Mutabor Märchenstiftung

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Die Lötscherglocke

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

In alten Tagen hatten Lauterbrunner und Lötscher mancherlei Späne und Stösse miteinander. Aber das ist lange, lange her, denn damals war die Wetterlücke zwischen dem Breithorn und dem Tschingelhorn noch nicht vergletschert, und so zogen die Talleute immer wieder mit gewaffneter Hand hinüber und herüber.

Als die Lauterbrunner ihre Kirche fertig gebaut hatten, da fehlten die Glocken. Die konnten sie selber ja nicht machen, und sie auswärts giessen lassen hätte über Vermögen gekostet, denn die Batzen waren dazumal rar im Lande. Da zog kurzerhand ein Haufe kernfester Gesellen hinüber und schlugen die Lötscher in ihrem Tal mit dem Schwert. Aus der Kirche nahmen sie die beiden grössten Glocken fort und trugen sie auf Tragen über den Berg.

Es war aber schon weit hinten im Herbst. Und miteins brach der Föhn herein, und es brauste ein solches Wetter über sie her, dass sie die eine Trage oben stehen lassen mussten. Die grössere Glocke aber brachten sie glücklich zu Tal. Und der Winter folgte ihnen auf dem Fuss haldab, so streng und kalt wie noch keiner seit Menschengedenken. In den Ustagen und selbst im hohen Sommer blieb die Wetterlücke schneebedeckt, und ist’s seither geblieben. Die mindere Glocke blieb oben liegen und ist tief im Gletschereis begraben.

Die grössere Glocke aber hängt noch heute im Turm der Talkirche von Lauterbrunnen und heisst nach ihrem Ursprung die Lötscherglocke.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch