Mutabor Märchenstiftung

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Der Bürgermeister Gast vo Rhyfälde

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

Vor mäng hundert Johre sin uf däne Bärge-n-und Hüble-n-imFricktal, im Solothurner- und Baselbiet zäntume gar viel so höchi Schlösser und Burge gstande. Me gseht jetz nur no verrisseni Mure dervo; d’Flädermüs und Nachtheuel halte z’Nacht ame Muschterig drin. Dört hän rychi vornehmi Herre gwohnt, wisset er, e so mit yserne Chappe-n-und mit Stachel z’rings um e Lyb ume. Und die hän denn au d’Rhyfälder nit am beste möge, wil’s die scho doz’mole-n-alliwyl mit de Schwyzere gha hän. Und wie denn sälbmol no kei Ornig im Land gsi isch und numme der Stercher mit der Fuscht Meister gsi isch, so hän denn sälli Ritter allerhand für Plän gmacht, wie si das Stedtli in ihri Gwalt überchemte.

Sälbmol het e ryche Müller z’Rhyfälde gwohnt, i glaub uf der Herremühli, und isch no sälber im Stadtrot gsi und, wie me seit, Bürgermeister derzue - und ebe dä het’s mit däne Rittere verabredet, wie-n-er ihne d’Stadt well verrote. Und er het ene bym e heilige-n-Eid gschwore, se z’nacht am Zwölfi bym Sankt Johannsetor yne z’loh, wenn s’em e paar tausig Gulde gäbte.

’S isch scho spot im Herbst usse gsy, vor Allerheilige zue, wo in ere finschtere Mitternacht der Sturm hätt sölle losbräche. Kei Seel het dra dankt, ass in der Stadt oder sälber im Stadtrot so ne falsche Kärli sy chönnti, um e paar tausig Gulde s’Glück und Läbe vo syne Fründ z’verrote. Alles het ruejig gschlofe. Sogar d’Wächter |bym Rhytor und am Obertor hän au nit wyters dänkt, und wo si ihri Bränzgütterli leer gha hän, hän si in ihre Wachtstübli guetherrlich gschnarchlet. Do isch denn niemer meh wach gsy as ellei en einzige falschi Chatz, nit eini vo däne, wo muse, o nei, b’hüetis! die hän sich scho alli ļang vom Dach abe gmacht, hän’s Schwänzli z’säme gringlet und sin au yduslet. Lyslig isch do ebe der bös Müllermeister Gast ume gschlarpet, het ei Sack um der ander dusse vor sym Hus ufbunde und het d’Spreuer uf d’Strossestei sürble lo, so tief, ass drin het chönne wate. Goht ächter d’Wält z’grund, chunt do bald der jüngscht Tag, ass dä Gyzchrage si türi War eso verzettlet? Jo fryli meint er’s, weder halt dä jüngscht Tag, wo mer em morndrigs alli di Spreuer do in Dublone verwandle sött. Und er cha sech schicke-n-und tummle! Denn wie Mitternacht umme-n-isch und’s am Thurm zwölfi schloht, so ryte si zuem Rhytor yhne, und so mängs Rossyse über die Spreuer do unghört bis zum Stadtbrunne füre cho cha, so mängs tausig Gulde-n-isch em vom Find zuegseit.

Aber die liebi Muetergottes sälber het’s nit wölle, dass e so ne schwarze Verrot sött glinge. Und do isch si uf däne Stadtmure z’rings ume gloffe-n-und het alli Uhre hübscheli vorgrichtet, eb der Gast no fertig und der Find vor em Tor parat gsi isch.

Do chunt’s denn dem Schmidlehrbueb im Sankt Johannser-Gässli grad so vor, as wenn scho wött der Morge-n-abräche, es het ämel, schynt’s, justamänt vieri gschlage. Wo-n-er das ghört, stoht er weidli uf und will am Storchenäst-Brunne Wasser go reiche für d Schmiedess. Do gseht er by-n-ere gspässige Helli z’erst d’Gasse mit Spreuer bestreut und höch uf em Obertorturm d’Muetter- Gottes by der Uhr, mit ere prächtige Chrone uf em Hoor und vome Chranz umgä - und es isch em, a’s gseh-n-er, wie si mit ihre eigene wysse Fingere der Uhrezeiger vo zwölfi uf de Morge-n-am vieri anedreit. Der Bueb, das gseh und gschwind z’rugg is Hus, und weckt sy Meister. Dä springt uf, macht Lärme-n-und die ganz Nochberschaft verwacht.

Ghöret ihr ietzt d`Sturmglogge lüte und gsehnt ehr, wie d`Burger mit Spiess, Axt,Hellebarte und Sägesse z’sämespringe, d’Ringmure go bsetze? – Und der Find! wo-n-er das gseht, ass alles übere-n-isch, se-n-isch em`s Herz in d` Hose gheit und er het si dervo trausst. Was meinet ihr aber, was me mit em Verräter sälber het gmacht? - In e gross Chessi voll siedigs Öl hän’s en gsetzt und hän en läbändig versotte, ass Hut und Hoor vo-n-em gfahre-n-isch. Und’s isch rächt gscheh.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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