Die Mordnacht von Luzern
Als auch Luzern dem ewigen Bunde beigetreten war, da wohnten dort noch östreichisch Gesinnte in der Stadt. Die erkannten sich an en roten Ärmeln, welche sie trugen. Diese Rot-Ärmel versammelten sich in einer Nacht unter dem Schwibbogen, willens, die Eidgenossen zu überfallen. Und wie wohl sonst niemand um so späte Zeit an den Orten zu gehen pflegte, geschah es damals durch Gottes Schicksal, dass ein junger Knabe unter dem Bogen gehen wollte. Der hörte die Waffen klingen und den Lärm, erschrak und wollte fliehen. Sie aber holten ihn ein, drohten hart, wenn er einen Laut von sich gäbe, müsse er sterben. Darauf nahmen sie ihm einen Eid ab, dass er’s keinem Menschen sagen wolle. Er aber hörte alle ihre Anschläge und entlief ihnen unter dem Getümmel, ohne dass man seiner achtete. Da schlich er und lugte, wo er Licht sähe, und sah ein gross Licht aus der Metzgerstube, war froh und legte sich dahinten auf den Ofen. Es waren noch Leute da, die tranken und spielten. Und der gute Knab fing laut zu reden an: «O Ofen, Ofen!» Und redete nichts weiter. Die andern aber hatten kein Acht drauf. Nach einer Weile fing er wieder an: »O Ofen, Ofen, dürft ich reden.» Das hörten die Gesellen, schnarzten ihn an: «Was Gefährts treibst du hinter dem Ofen? Hat er dir ein Leid getan, bist du ein Narr, oder was sonst, dass du mit ihm schwatzest?» Da sprach der Knab: «Nichts, nichts, ich sage nichts.» Aber eine Weile drauf hub er an zum dritten Mal und sagte laut: «O Ofen, Ofen, ich muss dir klagen, ich darf es keinem Menschen sagen», setzte hinzu, dass Leute unterm Schwibbogen stünden, die wollten heute Nacht einen grossen Mord tun. Da die Gesellen das hörten, fragten sie nicht lange nach dem Knaben, liefen und taten’s jedermann kund, dass bald die ganze Stadt gewarnt wurde.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch