Die goldene Kette
Vor Zeiten lebte in Diessbach im Emmental ein ehrbarer Nagelschmied. Der war arm und blieb arm, wie fleissig er auch werkte und schaffte, er konnte sich und die Seinen mit dem Ertrag seiner Arbeit nur kümmerlich durchbringen. Und doch klang schon früh beim ersten Morgengrauen sein Amboss, und unter den wuchtigen und Schlägen des Hammers sprühten die Funken, bis die Sonne sank, und oftmals gar bis zum ersten Sternenschein. Dann legte der Meister allemal sein Schurzfell ab, machte Feierabend und freute sich seines Tagewerkes.
Eines Morgens früh trat ein armes altes Hudelweib, dem der Hunger zu den Augen aus sah, in seine Werkstatt und wollte ein paar Nägel kaufen. Der Schmied schenkte ihr die Nägel und gab obendrein sein Morgenbrot. Das Weib dankte höflich und sagte als es ging: «Jede Guttat trägt Zinsen. Sie werden auch dir nicht ausbleiben: In der St. Andreasnacht, wenn die Glocke elfe geschlagen hat, geh hinauf zum Schlosshügel, wo die vier Kestenbäume stehen. Dort, wo des Mondes Schatten um diese Stunde hinfällt, liegen zwei goldene Ketten im Boden verborgen. Die eine gehört dir, die andre verkaufe und gib den Erlös den Armen.» Ehe der Schmied noch recht vernommen, was das Weib gesagt, da war es verschwunden, grad als wär’s in den Boden gesunken. Die ganze Sache kam dem Mann zwar kurios vor, aber er tat doch, wie ihn die Alte geheissen; er ging an dem angegebenen Tage zu der bestimmten Stunde an den Schlosshügel hinauf und grub an der bezeichneten Stelle nach und fand richtig die Ketten, und in der Tat, sie waren von lötigem Gold. Jetzt war er mit einem Schlage ein reicher Mann geworden. Aus dem Gelde aber, das er für die eine Kette löste, zahlt man noch heute wackern Jungknaben, die ein Handwerk lernen wollen, die Lehre.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch