Die Scholaren und der Teufel
In alten Tagen, da ging der Teufel selber unter dem Menschenvolk um in mancherlei Gestalt und Kleidung, meist als vornehmer Herr in grünem Wams mit feuerrotem Mäntelchen, einen spitzen Hut mit einer Hahnenfeder auf dem Kopf und einen Degen an der Seite, als wär er ein flotter Junker aus der Fremde. Aber wie auch der Teufel sich verstelle, der Bocksfuss schaut doch hervor, und drum hielt er den Huf vorsorglich in feinem Schuhwerk verborgen. Denn heisst ein Spruch: wann der Tüfel gaht in syner Gstalt, erkennt ihn jedermann alsbald. In der Vermummung aber konnten nur wenige ihn erkennen, und die waren meist von seiner Sippe. Allzeit ging er drauf aus, leichtsinnige Leute zu betören und zur Sünde zu verleiten, auf dass er Gewalt über sie bekäme und ihre Seelen in die Hölle holen könne, wenn ihre Stunde gekommen und das Armsünderglöcklein schelle. Und das geriet ihm meistens oder immer gar wohl, denn das Völklein merkt den Teufel nie, ausser wenn er sie schon am Kragen gepackt hat. Aber dann ist’s zu spät. Vor allem hatte er’s auf die fahrenden Scholaren abgesehen, gescheite Burschen, die Latein redeten wie Deutsch und in Scharen durch aller Herren Länder zogen, von einer Stadt zur andern, um auf den hohen Schulen bei weisen Meistern die sieben freien Künste zu studieren. Und unter diesen waren stets viele lustige und lockere Gesellen, die weder Tod noch Teufel fürchteten. Denen passte der Meister Schwarz allemal in geheimnisvollen Nächten bei Vollmondschein an bestimmten Kreuzwegen ab und lehrte sie die Weisheit seiner Grossmutter: alle schwarze Kunst; denn Hexerei und Schelmerei ist des Teufels Liverei. Aber immer mussten es zwölf Schüler sein, ob auch der Teufel stets mehr denn zwölf Apostel hat, und zum Lohn zahlte er sich dann einen aus. Aber keiner wusste, wen es treffe, und jeder dachte, es werde den andern breichen, und liess sich verlocken; denn der Teufel pfeift gar süss, soll man ihm auf den Schwanz hocken.
Von dieser Schule des Teufels hatten auch zwei fahrende Scholaren gehört. Die waren so gute Freunde, dass der eine nicht ohne den andern sein und leben konnte. Die zog es mächtig zu jenem Kreuzweg hin, denn sie hofften, mitt des Teufels Hilfe ihr Glück zu machen. Doch immer wieder zauderten sie, denn wenn der Teufe1 just einen von ihnen holen würde, es wäre doch gar zu schrecklich für beide gewesen. Aber wie es so geht, der Glusten war stärker als der Wille, und eines Nachts standen sie selb zwölft auf dem verrufenen Kreuzweg, Und der Teufel kam auf ihr Geheiss und schloss mit ihnen den bösen Pakt und lehrte sie seine Kräfte und Künste. Aber es dauerte nicht lange, da holte der Teufel sich seinen Lohn, und der eine der beiden Freunde verschwand, man wusste nicht wie und wohin. Wer mit dem Teufel umfährt, dem wird übler Lohn beschert.
Da ward der andere gar traurig und geberdete sich übel vor langer Zeit nach seinem Gesellen. Der Teufel sah’s und dachte bei sich: Ha, den einen hab ich bereits in meiner Küche, und den andern krieg ich auch noch hinein! — und freundlich nickend redete er den Burschen an, der mit hängendem Kopfe trübselig seiner Strasse schlich. «He, guter Freund, ich weiss wohl, wo dich der Schuh drückt», sagte er. «Du hättest gern deinen Gesellen wieder. Nun, ich will dir dazu verhelfen. Hör, auf einem Zaun wirst du hundert Raben hocken sehen, und einer davon ist dein Freund. Findest du ihn bis zum Mittag heraus, so soll er wieder Mensch werden, bezeichnest du den falschen, so wirst auch du ein Rabe.» Der Bursche dachte, ohne seinen Freund habe das Leben ja doch keinen Wert mehr für ihn, und wenn es ihm fehle, so seien sie beide Raben und flögen miteinander. Und er nahm des Teufels Vorschlag an. Als er nach Hause ging, sah er aufs Mal hundert Raben krächzend und ächzend auf einem Zaune kauern, und ihr Gefieder glänzte wie Eisen in der Sonne. Er musterte die ganze Reihe, aber da war der eine wie der andere, alle gleich gross, alle hässlich und rabenschwarz vom Schnabel zu den Krallen. Wie in aller Welt sollte er da den rechten herausfinden! Die Sonne rückte höher und höher und stand bald im Mittag, und schon wollte er verzweifeln, denn bereits sah er von weitem eiligen Schrittes den Teufel kommen. Da sah er, wie aus den Augen eines Raben drei Tränen troffen. «Der ist’s!» rief er aus - und siehe, da stand leiblebend sein Freund vor ihm und fiel ihm vor Freuden weinend um den Hals. Brrrr - flatterte schwirrend der ganze Rabenschwarm davon, und damit verschwand auch der Teufel auf Nimmerwiedersehen. Die beiden Gesellen aber haben sich nie mehr der schwarzen Kunst beflissen und sind wackere Männer geworden»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch