Gang nach der Oberwelt zu machen. «Ja», sagte der, «ich hab mir’s gleich gedacht, du würdest bald wieder kommen. Geh jetzt und schau zum Feuer und hab Sorg, dass das Wasser im grossen Kessel den ganzen Tag unablässig siedet, aber lass es nicht überkochen, nicht ein Tröpflein, hörst du! Machst du deine Arbeit recht, dann sollst du auch einen rechten Lohn erhalten.» Und damit ging der Teufel fort.
Da aber kam auch die Eltermutter wieder aus ihrem Winkel hervorgehumpelt und sagte: «Heut Abend wird der Meister zwei Tischtücher mitbringen, ein weisses aus Leinen und ein graues aus Baumwolle. Nimm das graue. Es deckt sich von selber nach Wunsch mit Speise und Trank.» Und dann zeigte sie ihm noch, wie er’s machen müsse, dass das Wasser im grossen Kessel stets strodle aber nicht überlaufe. Und wieder geschah alles, wie die Alte gesagt. Der Teufel war mit der Arbeit zufrieden, und der Bub bekam das Tuch und machte sich auf den Heimweg.
Aber wie er vor’s Höllentor hinauskam, war er wieder so müde und hungrig, dass er wieder in jenem Wirtshaus einkehrte. «Gebt nur eine Kammer zum Schlafen», sagte er zum Wirt, «Essen und Trinken schaffe ich mir selber». Dann breitete er sein Tuch aus und sagte: «Deck di, Tüechli, deck di!» Und im Nu standen die leckersten Speisen und köstlichsten Getränke vor ihm, und er langte nach Herzenslust zu. Der Wirt aber hatte vor der Tür gestanden und durch’s Schlüsselloch geschaut und alles gesehen. «Seltener Gast kommt wohl!» sagte der Wirt, und als der Bub fest schlief, schlich er sich in die Kammer, nahm ihm das Wundertüchlein weg und legte ein anderes an dessen Stelle, das jenem aufs Tüpflein glich. Am andern Morgen ging der Bub getrost nach Hause. «So, haben sie dich schon wieder fortgejagt, du wirst danach getan haben!» sagte die Mutter, als er über die Schwelle trat. «Schweig doch still Mutter», sagte der Bub «und schau zuerst, was ich dir mitgebracht habe. Jetzt hat alle Not ein Ende. Wir werden stets genug zu essen haben von der besten Herrenkost und zu trinken dazu.» Und er legte das Tuch über den alten wackeligen Tisch und sprach: «Deck Tüechli, deck di!» Aber wie oft er die Worte sprach, es kam nichts. «Warte, du Narr, du, dir will ich das Gaukeln vertreiben!» rief die Mutter und schlug mit einem Holzscheit auf ihn los, dass er sich schleunigst aus dem Staube machte und geradewegs wieder in die Hölle zurückrannte.
Wieder traf er den Teufel daheim an. Der aber sagte: «Ja, ja, hab’s mir gleich gedacht, du werdest bald wiederkommen. Hier nimm diesen Silberklumpen und schmiede bis heute abend tausend Taler daraus. Und wenn du deine Arbeit recht machst, dann sollst du auch einen rechten Lohn bekommen.» Dann ging er fort. Da kam die Eltermutter wieder aus ihrem Winkel herbeigehumpelt «Hör, Bub», sagte sie, « heute Abend wird der Meister zwei Stöcke bringen, einen knorrigen und einen glatten. Nimm den knorrigen. Der wird auf Geheiss dreinschlagen, bis du ihm befiehlst, einzuhalten.» Und dann zeigte sie ihm noch, wie er die Taler prägen müsse, damit sie wohl gerieten. Und wieder ging alles, wie die Alte gesagt. Der Teufel war mit der Arbeit zufrieden und gab ihm den Stock, und der Bub wanderte damit fröhlich auf die Oberwelt.
Wie er vor’s Höllentor kam, kehrte er wieder aus Müde und vor Hunger in jenem Wirtshaus ein. Dort hängte er seinen Stock in der Wirtschaftsstube an einen Wandhaken. Bevor er schlafen ging, sagte er zum Wirt: «Hört, Herr Wirt, habt Acht zu dem Stock, der da am Haken hängt. Denn wenn man zu dem sagt: «Hau, Steckli, hau!», dann geschehen Wunderdinge, könnt ihr mir glauben.» «Nein, Gott bewahr mich, junger Herr, was denkt ihr auch», sagte der Wirt. Kaum aber war der Bube eingeschlafen, nahm er den Stock ab der Wand und sagte: «Hau, Steckli, hau!» Und auf der Stelle fing der Stock an von allen Seiten auf den Wirt loszuprügeln, dass er hochauf sprang und jämmerlich Zetermordio schrie. Und alle Leute im Hause wurden wach und liefen zusammen. Auch der Bub kam und sagte: «So, Herr Wirt, macht jetzt auf der Stelle meinen Esel heraus!» «Herrjeh, herrjeh, was für einen Esel meint ihr, junget Herr? Ich weiss nichts von einem Esel!» «Hau zue, Steckli, hau zue!» rief da der Bub. Aber da versprach der Wirt gar schön, den Esel ungesäumt zu holen, wenn der Stecken nur aufhöre ihn zu prügeln. « Hör, Steckli, hör!» rief da der Bub. Da war der Stock wieder ruhig, und der Wirt kam mit dem Esel. «So, Herr Wirt, und jetzt macht auch mein Tischtuch heraus!» «Herrjeh, herrjeh, was für ein Tuch soll das sein, junger Herr? ich weiss von keinem Tischtuch.» «Hau, Steckli, hau!» rief da wieder der Bub, und flugs hub der Stock wieder auf dem Rücken des Wirtes zu tanzen an, dass er noch höher sprang als das vorige Mal, und er versprach gleich, das Tuch herauszugeben. Da gebot der Bub dem Stock Ruhe und erhielt das rechte Tuch zurück.
Nun ging der Bub mit seinem Esel, dem Tischtuch und dem Stock auf dem kürzesten Wege nach Hause. «Ei, bist du schon wieder da, du unverbesserlicher Taugenichts!» rief die Mutter ihm schon von weitem entgegen. «Dass du dich nicht unterstehst, mir ins Haus zu kommen!» Und sie rief den Nachbar Jermi über den Hag herbei, einen rohen Gesellen und Leuteschinder, dass er komme und ihr helfe den ungeratenen Sohn fortjagen auf Nimmerwiedersehen. Der kam gleich an und litzte die Ärmel zurück. «Hau, Steckli, hau!» sagte der Bub, und der Stock prügelte den starken Jermi mir nichts, dir nichts zum Dorf hinaus. Da befahl der Bub dem Stock, einzuhalten. «Ja», sagte die Mutter, «der Stock ist recht, aber was nützt uns der, wenn wir nichts zu brechen und zu beissen haben und noch weniger Geld?» «Gemach, Mutter, gemach», sagte der Bub, nahm den Esel beim Schwanz und sprach: «Schyss, Eseli, schyss!» Da rollten und klingelten die Dukaten haufenweise auf den Boden. Der guten Frau wollten die Augen schier aus dem Kopf trolen vor Staunen. Da stellten sie den Esel in den Stall zu dem anderen und gingen in die Stube. Dort breitete der Bub das Tischtuch aus und sprach: «Deck di, Tüechli, deck di!» und im selben Augenblick standen Speisen und Getränke die Hülle und Fülle darauf, und sie hielten eine fröhliche Mahlzeit miteinander, die arme Mutter und er ungeratene Sohn. Aber das ist nicht die letzte gewesen, dürft ihr glauben! und wenn der Esel seither nicht verreckt ist, das Tischtuch nicht zerrissen und der Stock nicht zerbrochen, dann haben sie ihre Kraft wohl heute noch.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch