Mutabor Märchenstiftung

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Dem schwarzen Tod entrinnt keiner

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Unweit Ernen im Wallis entspringt ein lustiges Brünnelein, daran Menschen und Vieh sich erquicken.

Eines Tages kam der schwarze Tod, sass auf den Trogkopf und rief gellend nach Ernen hinunter:

«Ich bin der Tod,

Schwarz ist myn Gwand, Schaff grosse Not Mit myner Hand

Tal in, Tal us, Berguf, bergab, Vor jedes Hus Mach ich ein Grab!»

Und schon kam er mit einem einzigen Schritt auf einen Hubel gegangen mitten im Ernerfeld und rief abermals:

«Ich bin der Tod,

Schwarz ist myn Gwand, Schaff grosse Not Mit myner Hand

Tal in, Tal us, Berguf, bergab, Vor jedes Hus Mach ich ein Grab!»

Dann sprang er mit einem Satze über das erste Haus von Nieder-Ernen. Und was darin wohnte, war alsbald mit der Seuche behaftet, und bald starben die Leute haufenweis, so dass man die Sterbeglocke schon gar nicht mehr läutete, man hätte sie sonst aneinander läuten müssen, Tag und Nacht.

Da entfloh der Landeshauptmann Michael Tschampen bis ins Rippbei hinein, drei Stunden hinter Ernen im Rappental drinnen, um dem Tod zu entrinnen.

Als der Rat der Bürgschaft am selbigen Tag spät am Abend noch versammelt war und sich beriet, was zu tun sei wider diese Not, rief der Tod vom Walde her, dass es den Mannen in den Ohren gellte: «Ich weiche nicht von Ernen, bis auch das Mannli im Rippbei heraus ist!»         

Noch in derselben Nacht schickten sie ihrer zweie nach dem Entwichenen, um ihn nach Ernen zurückzuholen, sei’s ihm lieb oder leid. Der Mann im Rippbei hörte aber die Mannen kommen und argwöhnte gleich, warum sie kämen. Er entwich zur Hintertüre hinaus abermals und floh in den Grindbiel in die hinterste Kammer einer abgelegenen Hütte, unbewohnt seit Jahr und Tag.

Am andern Morgen kam eine kleine schwarze Katze vor das Fenster und begehrte kläglich raulend Einlass. Der Mann tat auf, das Kätzchen sprang ihm schnurrend auf die Schulter, strich ihm mit dem Schwanz um den Kopf und sagte: «So, Rippbeimandli, jetz ist’s Zyt!» und sprang wieder durchs Fenster und war fort. Gar bald ward der Mann inne, was es mit der Katze auf sich hatte: Schon krank lief er nach Hause zurück, um seine Sache zu bestellen, und starb, als er das Dorf betrat.

Von Stund an liess die Sucht nach, und nach dreien Tagen war sie aus Ernen gewichen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch