Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Dr Jaggli Lander

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Zaubermärchen

Der Jaggli Lander war ein fahrender Schüler, der mehr konnte und wusste als andere Leute. Früher hat es überhaupt viel fahrende Schüler gegeben; sie konnten andern Leuten raten und helfen mit ihrer Kunst, aber sich selber nicht. - Er wanderte weit im Schweizerland umher, aber meist talauf und talab im Urnerland. Er tat den Leuten manches Geheimnis kund und entdeckte ihnen manchen verborgenen Schatz. Im Sack hatte er immer fünf Batzen, nicht mehr und nicht weniger. Davon konnte er ausgeben, so oft er wollte, immer waren die fünf Batzen da, nicht mehr und nicht weniger. Wenn er durch die Dörfer zog, liefen ihm die Kinder in Scharen entgegen und folgten ihm auf Schritt und Tritt, denn er warf allemal von seinen Batzen unter sie und hatte seinen Spass dran, wenn die Buben und Mädchen sich auf die Münzen stürzten und sich balgend durcheinanderkollerten.

Manchen Schabernack hat der Jaggli Lander den Leuten getan, indem er ihnen Aug und Sinn verblendete. Einmal an einem schmutzigen Donnerstag kam er mit einem Hahn die Strasse dahergezogen. Der schritt stolz einher und schleifte eine riesenlange abgeastete Trämeltanne hinter sich her. Die Leute schauten und schauten und staunten und staunten, die Augen gross, die Mäuler sperroffen. Da kam ein Bauer des Weges mit einer Bürde Heu auf dem Rücken. Darin mochte ein vierblättriges Kleeblatt sein, vielleicht auch mehr als eines. Jä viärblettrigs Chlee bringt und bidytet Glick und hilft gägä Häxä und Bländwärch. «Was tiänd iähr etz da gaffä wiä |d`Limmlä? Da gsehn i etz doch nytt Bsundrigs», brummte der Bauer. «E bisch dü blindä?» fragten alle verwundert zurück.

Gsehsch dü nitt, dass der Hahnä da ä ganzä Trämel nachäschleipft?» «Ja, ä scheenä Trämel! Ihr Lappänä, das isch ja nur ä Heiwhahlä!» Der Jaggli hörte die Reden wohl, sagte aber nichts. Bald darnach war Markttag, und jener Bauer auch auf der Strasse. Die Hosen weit über die Knie heraufgebreitet, Schuhe und Strümpfe in den Händen haltend, kam er unten durch das Altefer Dorf heraufgepütscht, als wate er gegen ein reissendes Wasser. Die Leute lachten sich krumm ob seinen Spargimentern Und da war’s an ihm, zu fragen, ob sie denn das Hochwasser nicht sähen, das die ganze Strasse kniehoch fülle.

Aber gekleidet war er nicht, der Jaggli Lander: die Hosen zerschlissen, der Kittel verhudelt, und die ausgetretenen Schuhe hatte er mit Ranken der Waldrebe gebunden. Aber’s Musizieren, das hat er verstanden, wie keiner sonst! Denkt euch nur: mit einem wuchtigen Holderknebel strich er im Takt über einen grünen Ast, und die wundersamsten Weisen ertönten wie von der herrlichsten Geige. Und wenn er genug auf die Art gespielt, dann setzte er den Holderknebel an den Mund und pichelte oder trompetete je nach Belieben, dass den Leuten, die ihm dann allemal in ganzen Scharen folgten, das Herz im Leibe lachte vor Freude und Lust.

Als er dergestalt wieder einmal durchs Altefer Dorf zog mit seinem Gspiel, da kam just auch der Landammann Fridli Brand, ein gebürtiger Schächentaler, des Weges. Der hatte in fremden Diensten sein Glück gemacht und dazu noch eine schwerreiche Frau gefreit, und da konnte es ja nicht fehlen, dass er bald viel und alles galt. «Dü», redete der den Jaggli an, «dü, wenn i äso chennt gygä-n-und pichlä-n-und trumbeetä wiä dü und alles wissti, sä tät i de doch d`Schüäh nitt mit Niälä bindä und tät ä chly diä besserä Hosä-n-alege!» «Ja, dü müosch eppäs sägä», antwortete der Jaggli,«dü bisch im Schächädall innä-n-äu nu einisch ammä-n-ä-n-Ort ynnägstigä  und hesch zwei Geisschäsli gstohlä.» Da ward der gestrenge, wohlweise, hochwürdige Herr Landammann güggelrot bis unter die Haarwurzeln. «Noch, by mym Eich! Das isch wahr, das han i!» sagte er und ging eilends weiter.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch