Die Kunst des Napolitaners
In einem Häuslein am Bristenberg im Urnerland lebte seine alten Tage ein ehemaliger Soldat in fremden Diensten. Syg lang i Napel innä gsy. Der hatte aber da drunten mehr gelernt als Exerzieren, Schiessen und Wache stehn.
Eines Abends nun wanderte der Alte mit einem Kameraden durch den Wassner Wald. Da plötzlich krachte und polterte es im Holz. Und einige Räuber vertraten ihnen mit drohend gehobenen Waffen den Weg und forderten Geld oder Blut. «Jä, jä, chemet nur, mer heind Geld», rief ihnen der Alte zu, zog gemächlich seinen Geldgurt ab und warf ihn den Räubern vor die Füsse, «da nennt nä!» Aber seltsam - keiner bückte sich darnach; bocksteif standen die Kerle da, wie aus Holz geschnitzelt. «So jetz gschauw’s nur!» sagte der Alte zu seinem Kameraden, der ganz verdattert dastand und nicht wusste, wie er sich geberden sollte. «Güot», sagte der Alte wieder, «wenn diähr nitt wennt, so nimm i nä selber wider z’handä!», las den Gurt vom Boden auf und schnallte ihn wieder um. Dann gingen die beiden ihres Weges weiter und liessen die Räuber stehen.
Nach einer Weile fragte der Kamerad: « Jä, was hesch dü dä mit nä gmacht?» «J ha’s bstellt. Diä miänt dert stah und wartä, bis es ich loslah. Sie sind wiä i vier Wändä-n-innä.» «Dü chainst schynt’s allerlei!» sagte wieder der Kamerad. «Würdest du mir’s nitt äu wellä lehrä?» «Nei», erwiderte der Alte, «nei, so eppäs macht mä nur i der üsserstä Not!» Und wieder nach einer Weile sprach er: «So jetz simmer i der Sicheri, soll i’s loslah?» «Jä nu, sä lach’s dü jetz la gah», erwiderte der Kamerad. Da blieb der Alte stehen, kehrte sich um und rief zurück:
«Rotschipotschi, dü hescht mi hittä wellä strehlä,
Aber hinecht hett’ es chennä fehlä!»
Da war der Bann gelöst. Die Räuber aber fielen vor Schwäche tot zu Boden. Jä, jä so isch’s dä gsy: Diä Altä hennt nu eppä chennä bstellä-n-und zruggtrybä, die Jetzigä chennet neiwä nymeh uder wennt nitt.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch