Mutabor Märchenstiftung

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Der Teufel im Thurgau

Land: Schweiz
Kanton: Thurgau
Kategorie: Zaubermärchen

In jenen alten Tagen, als Gott Vater die Welt erschuf, werkte et auch einmal zu besonders guter Stunde, und da machte er einen Fleck Erde, so schön und so lieblich, wie nur sein lichter Himmelsgarten war: überall sprangen frische Brünnlein, grünten die Matten, dufteten die Blumen und standen die Obstbäume in Blust, und allum zwitscherten und sangen die Vöglein. So wohlgetan war seiner Hände Werk, dass der Meister selber daran gar innig Wohlgefallen fand. Also ward der Thurgau erschaffen am sanften Gestade des Sees, umkränzt von Wald, Wiesen und Weinbergen und mitten darin rührige Städte und behäbige Dörfer. Und erst die Leute darin! Wahrlich, die waren diffiger und pfiffiger als der alte Adam, dem`s die dumme Eva angetan. Freilich, in ihren Apfel hätten sie auch gebissen, aber derweil Gott Vater eben sein Schläfchen getan. Dies Meisterstück des Herrn verdross jedoch den Teufel gar sehr. Voller Neid und Hass beschloss er, Gott Vater ins Handwerk zu pfuschen und ihm das wohlgeratene Werk schmählich zu verderben - Also machte er sich aus der Hölle auf, um den Thurgau heimzusuchen. Sein Weg führte ihn über die Höhe des Seerückens — und vor ihm lag in all seiner Pracht das lachende Land am spiegelnden See. Er ersah sich ein stattliches Dorf, wo er mit arger List seinen finstern Plan ins Werk setzen könnte. Als vornehmer Herr aus der fremde, in grünem Reisekleide, eine rote Hahnenfeder am spitzen Hut, den Pferdefuss vorsorglich in hohen Stiefeln verborgen, nahm er Wohnung und Kost in einem behäbigen Gasthaus. Aber bald merkte er, dass die Bewohner des Ortes noch heller im Kopf waren, als es ihm anfangs geschienen. Endlich wollte er es doch mit einer ersten Probe wagen und mit ihrer einem eine Wette eingehn, wer dem andern mit List Meister werde und zuerst einen Streich spiele.

Also ging er eines Tages zu einem Bauern in der Nachbarschaft, von dem es hiess, er sei als Kind auf den Kopf gefallen und drum nicht grad am hellsten unter der Kappe. Er traf ihn, wie er eben seine Äpfel und Birnen vermostete, dass der Saft nur so spritzte, und seine Fässer und Legel mit Neuem füllte. Der Teufel, dem das Getränk fremd und dessen Bereitung unbekannt war, liess sich von dem Bauern darüber belehren.

Zuletztamend war er ganz glustig geworden und begehrte ein Glas des wohlschmeckenden Saftes zu kosten. «Von Herzen gern, so viel Ihr wollt», sprach der Bauer freundlich, «aber es ist mir leid, ich habe grad kein Glas zur Hand. Aber trinkt nur frisch vom Fasse weg. Ich werde Euch behilflich sein!» Aber das grosse Fass war erst zur Hälfte voll, und der Bauer rückte es gegen einen groben Holzpflock, dass es ein wenig helte und zum Trinken bequemer stünde.

Eifrig bückte sich der Teufel drüber hinein und sog mit innigem Wohlbehagen den süssen Saft in sich. Der deuchte ihm gar über die Massen gut, und mit spitzer Zunge sich die dürren Lefzen schleckend sagte er schmatzend zu sich selber: «Hei, hätten wir nur einen solchen Trank in der Hölle! - dann möchte man den Russ, den Rauch, die Hitze und den Schweiss drunten auch besser verleiden.» Plumps! da hatte ihn der schlaue Bauer mit einem Stupf von hinten ins Fass gestossen, und eh der Teufel ja oder nein hat sagen können, ist schon der Deckel drauf und das Fass pink-pank fest vernagelt gewesen. Da fing der Grünröckler an gar grässlich zu brüllen und zu heulen vor Wut und drohte und schwor alle Zeichen, und so wüst hat er getan, dass alle Dauben sich bogen und schier die Reifen sprengten. Aber vergebens, die Wände des unkommoden Gelasses hielten stand; denn der Bauer hatte mit Kreide geschwind ein Kreuz drauf gezeichnet. Da verlegte der Teufel sich aufs Bitten und Flehen. «Ja, meinetwegen», meinte endlich der Mann, «wenn du deine Wette verloren gibst und mir versprichst, die doppelte Summe blank und bar zu zahlen.» Der Teufel versprach ihm alles hoch und heilig in seinem und seiner Grossmutter Namen. Da liess ihn der Mann wieder heraus. Pflotschtropfennass zählte er dem Bauern die abgemachte Summe hin, lauter harte, blanke, neugeprägte Taler. Und stehenden Fusses verschwand er noch zur selben Stunde aus der Gegend und wandte seinen Rosshuf nach einem andern Ort. Vielleicht - so dachte er - seien dort die Leute weniger schlau und arg und - wer weiss - gelinge es ihm doch noch, zum Ziele zu kommen. Denn habe er erst mal einen, dann habe er alle.

Diesmal nahm er Wohnung bei einem hässlichen Müller, der eine hübsche Tochter im Hause hatte, Eva geheissen. Unlang, so kitzelte und stach’s ihn, mit dem Gevatter Müller ebenfalls eine Wette zu wagen. Der lächelte gar fein hinter den Stockzähnen und schlug gleich ein. Dem Teufel kräftig die Rechte schüttelnd sprach er: «Topp! Aber was muss ich dir geben, wenn ich verliere?» - Den hab ich! heissa gewonnen! dachte der Teufel voller Freude, und laut erwiderte er: «Deine Tochter zur Frau. Weiter nichts!» Der Müller, der nicht ahnte, mit welch dunklem Gesellen er es zu tun hatte - denn in seiner feinen säuberlichen Kleidung schaute der Teufel ganz so aus, wie andere rechte Leute auch, nur etwas besser noch - der Müller meinte nur: «Ja freilich wohl, wenn das Maitli damit zufrieden ist. Was aber gibst du mir, wenn ich gewinne?» Der Teufel versetzte unbedenklich: «Nun, dann baue ich dir und deiner Tochter an einem schönen Platz das herrlichste Schloss der Welt. Abgeredt war abgeredt.

Nun aber hatte des Müllers Töchterlein, das ebenso hübsch wie gwundrig war, von ungefähr hinter einer Wand hervor belauscht, was der Vater und der kuriose Gast über sie ausgemacht hatten. Der fremde Herr freilich hätte ihretwegen gleich ins Pfefferland verreisen mögen, aber das verheissene Schloss, das hatte es ihr angetan, das wollte sie um alles nicht verscherzen, und so bedachte sie, wie sie selber der List des Vaters mit der eigenen Klugheit auf den Weg helfen könne. Aber noch etwas anderes bewegte ihr Herz und machte den Witz in ihrem Köpflein rege. In der Mühle diente der Bartli, ein armer Knecht, ein junger, lustiger Bursch, mit hellem Kraushaar und blitzblauen Augen. Den hatte Evi von Herzen lieb. Aber sie durfte nicht daran denken, dass sie ihn je werde mannen können, denn der reiche Müller hatte für seine Tochter Besseres im Sinn als den eigenen Knecht. Jetzt aber blitzte ihr ein Hoffnungsschein auf, wie ein fernes Sternlein am Himmel. «Hei, wenn ich das Schloss gewänne, dann mag am End der harte Sinn des Vaters meinem Wunsche weichen.» Und sie erzählte ihrem Liebsten alles, was sich begeben. Denn der wusste wohl, wo der Bartli den Most holt.

Von Stund an lächelte Evi dem vornehmen Cavalier allemal freundlich zu, wenn er ihr höflich tat. Und jener nahm’s als Zeichen, dass ihm sein Streich gelungen, und machte ihr allerhand Anträge. Das Mädchen zierte sich zum Schein ein wenig, war ihm aber gern zu Willen, so weit es Zucht und Scham erlaubten. Sie trafen sich im Geheimen, und er pries ihr in hohen Worten Pracht und Macht seiner Heimat. «Oh, wie herrlich, Euch einmal dorthin begleiten zu dürfen!» rief Evi und lächelte so süss, wie’s so Maitli eben können. Beim Abschied verhiess sie ihm auf morgen wieder ein Stelldichein. Aber, meinte sie besorglich, er solle wohl acht geben, dass niemand nichts merke! Drum solle er sich zur Vorsicht solang im Geissstall verborgen halten, bis sie ihn von dort in ihr Gemach abhole.

Zur abgemachten Zeit schlich sich unser Grünröckler insgeheim in den Geissstall, um dort seiner Erkorenen zu harren. Aber kaum tagte es in dem stichfinstern Loche ein wenig vor seinen Augen, als ihn ein gewaltiger Stoss in den Rücken gegen die Wand schmetterte, dass ihm alle Rippen im Leibe krachten. Aber noch ehe er sich, ganz krumm und dumm, wieder aufgerappelt hatte, warf ihn ein zweiter noch härterer Putsch wieder gegen die Wand. Und so Stupf auf Stupf, dass er kaum noch wusste, was unten und oben war. Er tastete sich zur Tür und fasste mit Mühe den Griff. Aber oh heie! da war sie verschlossen. Und wie heftig er auch rüttelte und schüttelte, wie laut er auch geusste und schrie, niemand wollte ihn hören und  immer heftiger traf ihn Stoss auf Stoss. Endlich gab die Türe nach und er stürzte hinaus. Im selben Augenblick fuhr ihm aber etwas unter den Beinen durch. Mit Wucht wurde er emporgelupft, schlug mit dem Schädel gegen den Türsturz, dass ihm dröhnend alle Sterne sprühten. Und nun fuhr er ans Licht auf dem Rücken eines mächtigen Geissbockes, der mit ihm in wilden Gümpen über Feld hopste und den strampelnden Reiter zu guter Letzt unsanft auf den Misthaufen abwarf. Und indess Meister Schwarz stöhnend und ächzend seine Knochen zusammenlas, standen der Gevatter Müller, Evi und Bartli alle drei vor der Stalltür und bogen sich vor Lachen.

Da hatte der Teufel für immer und ewig genug von des Herrgotts Thurgau, und er beschloss, seinen Plan aufzustecken. Er bestellte noch schnell einen Baumeister, der das verwettete Schloss bauen musste, schnürte sein Bündel und verzog eiligst zur Hölle, wo seine Eltermutter ihn längstens erwartete. Und seither hat er die Thurgauer nicht mehr behelligt. Das Schloss aber, in dem Bartli und Evi mit dem Segen des Vaters bis an ihr selig Ende hausgehalten haben steht heute noch, wenn es der Teufel nicht nächten verbrannt hat.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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