Die Böcke
Hart belagerten die Eidgenossen die Stadt. Nach und nach fing die nötige Nahrung an zu mangeln. Brot und Wein, Fleisch und Frucht wurden immer weniger. Zum Glück lebten in der Stadt einige redliche, rührige Burschen, die nannte man die «Böck». Selten sah man sie im sichern Hause; meistens streiften sie ausserhalb der Stadt im Feindesland umher, die Not der Bürger zu mildern. Gär fein schädigten sie den Feind mit Rauben und Brennen und Leute fangen. Sie richteten mehr aus als all die vielen Knechte, die hinter den dicken Stadtmauern lagen. So liefen sie einmal ihrer Sechzehn aus der Stadt ins offene Feindesland hinaus auf Beute. Als sie unter Altstätten hinabkamen, begegneten sie sieben feindlichen Fuhrmannen. Die führten drei Wagen mit gutem, reifem Wein, der ins Lager der Berner gehörte. Handlich fingen die Böcke die Sieben und führten Wein und Gefangene, ohne Leid, durch das feindliche Lager in die Stadt. Die Freude war nicht gering. Fröhlich liessen sie den Wein ausrufen und schenkten ihn auf der untern Brücke beim Rathaus aus. Das schmeckte manchem wohl, denn es war ein guter Tropfen. Das hegelte die Berner nicht wenig, als sie dies vernahmen.
Wiederum zogen die Böcke hinaus und etliche mutwillige Gesellen mit ihnen. Sie hielten über den Albis den Eidgenossen ins Land und nahmen allda bei vierzig Haupt Hornvieh und trieben die ganze Herde zu den heiligen Drei Königen durch das Lager in die Stadt, wiederum ohne dass ein Leid geschehen wäre.
Also störten diese kecken Böcke die Eidgenossen in ihren Wegen und Winkeln mehr, als alle andern Zürcher zusammen, denn was sie auch taten, das wagten sie gar teuer.
Und als man nun in Konstanz anfing, von der Friedensrichtung zu reden, da wollten die Eidgenossen die sechzehn Mannen nirgends in den Frieden hineinnehmen. «Ihr dürft sie weder behausen noch behüten, weder verbergen noch bewirten, weder in der Stadt noch auf dem Land», redeten sie. Diese Forderung fiel nun den Zürchern schwer aufs Herz. Die Böcke waren ihnen lieb, ehrlich und tapfer hatten sie ihnen viel Gutes getan und nun sollten sie sie verlassen. Aber die Böcke sprachen: «Lasst euch nicht bedauern, mag euch ein ordentlicher Frieden gelingen, so tut es, wir wollen uns schon selber weiterhelfen, wir kennen so viele Wege und Stege, die zum Frieden führen. Wir werden die Eidgenossen schon dazu bringen, dass sie nach einem Frieden schreien müssen und nicht wir.» Darauf erwarben sie sich das Schlossrecht auf Hohenkrähen. Auch wurde denen von Zürich von etlichen Ländern geraten, sie möchten den Frieden annehmen, alsdann wollten sie schon an die Böcke denken, damit ihnen mit der Zeit auch geholfen werde.
An der Friedenstagung wurde an die Böcke gedacht, aber alles war umsonst, sie wurden nicht aufgenommen.
So wanderten denn nun die Böcke zum Landammann Fries von Uri. Der war den ehrlichen und tapferen Gesellen wohl gesinnt und hätte ihnen schon lange gerne geholfen. Diesen baten sie um Rat. Der sprach: «Liebe Gesellen, schon manches habe ich um euretwillen gedacht und getan, aber nichts will helfen. Doch weiss ich nichts Besseres zu raten, als ihr versucht, eines angesehenen Eidgenoss habhaft zu werden und führet ihn nach Hohenkrähen. Dann wird man schon wieder zu eurer Sache reden.» Die guten Gesellen dankten ihm für den klugen Rat, denn es bedünkte sie selber der nächste Weg.
Auf eine Zeit da hatten die Böcke erkundet, dass eben derselbe Landammann von Uri gen Zürich zu Markte wollte. Er fuhr im Pfäffikonernachen mit andern Marktleuten. Da lauerten sie nun bei Meilen in zwei guten Weidlingen mit Wehr und in Harnisch. Als das Marktschiff nahte, fuhren sie es an, mit gespannten Armbrüsten, und hiessen es stillhalten, denn ein Mann sei im Schiffe, den sollten sie herausgeben, oder sie müssten alle darum sterben. Da merkte der Ammann von Uri, dass es um ihn zu tun war und sprach:«O, ihr Gesellen, euch ist gut raten, aber ich meinte nicht, dass die Sache durch meine Person sollte abgeklärt werden», und stieg zu ihnen in das Schiff hinüber. Frohen Mutes ruderten sie weg und führten ihre köstliche Beute nach Hohenkrähen.
Da schrieb nun der Landammann seinen Leuten von Uri und andern Eidgenossen, sie möchten ihn doch herauslösen aus seiner Gefangenschaft, was so bald wie nur möglich geschah. Der weise Ammann wurde auf freien Fuss und die Böcke in Frieden gesetzt. Auch erzählte der Ammann, dass er wohl gefangen gewesen sei, aber es sei ihm sein Lebtag noch nie so wohl gewesen und grössere Ehre geschehen als von diesen frischen Gesellen, und in seinen alten Tagen zügelte er nach Zürich mit Weib und Kindern und starb allda.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch