Mutabor Märchenstiftung

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Die schwarze Spinne

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Emmental
Kategorie: Sage

Vor alters herrschten im Emmental die Ritter des Deutschen Ordens. Die kamen aus aller Herren Länder und kümmerten sich nicht eben viel um das Wohl des armen Volkes, das sie nach ihrer Pflicht hätten schützen und schirmen sollen, im Gegenteil: sie drückten und drängten die Landleute wider Recht und Glimpf mit Fronden und Zehnten über alle Gebühr.

Der wüsteste Gewalthaber und ärgste Vogt aber war der Ritter Hans von Stoffeln aus dem Schwabenlande. Der zwang die Bauern, ihm auf dem Bärenhegenhubel eine Zwingburg zu bauen. Aber als der Bau fertig war, lachten die andern Ritter den Hans aus, er habe alles gar wohl bedacht, aber im Sommer habe er da droben keinen einzigen Schattenplatz. Da befahl er den Landleuten, sie sollten ihm, ehe ein Mond um sei, hundert grosse Buchen hinaufsetzen zu einem Schattengang vor die Burg, sonst lasse er sie peitschen, dass kein Fingernagels breit Haut mehr ihnen heil sei am Leibe, und ihre Weiber und Kinder sollten die Hunde zerreissen.

Lahmgeschlagen vor Schrecken sassen die Männer unter dem Burgberg im Walde und wussten nicht, was sie tun sollten, um den Befehl zu erfüllen. Da trat von ungefähr ein Jägersmann zu ihnen, in grünem Wams, am Hut eine zündfeuerrote Hahnenfeder. Das war der Teufel. Der versprach ihnen, er wolle die Buchen an Ort schaffen, wenn sie ihm zum Lohn ein neugeborenes Kind versprächen, das noch nicht getauft sei. Darob entsetzten sich die guten Leute: nein, lieber wollten sie samt und sonders schmählich verderben, als einer Sünde sich schuldig machen, für die es keine Verzeihung gebe, weder auf Erden noch im Himmel. Aber einer von ihnen hatte ein chäches Weib; der sagte man nur die Lindauerin, denn der Mann hatte sie von einem Kriegszug aus dem Schwabenland heimgebracht, mit ihrem rechten Namen aber hiess sie Christine. Die sagte, man solle sie nur machen lassen und getrost auf den Handel eingehen; sie werde den Rank dann schon zu finden wissen. Also sagte man dem Teufel zu, und zum Zeichen, dass der Vertrag besiegelt sei, küsste er das Weib auf die linke Wange. Und da standen auch schon die Buchen am Ort, als wären sie dort gewachsen.

Als nun bald darnach im Tale das erste Kind geboren wurde, da liess die Mutter den Pfarrer holen, dass er das Haus besegne und das Kindlein gleich taufe. Und die Bauern glaubten, damit wären sie den Teufel ab. Aber letz und gefehlt! Wer den Teufel beim Stiel nimmt, dem bleiben die Haare in der Hand. Auf Christines Wange wuchs an der Stelle, wo der Teufel sie geküsst hatte, eine schwarze Eiterbeule. Die wuchs und wuchs und ward am Ende eine grosse schwarze Spinne. Die brannte ihr durch Mark und Bein wie höllische Glut. Und bald war das Weib bereit, alles zu tun, damit der Teufel erhalte, was er sich ausbedungen, wenn sie nur der Qual ledig werde. Aber auch das nächste Kind, das geboren wurde, ward mit der Hilfe des Pfarrers gerettet.

Da barst die Spinne in Christines Gesicht, und unzählige schwarze Spinnen krochen hervor und krabbelten nach allen Seiten davon. Sie krochen dem Vieh ins Futter, und die Tiere verendeten fürchterlich brüllend. Als der Zwingherr von dem Unheil hörte und von dem Pakt vernahm, den die Bauern der Buchen wegen mit dem Gottseibeiuns geschlossen, da fuhr er sie hart an, er wolle ihretwegen nicht Herde um Herde verlieren und alle Gefälle an Käse und Anken. Was sie versprochen, müssten sie halten, damit der Schaden abgetan werde, sonst müssten sie ihm den Verlust tausendfältig büssen. Da wurden die Bauern rätig, den Teufel zufrieden zu stellen. Das nächste Kind, das geboren werde, sollte Christine in den Kilchstalden tragen; dort könne der Böse sich’s holen, wie abgemacht.

Das Weib, dessen schwere Stunde nahte, war die Frau des des Bruders von Christinens Mann und wohnte mit ihr im selben Hause, und alle, selbst der Vater, waren willens, diesmal das Kindlein hinzugeben, damit die Seuche endlich erlösche. Umsonst schickte die Mutter den Mann nach dem Pfarrer; er säumte mit Fleiss auf dem Wege. Derweil entriss Christine der hilflosen Wöchnerin das Kind mit Gewalt und eilte bei einem tobenden Gewitter, wie seit Menschengedenken keines gewesen, an den Kilchstalden hinaus, aber auch der Pfarrer, der wohl wusste, was da gespielt wurde, schritt eilenden Ganges dem Kilchstalden zu. Da sah er den Grünröckler mit der roten Feder am Hut im Grünhag auf seine Beute lauern, und schon lief Christine ihm mit dem Kinde entgegen. Der Pfarrer rennt den Stalden hinab, tritt dazwischen, hält dem Teufel das Allerheiligste entgegen und besprengt das Kind unter frommen Sprüchen mit Weihwasser, und einige Tropfen treffen Christine. Da schrumpft sie zusammen zur giftgeschwollenen Spinne, die aus grünen Gufenaugen Funken sprüht. Der Böse fährt heulend und fauchend von dannen. Mutig packt der Pfarrer das Ungetüm und schleudert es weg, fasst das Kind und eilt, so schnell seine Füsse ihn tragen, mit ihm zur Mutter zurück und tauft es in ihren Armen im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit. Aber alsbald schied des Kindleins Seele wieder aus dem Körperlein; denn, wo die Spinne gesessen, war der kleine Leib mit Brandflecken bedeckt, und brandschwarze Flecken zeigten sich auch auf des Pfarrers Hand. Die schwoll auf, und eisige Schauer rieselten ihm bis zum Herzen. Todmatt schleppte er sich heim. Am Kilchstalden lag mitten im Wege des Kindleins Vater, grässlich schreiend auf dem Rücken. Riesengross auf ihm sass die schwarze Spinne. Mit der letzten Kraft sprach der Pfarrer einen frommen Spruch, und das Untier kroch von dem schwarzgefleckten Leib des Mannes und hoppelte langbeinig ins zischende Gras. Der Pfarrer brachte das Allerheiligste ins Tabernakel. Dann ging er in seine Kammer, legte sich hin und starb, Gott seine Seele befehlend.

Aber überall und nirgends war die Schwarze Spinne im Volke gegenwärtig, allerwegen gleicher Zeit, und wen ihr Biss traf, dem wühlte es wie mit feurigen Stacheln im innersten Mark, dem floss der Höllenbrand durch die Adern, bis der Tod ihn streckte starr und schwarz. Kein Lebensalter und kein Geschlecht blieb verschont, weder das Kind in der Wiege, noch der Greis im Bette. Aber schier schrecklicher noch als der Sterbet war die Furcht vor der Spinne. Auch hinauf auf die Zwingburg kam Schrecken und Streit. Die anderen adligen Herren ziehen den Ritter Hans von Stoffeln und seinen Ratgeber, einen jungen Polenritter, der Schuld an allem Unheil. Der vermass sich, die Spinne zu vertilgen. Er ritt in voller Rüstung aus dem Schloss. Aber schon sass die Spinne ihm auf dem Helm als wie ein Zierat und glotzte mit grünfunkelnden Augen herab, so dass alles Volk entsetzt aus dem Wege stob. Durch Helm und Haupt brannten der Spinne Beine sich dem Ritter tief ins Gehirn. Wahnsinnig vor Schmerz spornte er sein Ross über eine Fluh ab, und Mann und Ross zerschellten im Fall an den Felsen.

Da erschien einstmals ein fremder Pfaffe auf dem Schloss und versprach den Herren, das Ungetüm zu bannen. Aber wie sie beim Mahle sassen, da glitt die Spinne blitzgeschwind über die Häupter der Tafelnden hinweg und glotzte von des Pfaffen Glatze hinab auf den Graus der Sterbenden, bis der letzte verzuckt hatte.

Immer ärger wurde das Übel. Die Menschen begannen irre zu werden vor Furcht, es war kein Ort auf Erden, wo man Schutz gefunden hätte vor dem Greuel. Einzig Christinens Haus, wo die fromme Frau wohnte, die ihre Kinder gerettet mit Hilfe des Heiltums, war wie gefeit. Und im Vertrauen auf Gottes allmächtige Hilfe fasst die Frau den Entschluss, die Spinne zu fangen, und sollte sie ihr eigenes Leben dabei lassen. Sie bohrte ein Loch in den Bystel, schnitt sich einen Zapfen, der genau darein passte, besprengte beides mit Weihwasser und legte den Hammer bereit. Tag und Nacht bat sie Gott um Mut und Kraft zu der Tat. Einmal war sie darob über der Wiege ihres jüngsten Kindes eingeschlummert. Da vernahm sie im Traum die Stimme des frommen Priesters; der sprach: «Hüte dich, der Feind ist da!» Sie fuhr aus dem Schlafe auf und sah die Spinne langsam über die Wiege hinauf dem Gesicht ihres Bübleins zukroppeln. «Allmächtiger, jetzt steh mir bei!» rief sie, fasste mit raschem Griff das Ungetüm. Feuerströme quollen ihr durch Hand und Arm ins Herz hinauf. Aber sie liess nicht locker. Im Todesschmerz presste sie das Tier in das Loch, stiess mit der anderen Hand den Zapfen nach und schlug ihn mit der letzten Kraft fest. Da aber sauste und brauste es wie ein Orkan im ächzenden Gebälk, und das ganze Haus erbebte in den Grundfesten. Aber der Pflock hielt. Die schwarze Spinne war gefangen. Lächeln legte sich die Frau zum Sterben. Ihr Kind war gerettet, das Land erlöst. Der schwarze Tod war zu Ende, und Ruhe und Frieden und neues Leben kehrte ins Tal zurück. Herren und Landleute sorgten in Dankbarkeit für die Kinder der treuen Mutter, die für alle ihr Leben hingegeben. In Gottes Furcht wuchs das Büblein zum stattlichen Manne heran und ward gesegnet mit einem weisen Weibe, und ihr Geschlecht blühte in Glück und Wohlstand, und Eintracht waltete zwischen Herren und Volk.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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