Mutabor Märchenstiftung

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Die Jungfrau von St. German

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Zu Sankt German im Wallis waren so viele Bewohner der Pest erlegen, dass in allen Häusern und Höfen, ja aus Wegen und Stegen die Leichen haufenweise umherlagen, und niemand war mehr, der sie begrub. Nur ein unschuldiges Mägdlein rührte der schwarze Tod nicht an. Hold wie ein Engel war die Jungfrau zu schauen. Sie mochte etwa siebenzehn Jahre oder darüber sein. Das Elend der wenigen, die noch am Leben waren, das Grauen der Leichen, deren Stank die Luft verpestete, bewegte ihr das Herz, so dass sie zu dienen sich entschloss, und sollte sie ihr Leben darum geben müssen. Unter der Viehhabe ihrer verstorbenen Verwandten wählte sie sich ein schneeweisses Pferd, zäumte es mit bunten Bändern wie zu einem Hochzeitsritte festlich auf und zog unerschrocken von Haus zu Haus über Feld und Weg, sammelte die verwesenden Leichen und führte sie unter stillen Gebeten auf den Friedhof. So tat die Jungfrau Tag um Tag, Woche nach Woche, bis sie allen Toten eine geweihte Ruhestatt bereitet. Auf dem Grabhügel des letzten Toten aber verhauchte sie selber ihr Leben. Wie man sie nach Wochen fand, da war ihr Leib rein und weiss, als ob sie eben schlafe.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch