Mutabor Märchenstiftung

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Kohlen aus dem Wetterhorn

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Grindelwald
Kategorie: Sage

Zuweilen kam es vor, dass die Zwerge von den Menschen Hülfe begehrten. Dies widerfuhr einer Frau hinter Mühlebach, die spät abends beim Schein ihres Harzfeisstitägels noch am Bandwebstuhl sass. Da klopfte es draussen vernehmlich, und wie sie Nachschau hielt, stand ein Zwerglein da dem Sorge und Kummer vom Gesicht abzulesen waren. Ängstlich brachte es sein Anliegen vor: die Zwergenkönigin liege in Kindsnöten, und niemand könne zum rechten helfen, sie möge um der Barmherzigkeit willen mitkommen.

Die erfahrene Mutter besann sich nicht lange, band schnell eine saubere Schürze um und folgte dem eilig voraus trippelnden Männlein in die Nacht hinaus. Es ging steil in die Wetterhornwand hinauf. Schliesslich schlüpfte der Zwerg in einen engen Gang, wo die gute Frau den Kopf einziehen musste. Doch der Gang erweiterte sich nach und nach zur geräumigen Höhle, in der unzählige Lichtlein brannten. in deren Schein die Wände glitzerten und funkelten. Es wimmelte von Bergmännchen, und es herrschte ein aufgeregtes Durcheinander. Alle bangten um ihre Königin, zu deren Lager nun die Helferin geleitet wurde. Sie verhalf denn auch einem zwei Daumen grossen, allerliebsten Zwergenkind zum Leben und legte es der glücklichen Mutter in die Arme. Der Jubel und die Freude des ganzen Völkleins waren nicht zu dämpfen.

Ein gutes Dutzend dankbarer und begeisterter Zwerge begleitete die Mühlebacherin hinaus. Unterwegs erhielt sie ihren Lohn: ein ganzer Haufen Kohlen wurde ihr in die Schürze geschüttet. Das schien ihr ein recht dürftiges Entgelt. Sie sagte zwar nichts, gab sich aber keine Mühe, die Kohlen in ihrer Schürze zu behalten. Lose nur hielt sie die Zipfel in der Hand, sodass bald links, bald rechts ein Stück zu Boden fiel. Entsetzt hoben die Männchen sie wieder auf und warfen sie ihr in die Schürze zurück.

Draussen war heller Tag, und die Zwerge liessen die Frau allein den weiteren Weg gehen. Immer noch fielen ihre Kohlen zu Boden, und eines der Bergmännchen rief ihr eindringlich nach:

«Wie meh dass d'zattst, wie minder hast!»

«Was soll ich damit», dachte die Frau, bückte sich kein einziges Mal zum Aufheben und schüttete, zu Hause angelangt, die letzten zwei, drei Kohlen auf die Herdplatte.

Als sie am folgenden Morgen die Küche betrat, funkelte es ihr vom Herde entgegen. Aus den Kohlen war pures Gold geworden. Sie wollte es nicht wahrhaben, schlug sich an die Stirn, und nach einigem Besinnen eilte sie den Weg zurück, den sie vom Zwergenreich herabgekommen war, den Blick ständig zu Boden geheftet; aber es war umsonst, sie fand keine der kostbaren Wetterhornkohlen mehr.

R. Rubi, Challigroosi und Muggestutz

Ursprünglich ohne Titel aus: C. Aebi., Das Hochgebirge von Grindelwald. Naturbilder aus der Schweizerischen Alpenwelt. Pfarrer Gerwer in Grindelwald, Coblenz, 1865, S.68

Zuweilen — doch selten — hatten auch wohl die Zwerge die Hülfe der Menschen nöthig. Eines Tages wird ein in Sachen erfahrenes Weib abgeholt, dass sie einer Zwergin in Kindesnöthen beistehen möchte; willig geht sie sogleich hin und glücklich wickelt sich das Ding ab. Unbelohnt bleibt kein Dienst, der den Zwergen erwiesen wird. Das weiss das Weib; aber um so verblüffter schaut sie drein, als das Bergmännchen zum Dank für die geleisteten Dienste ihr in die Schürze einen Haufen — Kohlen schüttet. Sie entfernt sich damit, gibt aber auf die Kohlen, deren sic zu Hause genug1bat , wenig Acht, lässt welche aus der Schürze herausfallen auf den Boden, ohne sicli wieder darnach zu bücken. Warnend ruft der wohlmeinende Geher dem Weihe nach: 

„Je mehr Du zatt’st, Je minder Du hast.“ 

Die Warnung wird wenig beachtet. Zu Hause angekommen wirft mürrisch und verdriesslich das Weih die Kohlen auf den Tisch: „Da seht meinen Lohn!“ Und siehe — die schwarzen Kohlen sind lauter glänzende Goldstücke. Jetzt versteht sie die wohlgemeinte Warnung, eilt 

zurück, zu sammeln, was sie zuvor geringschätzig hatte fallen und liegen hissen, aber keine Kohlen noch Goldstücke bildet sie mehr, hatte sich mit ihrer Verachtung der anscheinend wertlosen Gabe den Lohn selbst arg verkleinert. 

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