Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Von einem, der zum Teufel ging und wieder zurückgekommen ist

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Zaubermärchen

Vor Zeiten lebte auf einem Schlosse im Walliserland ein mächtiger Herr, mit Namen Montacuay geheissen. Der hatte unter seinem zahlreichen Gesinde auch einen Knecht, das war aber ein arger Schalk und trieb, statt seinen Dienst gehörig zu verrichten, mitunter lieber allerlei Possen und Schelmenstücke zum grossen Ärger seines Herrn. Der mochte ihn aber doch nicht fortschicken, denn der Michel war ein lustiger Geselle und ein witziger Kopf, der mit seinen munteren Schnurren und losen Reden auch den Verdriesslichsten lachen machte, und niemand konnte ihm lange im Ernst böse sein. Und wenn er recht tat, leistete er mehr als drei andere zusammen.

Da gab’s Krieg, und der Burgherr musste ins Feld ziehen. «Michel», sagte er, «rüste dich, du sollst mich begleiten. Aber eines sage ich dir, lass mir alle Sprünge und Spässe hübsch bleiben, denn im Kriege gibt’s ohnedies der Gaukelei mehr als genug. Versiehst du wieder etwas aus Meisterlosigkeit, dann ist dir der Galgen gewiss. Das lass dir gesagt sein!» «Schon recht, Herr», sagte der Michel, «will dran denken, wenn ich’s nicht vergesse.»

Aber noch waren sie nicht manche Tagereise weit gekommen, als der Mutwillen den Michel schon wieder stach, dass er anhub Unfug zu stiften und neue Streiche zu machen, gerade als hätte er das Verbot seines Herrn gar nicht gehört. Der Ritter aber voller Zorn ging hin und schrieb eigenhändig an seine Gemahlin einen Brief: «Frau, lass den Michel auf der Stelle hängen!» und versiegelte das Schreiben mit seinem Schwertknauf. Dann beschied er den Michel vor sich; seinen Zorn aber liess er sich nicht merken. «Michel», sagte er, «da nimm diesen Brief, reite heim und bring ihn meiner Frau. Sieh aber zu, dass du ihn nicht verlierst.» «Schon recht, Herr, ich werd den Brief abgeben, wenn ich ihn noch habe », sagte der Michel und begab sich auf den Weg und ritt Tag und Nacht.

Am Abend des dritten Tages kam er todmüde zu einem Kloster. Der Abt nahm ihn gut auf, weil er des Ritters Bote war und ein gar lustiger Bursche, der allen Leuten gleich das Herz aufschloss, und gab ihm zu essen und zu trinken. Nach dem Essen hiess er ihn ausruhen und schlafen gehen, weil er wohl sah, dass er zum Umfallen müde war. Und so ward dem Michel alsbald seine Lagerstatt angewiesen; er legte sich nieder und schlief auf der Stelle ein. Indes wollte der Abt sehen, wie sein Gast gebettet sei, und erblickte die Brieftasche. Da nahm er von ungefähr den Brief heraus und las die Aufschrift und sah, dass er mit des Ritters Insiegel versiegelt und an die Frau gerichtet war. Nun war der Abt ein gar gwundriger Herr, der seine Nase gern in alle Sachen steckte; und alsbald begann er bei sich nachzudenken, ob er den Brief aufbräche und sähe, was darin geschrieben stände. Kurz und gut, er nahm das Siegel ab, las darin und fand, dass der Überbringer gehenkt werden sollte. Darob betrübte er sich sehr, denn er hatte ein gutes Herz und meinte es recht mit allen Leuten; und dass der Bursche gar seines eigenen Todes Bote sein sollte, das weckte seinen Zorn und sein Mitleid; er dachte bei sich, was das für eine Sünde wäre, dass man einen so kecken Knecht in einen so schmählichen Tod sende. Aber nichts in der Welt geschieht ohne Gottes Willen: Der Abt schrieb unverweilt einen anderen Brief: «Frau, gib dem Michel ohne Verzug unsere Tochter zur Frau.» Dann hing er dem Schreiben das nämliche Siegel wieder an, so dass man es nicht merken konnte, dass der Brief erbrochen gewesen, und steckte ihn wieder in die Brieftasche. Am anderen Morgen früh bei Tag weckte er den Michel, segnete ihn und gab ihm Urlaub. Und der ritt seines Weges weiter.

Als der Michel im Schlosse ankam, grüsste er seine Herrin von ihrem Gemahl und übergab ihr den Brief. Aber als die Frau gelesen, was darin stund, da schloss sie den Michel in die Arme und küsste ihn und sprach: «Sei mir von Herzen willkommen lieber Sohn, sintemalen es meines Herrn Wille ist.» Und alsbald ward Hochzeit gehalten. «Ei, ei», sprach da der Michel zu sich selber, «die Welt kann der Schreiber und Schälke nicht entbehren. Und wenn der Schreiber nicht taugt, gibt er der Feder schuld. Aber ein guter Schreiber ist alle Ehren wert.»

Als der Krieg zu Ende war, kehrte der Ritter Montacuay mit seinen Mannen nach Hause. Was der für Augen gemacht hat, als er den losen Knecht am Leben fand und dazu noch als Tochtermann, könnt ihr euch denken. Und als ihm die Frau erschrocken den Brief vorlegte, da wusste er eine Weile nicht, was er sagen sollte. Dann aber schlug der Wetterstrahl auf den Michel herab: «Pack dich auf der Stelle fort, du Erzschelm, und fahr geradeswegs zur Hölle und hol mir meinetwegen drei Haare aus des Teufels Bart!» «Wie ihr meint und wollt, Herr», sagte der Michel, «wenn ihr mich nicht länger zum Tochtermann haben wollt, dann seid ihr mein Schwiegervater gewesen. Gehabt euch wohl und nichts für ungut!» Er packte alsbald sein Bündel und sagte seiner Frau, die gar betrübt und traurig war, Lebewohl. «Weine nicht, Käterli», sagte er, «ich komme bald wieder zurück und dann bleib ich für immer bei dir!» Dann nahm er den Weg unter die Füsse.

Nachdem er einige Zeit gegangen war, kam er an einem Schlosse vorbei. Da rief eine Stimme zum Fenster heraus: «He du, wohin geht die Reise?» «In die Hölle zum Teufel!» «So sei doch so gut und richt mir einen Auftrag aus.» «Ja, warum auch nicht, das geht in einem zu. Was wär es denn?» «Oh, ich hab einen Garten, der könnte der schönste sein auf der ganzen Welt, aber die Quelle ist versiegt, die früher in der Mitte floss, und gibt kein Wasser mehr, so dass Blumen und Bäume versorren und verdorren, und alles zur Wüste wird.» «Soll geschehen!» rief der Michel und wanderte weiter. Und unlang kam er durch ein Städtlein, aus einem Hause rief eine Frau ihn an: «He du, wohin geht die Reise?» «In die Hölle zum Teufel.» «So sei doch so gut und richt mir einen Auftrag aus.» «Ja, warum auch nicht, es ist ein Tun. Was wär es denn?» «Seit sieben Jahren liegt meine Tochter krank im Bett und kann nicht leben und nicht sterben, und kein Doktor kann ihr helfen. Frag doch, was zu tun sei, damit sie wieder gesund werde.» «Soll geschehen», rief der Michel und ging seine Strasse zu. Endlich kam er vor’s Höllentor. Da stand ein Mann davor und hielt Wache. «He du, wohin geht die Reise?» «In die Hölle zum Teufel.» «So sei doch so gut und richt mir einen Auftrag aus. Seit sieben Jahren stehe ich hier schon Wache und werde nie abgelöst. Frag doch, was ich tun soll, damit ich endlich abgelöst werde!» «Soll geschehen!» rief der Michel und schritt durch’s Tor in die Hölle hinunter.

Aber wie er zur Behausung des Teufels kam, da war er just ausgegangen, um einen Höllenbraten heimzuholen, aber die Frau war zu Hause. Und das war dem Michel zum guten Glück, denn die Weiber machen sich gern meisterlos und stechen mit Kunkeln und Ofengabeln nach der Herrschaft. Mit einem schlauen Weibe fängt man den Teufel im freien Feld, denn Weiberlist geht über alle List, dachte der Michel, zog höflichst den Hut, verbeugte sich tief und sagte: «Mit Verlaub und Vergunst, edle Dame, ich bin hergeschickt, um drei Haare aus eures Herrn Bart zu holen, und dann soll ich grad auch noch fragen, warum auch der Brunnen in jenem Garten versiegt sei, und was die Tochter in jenem Hause wieder gesund machen könne, und wie’s auch jene Schildwache vor dem Tor draussen anstellen müsse, um abgelöst zu werden.» «Ja, mein guter Freund, das ist eine böse Sache», erwiderte die Frau, «mein Mann ist zwar eben ausgegangen. Aber wenn er heimkommt und dich hier findet, ist’s um dich geschehen.» Und sie hiess den Michel gleich sich unter dem Bette verstecken und sich dort ruhig verhalten. Und richtig, unlang, so kam der Teufel mit Gebraus und Donnergepolter nach Hause. «Ich schmeck, ich schmeck Christenblut!» schrie er so laut, dass die Teller auf dem Wandbrett tschätterten, und schnoberte mit beiden Nüstern in der Luft herum, dass die Vorhänge flackerten. «Ach, was du dir einbildest, hier ist weit und breit kein Christ!» sagte die Frau und schlug das Bett auf. «Es ist Zeit schlafen zu gehen, und du wirst obendrein müde sein von der Fahrt, denk ich.» Der Teufel brummte noch etwas in seinen Bart, ging zu Bette und schlief ein. Ritsch - da riss ihm die Frau mit einem Ruck ein Haar aus dem Bart. Der Teufel fuhr auf und schnarzte: «Was ist? Was zerrst du mich am Bart?» «Ach, mir hat so kurios geträumt, der schönste Garten der Welt sei verdorrt, weil die Quelle darin versiegt ist und nicht mehr fliesst.» «Oh», sagte der Teufel, «der Dummkopf, dem der Garten gehört, muss nur den Baum umtun, der darüber gewachsen ist, dann wird sie wieder fliessen wie zuvor.» Dann kehrte er sich um und schlief wieder ein. Da rupfte ihm die Frau - ritsch - ein zweites Haar aus. «Was zerrst du mich schon wieder am Bart!» schrie er. «Ach, mir hat so kurios geträumt, es sei ein Haus und darinnen liege eine Tochter krank seit sieben Jahren und könne weder leben noch sterben. Und ihre Mutter weiss nicht, was sie mit ihr machen soll, denn kein Doktor kann ihr helfen.» «Ach was, die dumme Gans! - das Mädchen ist auf eine Hostie getreten, und die ist an ihrem Schuh kleben geblieben. Die soll es verschlucken, dann wird sie auf der Stelle gesund.» Sprach’s Und schlief weiter. Ritsch - jetzt riss die Frau ihm das dritte Haar aus. «Was zupfst du mich schon wieder am Bart? Jetzt ist’s dann aber genug!» rief der Teufel. «Ach, mir hat schon wieder so kurios geträumt.» «So, was hat dir denn geträumt?» «Mir hat geträumt von einem, der stehe Wache draussen vor dem Tor, und wisse nicht wie er’s anstellen solle, dass er abgelöst werde.» «Eh, der Zipfel der soll zu dem ersten besten, der vorübergeht sagen: Bleib hier und warte bis ich wiederkomme!»

Am andern Morgen, nachdem der Teufel ausgegangen war auf seine Arbeit, hiess die Frau den Michel, der alles mit angehört hatte wieder hervorkommen und gab ihm die drei Haare. Der Michel dankte der Frau gar schön und trat gleich den Heimweg an. Als er durch das Tor schritt, sagte er zu der Schildwache: «So gib mir nun meinen Lohn, und ich sage dir, wie du abgelöst werden kannst.» Der Mann gab ihm einen ganzen Sack voll Gold. « Sag zu dem ersten besten, der vorbeigeht: Bleib hier, bis ich wiederkomme!» «So bleib du hier!» rief der Wächter, aber da war der Michel schon weit und rief zurück: «Wart den Nächsten ab!»

Als er wieder durch die Stadt kam, ging er in das Haus zu jener Frau und machte ihre Tochter zur Stunde gesund. Da bekam er wieder einen Sack voll Gold. Dann half er dem Eigentümer des Gartens den Baum umtun - und siehe da, die Quelle sprudelte auf der Stelle wieder wie zuvor. Voller Freude schenkte der Herr ihm ebenfalls einen Sack voll Gold.

Als nun der Michel mit seinen Reichtümern beladen wohlbehalten heimkam, fiel ihm seine Frau um den Hals, der alte Ritter aber bekam die drei Haare aus des Teufels Bart. Wie er aber alle die Herrlichkeiten sah, da fragte er, wo er auch das viele Gold herhabe.

«O, das bekommt man, wenn man in die Hölle geht und wieder zurückkommt, aber man muss alle Aufträge ausrichten, die man unterwegs bekommt,» sagte der Michel. Da besann sich der Ritter keinen Augenblick mehr, sondern machte sich stehenden Fusses auf den Weg nach der Hölle, so geschwind er laufen konnte. Und als er zum Höllentor kam, da sprach die Schildwache zu ihm: «Bleib hier, bis ich wiederkomme!» Und da musste halt der Ritter Wache stehen, und da steht er heute noch.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch