Ein Jährlein noch und dann des Teufels
Es waren einmal drei Soldaten, die hatten viele Jahre einem König gedient. Aber eines Tages wurden sic ausgemustert, und da haben sie sich auf den Heimweg gemacht. Unterwegs kamen sie in eine Stadt; da sind sie eine Weile geblieben und zogen von Wirtshaus zu Wirtshaus und haben lustig gelebt in Saus und Braus, solange ihnen noch voriger Sold im Geldseckel klimperte. Und als sie eines Tages nach einer wüsten Nacht am Zechtisch bei Wein und Würfeln in dem Walde vor der Stadt spazierten, huben sie doch an, sich zu überlegen, was sie auch anfangen sollten, wenn der letzte Batzen die Gurgel hinabgelaufen wäre. «Geld haben wir dann keines mehr», sagten sie zueinander, «und heim ins Dorf und wieder als Bauern schinden und schwer tun, das mögen wir auch nicht mehr. Was aber wollen wir sonst machen?»
Da ist aufs Mal, wie aus dem Boden geschossen, ein feiner Herr in grünem Feckenrock vor ihnen gestanden, schwärzlich im Gesicht, fast wie ein Kaminfeger, spissig hingen ihm die Augsbrauen über die Augen. In der Hand hielt er einen Stock mit einem goldigen Knopf. Der Herr lüpfte artig den Hut, indem er die drei Gesellen kaum mit halben Augen ansah, und fragte freundlich, was sie da miteinander werweissten. Da klagten die Soldaten dem Herrn ihre Not, sagten, sie wüssten nicht, was sie anfangen sollten, wenn ihnen das Geld vollends ausgehe, denn ihr Beutel habe die jähe Auszehrung. «Ach», sprachen sie, «es ist ein lustig Leben gewesen, und könnten wir’s nur ein Jährlein noch so weitertreiben, dann wollten wir gern des Teufels sein, wenn’s anders nicht sein möcht!» Da lachte der Herr auf den Stockzähnen und zwirbelte dabei seinen Stock mit seinen spitzen Fingern. «Ei, wenn’s weiter nichts ist, was euch beschwert», antwortete er, «dann ist euch bald geholfen. Da habt ihr einen Beutel voller Gold. Und daraus könnt ihr nehmen, so viel ihr wollt, der wird niemals leer. Das wird ein Jahr lang so gehen, dann werde ich kommen und euch drei Dinge fragen. Gebt ihr die rechte Antwort drauf, so seid ihr frei. Ratet ihr falsch, so seid ihr mein.» Die drei kecken Gesellen dachten weiter nichts dabei, sondern schlugen lieber heut als morgen ein. Und der Grüne hat ihnen den Beutel gegeben.
Ihr könnt euch denken, wie laut und lustig jetzt die drei Kumpane gelebt haben. Wieder zogen sie den lieben langen Tag singend und johlend von Wirtshaus zu Wirtshaus, und wo sie hinkamen, da ging’s allemal toll und voll her, denn nun hatten sie ja Geld im Überfluss. So ging ein Tag nach dem andern in Lustbarkeit und Völlerei und ehe die munteren Burschen es sich versahen, da war das Jahr schon bald zu Ende. Da aber fiel’s dem einen von den dreien, dem jüngsten, aufs Mal schwer aufs Herz; das Gewissen schlug ihm und die Angst plagte ihn bei Tag und bei Nacht, und nicht eine Stunde hatte er mehr Ruh. Immer musste er denken: was werden das wohl für Fragen sein, die der Grünröckler uns stellen will? Derweil dieser also für sich alleine abseits ging und sann und sorgte, dachten die beiden andern überhaupt nicht daran und triebens nur immer wilder und wüster. «He, du, was lässest du auch den Kopf hängen wie ein geknickter Krautstengel», schalten sie, «und hockst daheim in deiner Kammer und machst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter und keine Woche schön!» Jener aber schüttelte den Kopf und sagte bloss: «Ihr tätet auch besser, ihr bliebet hübsch zu Haus und dächtet beizeiten über die Rätsel nach, die der Grüne uns nur allzubald aufgeben wird!» Sie aber lachten ihn nur aus, und meinten, er sei ein rechter Fürchtibutz und Murrkopf.
Eines Tages trieb der Unrast den dritten Gesellen in den Wald hinaus an die Stelle, wo ihnen der Grünröckler dazumal begegnet war. Da sass unter einer grossmächtigen Eiche ein altes Weib mit einem spinnewebenfarbigen Gesicht und schneeweissem Haar, ein Tuch um den Kopf. Sie hielt die Hand über die Augen und schaute in einem fort an den Himmel hinauf. Die redete ihn an und sprach: «Ei, ei, mein junger Herr, warum so trüb und traurig! Ein so schöner und tapferer Soldat, der sollte frisch und froh in die Welt lugen!» Unwirsch erwiderte der Bursche: «Ach Mueterli, was schert es dich, ob ich lustig oder traurig bin. Du kannst mir ja doch nicht helfen.» Da sagte die Alte: «Bin jung gewesen Kann auch mitreden, Und alt geworden, Drum gilt mein Wort.»
Da hat ihr der Soldat halt die ganze Geschichte erzählt. Und die Alte sagte: «Tu nach meinem Rat, und es soll dir für diesmal noch geholfen sein.» Und sie gab ihm ein altes, schartiges Messer, ganz rot vor Rost. «Komm morgen Abend, wenn die Sonne zu Gold gegangen ist, hier zu diesem Eichbaum. Stich einen kreisrunden Blätz aus dem Rasen und deck dir damit den Kopf. Dann versteck dich in dem hohlen Stamm. Der Baum wird voller Raben werden, und dann horche, was die miteinander schwatzen.» Der Soldat dankte der Alten, ging und tat, wie ihm geraten war. Kaum war er in den hohlen Baum geschloffen, als schon von allen Seiten die Raben scharenweise angeflogen kamen und sich krächzend ins Gezweige setzten, bis der Baum ganz schwarz war. Unser Geselle aber sträusste die Ohren und lauschte auf ihr lärmendes Geschwätz. Da hörte er wie einer krächzte: «Was willst auch du hier? Du hast auch noch nie eine Seele erwischt, ich aber habe grad drei auf ein Mal gefangen.» «Was», kreischte ein anderer, «du bist der jüngste und dümmste unter uns, und willst drei auf ein Mal gefangen haben! Sag, wie hast du denn das angestellt?» «So hör denn her» erwiderte der erste, «drei Soldaten halt ich in den Klauen. Jetzt schwänzen und tanzen sie zwar noch, aber nicht mehr lange, dann ist ihnen Spiel und Spass vergangen. Drei Rätsel werde ich ihnen aufgeben, die werden sie nie und nimmer lösen können. Ein alter Rosshuf ist meine goldene Uhr, der alte Räuel des Wirts meine silberne Geige und eine alte Kuhhaut aus dem Stall des Bauern da drüben mein blauer Mantel. Wie in aller Welt sollten sie das je erraten können!» schwatzten die Raben die ganze Nacht fort. Als sie bei Morgengrauen wieder fortgeflogen waren, setzte der Soldat den Rasenblätz wieder ein, wo er ihn ausgehoben hatte, und ging wohlgemut und froh nach der Stadt zurück. Da fand er seine Kameraden auf dem Randstein vor dem Wirtshaus sitzen, fahl wie alte Asche, und aus den Augen ins Leere lugen, und alle Lust und alles Leben war wie weggeblasen. Sie lotterten und schlotterten am ganzen Leibe vor Angst, denn am andern Tag, ja da sollte der Grüne kommen.
Des andern Tags gegen Abend, als die Sonne grad über den Himmelsrand versank, ist der Grünröckler richtig gekommen. Er trat vor die drei. «So», sagte er, «jetzt hört die Fragen. Beantwortet ihr sie nicht, dann seid ihr mein mit Haut und Haar.» Dann zog er aus seinem Fäckenrock eine prächtige goldene Uhr hervor und fragte: «Woraus ist diese Uhr gemacht?» «Eh, du Narr, die Mähre deren Huf du in der Hand hälst, ist längst auf dem Schindanger verfault!» sagte der Jüngste, indess die beiden andern gesträubten Haars mit Augen wie Kugeln den Grünen anglotzten. «Recht geraten», sagte der Grüne und stiess ärgerlich seinen Stock gegen den Boden. Dann nahm er eine herrliche silberne Geige unter dem Mantel hervor. «Woraus ist die gemacht?» fragte er und blinzte listig unter den Brauen hervor. «Hättest du dem Wirt seinen Kater zu Hause gelassen, dann tanzten jetzt nicht die Mäuse auf dem Tisch der Schenkstube herum», antwortete wieder der dritte. «Nochmals geraten», sagte der Grüne und knirschte mit den Zähnen, dass es den beiden andern durch Mark und Bein ging. Dann deutete er auf seinen schönen blauen Mantel und sagte: «Woraus ist dieser Mantel gemacht?» «Hättest du die Kuhhaut gelassen, wo sie war, dann könnte der Bauer, dem sie gehört, sich und den Seinen Schuhe draus schneiden, und sie brauchten nicht barfuss gehen.» «Wer hat dir das gesagt?» schrie da der Grüne und stampfte vor Wut, «denn das hast du nicht aus deinem Daumen gesogen!» und liess einen solchen Stank hinter sich, dass es den Soldaten gar schier den Atem benahm. «Ei, du selber!» rief ihm der dritte nach, aber da war jener schon nicht mehr zu sehen.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch