Nach der Pest
In Exergillod in Ormont waren alle Bewohner an der Pest gestorben. Dörfer und Weiler waren verödet, die Häuser standen leer.
Allein zwei junge Menschenkinder, ein Jüngling von zwanzig Jahren und ein junges Mädchen gleichen Alters waren übriggeblieben. Aber sie wussten nicht umeinander. Als sie eines Tages unversehens einander erblickten, war das Staunen und die Freude gross. Der Jüngling stand vor dem Hause, das Mädchen lehnte zum Fenster hinaus. «Guten Tag Vincent!» sagte sie. «Grüss dich Gott, Marie!» – «Du bist also nicht gestorben?» – «Und du auch nicht, mein ich.» – «Grosser Gott, welch ein Unglück ist das gewesen!» – «Ja, lass uns nicht daran denken.» – «Und wir, was machen jetzt wir?» – «Ja, ich, ich weiss nicht.» – «Wenn ich dich möchte, nähmest du mich?» – «Ei ja, warum auch nicht!» – «Hier hast du meine Hand!» – «Und du die meine!» – «Also gut, das Wort, es gilt.» - «Ei freilich gilt`s, komm noch, diesen Kuss!» Da kamen alle Vögel, aus dem Walde herbeigeflogen und setzten sich allerorten in Baum und Busch und zwitscherten und sangen aus voller Kehle, und alle Blumen brachen auf und blühten.
Ein Jahr später lächelte ein Kindlein in einer der vielen leeren Wiegen des entvölkerten Weilers.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch