Der starke Hans
Es war einmal eine grosse feste Frau, man sagte ihr nur die Beth. Die hatte einen Buben, der hiess schon der starke Hans war doch erst sieben Jahre alt und schon so gross wie seine Mutter und stärker als die stärksten Mannen im Dorf. Wenn er auf der Gasse ging, konnte er in die oberen Stuben der Häuser sehen. Und wenn die Mutter ihn in den Wald schickte, dass er eine Tracht Holz hole, dann riss er ganze Tannen aus, als ob es Stauden wären, und brachte eine Bürde heim, als wär’s ein Federwisch, so dass die Mutter das Jahr aus Brennholz genug hatte. Und essen tat der Hans! Seine Mutter wusste schier nicht, wie genug Speise zusammenbringen und woher das Geld nehmen, um seinen Hunger zu stillen; denn er ass schon jetzt für dreie. «Nein, so geht das nicht weiter. Was will das noch werden?» dachte sie bei sich, «der Bub, der isst mich noch zu armen Tagen.» Und sie beschloss, den Vielfrass in die Welt hinaus zu schicken, damit er sich eine Stelle suche und selbst sein Brot verdiene. «Wir sind arme Leute», sprach sie eines Tages zu ihm, als er wieder alle Schüsseln geleert hatte und eben noch den Löffel abschleckte, «drum musst du beizeiten arbeiten und fremdes Brot essen lernen. Und die Bauern nehmen ohnedies nur starke Knechte an, und da wirst du leicht einen Dienst finden, der für dich taugt.»
Da schnürte der Hans sein Bündel, sagte der Mutter Lebewohl und wanderte guten Mutes zum Dorfhinaus. Er wanderte den ganzen langen Tag ohne Anhalt, und um die Vesperzeit kam er endlich in ein Dörflein. Am ersten Hause - es war eine Mühle – klopfte er an, dass es nur so dröhnte. Der Müller schaute Fenster hinaus und fragte nach seinem Begehr. «Mit Verlaub, antwortete der Hans, «ich suche Arbeit.» Aber der Müller sagte: «Ich habe schon zwei Knechte, kund einen dritten brauche ich nicht. Zwar Arbeit wär übergenug für dich bei mir, aber so viel kann ich nicht zahlen.» «Ei, wenn`s weiter nichts ist, das soll Euch nicht beschweren. Wenn Ihr mich behalten wollt, ich verlange keinen Lohn, gebt mir bloss ein Bett und die Kost und das Recht, alle Jahre eine Ohrfeige austeilen zu dürfen.» «Ha, das ist ein rechter Knecht für mich», dachte der geizige Müller und rieb sich die Hände, hiess den Hans freundlich hereinkommen und seinen Ranzen in der Knechtekammer ablegen.
Am andern Morgen schickte er den neuen Knecht in den Wald, dass er laube, denn die Streu für die Kühe war ausgegangen. Der Hans nahm aber aber statt des einen Tragkorbes gleich deren vier mit, an jeder Schulter und Hand je einen. Und unlang, so kam er über und über mit Laub beladen zurück und füllte dem Müller also in wenigen Stunden den Stall mit Laub. Und der Meister, kann man sich denken, der rieb sich wieder die Hände und schmunzelte zufrieden. Unterdessen war es Mittag geworden und Essenszeit. Die Müllersleute mit Kind und Knechten wollten eben zu Tische gehen, aber wie sie in die Stube traten - was war das ? Da sass der neue Knecht und hatte bereits das ganze Essen für sieben Köpfe rubb stubb aufgegessen. Er wischte sich eben den Mund mit dem Ärmel und sagte: «Wie ist’s, kommt nicht bald mehr auf den Tisch?» Ja, da war bald gegessen!
Jetzt schickte der Müller den Hans mit einem Wagen mit zwei Ochsen davor in den Wald, um zu holzen und das Holz heimzufahren. Im Handkehrum hatte der Hans die dicksten Buchen umgetan, entästet, und die mächtigen Stämme aufgeladen, dass Achse und Leiter knackten und knarrten, und keinen Wank hat der Wagen getan, als er die Ochsen antrieb. Da packte er kurzerhand auch die Tiere und warf sie zu dem Holz, legte sich selbst ins Geschirr, zog mit einem gewaltigen Ruck an, und brachte die ganze Fuhre auf knirschenden Rädern wie ein Sturmwind mit Donnergepolter vors Haus gerollt.
Wie der Müller das sah, da kratzte er sich in den Haaren, und mit Beben dachte er der Ohrfeige, die dem Knecht auszuteilen zustand, wenn das Jahr um wäre. Aber er liess sich bei Leibe nichts merken, sondern sie gingen zu Tisch, um zu Nacht zu essen. Und da tat der Hans wiederum so ausgiebig das Seine, dass Meistersleute und Mitknechte schier ungegessen zu Bette gingen. Und der Müller kratzte sich abermals in den Haaren, denn dieser Knecht würde ihn, noch ehe das Jahr vergangen wäre, von Haus und Hof gegessen haben.
Am andern Morgen hiess der Müller den Hans den Gartenhag ausbessern. Aber was musste er da sehen? - Der Hans hieb mit dem Waldhegel die Zaunstecken statt auf dem Scheitstock auf seinem Knie zu. Am Nachmittag ging der Müller daran, einen mächtigen Mühlstein in Stand zu setzen, indes der Hans unterhalb an der Halde die Kühe hütete. Aufs Mal entglitt der Stein dem Müller und rollte in grossen Sprüngen schneller und schneller haldab. «He, he, Knecht, duck dich!» schrie der Mann ganz erschrocken, «der Mühlstein ist mir entwischt.» Der Hans, nicht faul, statt ausserwegs zu springen, läuft dem Stein entgegen, hält ihn mit der Hand auf und lädt den mannshohen Block mit einem Lupf auf die Schultern und trägt ihn zur Mühle hinauf, als wär’s ein Ballen Heu oder eine Reiswelle.
Nun wurde es dem Müller vollends angst und bang vor dem seltsamen Knecht, und er sann unablässig darüber nach, wie er den ungeschlachten Burschen ungesäumt los werden könne mit Glimpf oder Unglimpf. Aber wie anstellen? Da war guter Rat teuer. «Wart, ich hab’s,» sagte er plötzlich zu sich selber und gluckerte zufrieden vor sich hin, denn es war ihm etwas eingefallen. «Hör», sprach er zu dem Knecht, «meine Frau hat da vor etlichen Tagen beim Gemüserüsten ihren Ehering in den Ziehbrunnen fallen lassen. Steig doch hinunter und hol ihn wieder herauf!» Der Hans tat’s und liess sich in den Schacht hinab. Aber kaum war er drunten, so schüttete der Müller mit den andern Knechten eine ganze Benne Steine hinab, und nicht eben kleine. «He, ihr da oben, jagt doch auch die Hühner fort! Sie scharren mir Sand auf den Kopf», rief es von unten herauf. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, dachte der Müller und ging mit den Knechten die Glocke in der Kapelle des heiligen Thomas holen, und die warfen sie mit lautem Ho und Hopp in den Brunnen, dass sie den da drunten zudecke. «Eh, nein, was für ein artiges Käpplein, das ist mir grad kommlich gegen den Sand!» rief`s wieder von unten herauf. Jetzt gab`s nichts anderes mehr, jetzt musste der Mühlstein dran! Und die dreie rollten ihn mit Mühe über den Brunnenrand. «Ei», rief`s drunten, «da hab ich ja der Frau Meisterin Ehering! Geht mir aus dem Licht da droben, ich komme.» – Und der Hans kam heraufgestiegen, die Glocke wie ein Sennenkäppli auf dem Kopf und den Mühlstein als Ring am Finger.
Jetzt aber ward`s dem Müller so katzbang, dass ihm`s Herz im Halse schlug. «Helf mir Gott! Das kommt nicht gut», dachte er bei sich, «der Kerl muss mir aus dem Haus, lieber heut als morgen, und wenn mir der Teufel dazu helfen müsste!» Und Tag und Nacht zerbrach er sich den Kopf, wie er’s nur anstellen könnte, dass er den unheimlichen Knecht los werde. Endlich fiel ihm ein, er wolle ihn geradeswegs in die Hölle schicken. «Hör, Knecht», sagte er, «hier hast du sämtliche leeren Säcke, geh damit zur Hölle und hole das Mehl, das der Teufel mir aus vorigem Korn gemahlen hat.» «Eh, was soll ich mit diesen Säcklein? Die taugen nicht!» sagte der Hans unwirsch, ging in den Stall und schlug die beiden Ochsen tot, zog ihnen die Haut ab und nähte daraus einen Sack, wie er ihn haben wollte. Dann ist er geradeswegs zur Hölle hinabgegangen. «Der kommt nimmermehr wieder!» frohlockte der Müller und rieb sich die Hände.
Der Hans kam vor’s Höllentor, stiess mit dem Fuss die Türe auf und rief: «Holla hoh! Macht das Mehl heraus, das meinem Meister gehört!» Da haben aber die Teufel lachen müssen, man hat`s schier bis auf die Oberwelt hinauf hören können. Aber der Hans liess sich nicht foppen. «Wartet, ihr Donnerskätzer, rief er, euch will ich`s Lachen schon vertreiben!» Und er packte einen mastigen Dickteufel, gross und schwer wie ein Ochse, und schlug damit auf die anderen los, dass es eine Art hatte. Stiess mit dem Fuss die Kessel um, dass die Brühe, darin die armen Seelen sotten, die Flammen löschte, und machte ihnen alles zu unterst zu oberst, und es ward ein solcher Qualm und Rauch, ein Lärmen und Toben, dass zuletzt der grosse Oberteufel kam und gebot, dem Hans seinen Sack mit Mehl zu füllen, wenn er nur gehe.
Am Abend kam der Hans zur Mühle zurück und warf den Sack auf`s Tenn, dass die Bretter brachen und die Balken knickten und sagte zum Müller, der ganz verstört dreinlugte: «Das sind mir windige Müller da drunten! Gebet euer voriges Korn das nächste Mal in eine rechte Mühle. Und überdies: so ist mir jetzt der Dienst bei euch verleidet, und ich will meinen Lohn haben!» Der Müller lottelte vor Angst an allen Gliedern, denn gerad an dem Tag war das Jahr zu Ende. Da gab der Hans ihm eine Ohrfeige, dass er sieben Tagesreisen weit geflogen ist. Ja, ja, so ging es in jenen Zeiten zu.
Dann nahm er den Sack auf die Schulter und ging heim zu seiner Mutter. «So Mutter», sagte er, «jetzt bin ich wieder da, und bringe dir Mehl mit, so dass wir beide daran unser Leben lang genug haben werden.» Aber als sie den Sack auftaten, da war er voller Gold.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch