Der Pestvogel
In einem sonnenvollen Wiesental des Zürcher Oberlandes abseits der Landstrasse liegt ein einsamer Weiler. Eines Morgens, als die Bauersleute mit Kindern, Magd und Knecht beim Morgenessen sassen, da hörten sie plötzlich draussen ein Vöglein, das sang traurigen Lautes pest pest pest. Da nahm der Hausvater das Milchkacheli vom Mund und sagte: «Hört ihr den Vogel, das ist kein hiesiger!» Und alle sahen auf und schauten durchs Fenster: da kauerte ein kleines glänzig schwarzes Vögelein zuäusserst auf einem Ast, und wieder sang es pest pest pest. «Das ist, mein Gottseel, ein fremder Vogel!» sagte wieder der Bauer. «Ja, es ist ein fremder Vogel!» sagte die Mutter. Da flog der Vogel fort. Als sich nun alle erhoben, um an ihr Tagewerk zu gehen; da blieb die junge Magd still sitzen und blickte bleich und stier. «O Gott, Züseli, was ist dir?» rief die Frau. «Geh ins Bett!» Aber da sank das Mädchen schon entseelt zu Boden, ganz schwarz im Gesicht und verquollen.
Und von Stund an wütete die grause Sucht allum im Land. Und wohin auch die Leute sich flüchten mochten, der schwarze Tod schlich ihnen auf den Fersen nach und ereilte sie in den dichtesten Wäldern, auf den entlegensten Alpen. Hüt sinkt schon wieder eis is Grab, ’s isch grad, als würd’s eim träume, ’s fallt Tag um Tag vom Läbe-n-ab wie Öpfel vo de Bäume. Wenn die Fuhrleute wo einen Toten holten, um ihn auf den Gottesacker zu führen, so hielten sie vor jedem Haus am Wege an und fragten, ob da eine Leiche läge für ihre Fuhr. Und selten fuhren sie weiter ohne eine neue Last. Vor einem Hause nahe bei der Kirche fragten sie auch so zum Fenster hinein. In der Stube zöpfelte die Mutter eben ihr Kind. «Nein, Gottlob», sagte sie, «hier ist alles wohlauf und gesund!» Als sie vom Kirchhof zurückfuhren, schauten sie abermals durchs Fenster: da lagen Mutter und Kind starr und schwarz auf der Diele.
Nur auf dem einsamen Hof, wo die Sucht sich erhoben, war der Tod nicht mehr eingekehrt. Aber die guten Leute lebten Tag und Nacht in Angst und Schrecken und mochten sich des Lebens keine Stunde mehr freuen. Da pickte eines Abends ein schneeweisses Vöglein ans Fenster. Als sie aufsahen, flog es vom Simsen auf den Baum und hüpfte von Zweig zu Zweig. «Lueg Vater, was für ein seltsam Vögelein!» sagte die Bäuerin. «Ja, das ist ein seltsames Vögelein!» sagte der Bauer. «Das ist kein hiesiger», sagte wieder die Bäuerin. «Nein, ein hiesiger ist es nicht!» erwiderte der Mann. «Es ist allweg ein fremder Vogel», sagte die Frau. «Ja, es ist ein fremder Vogel!» sprach der Mann. «Hört», rief da der Bub, «wie es singt!» Alle hielten sich still und horchten auf. Da hörten sie das Vöglein hell und heiter singen:
«Binz und Benz und Baldrio
Henksch’s an Hals, so chuntsch devo!»
Das ist eine Botschaft von unserm Herrgott!» sagte der Bauer und faltete die Hände und sprach ein Gebet. Und am selben Abend noch gingen sie Kräutlein suchen und taten, wie das Vöglein ihnen gesungen. Da durchdrang ein frischer Lebenshauch den Leib, und es ward ihnen wohl ums Herz und so leicht wie ein Finkenfederlein im Maienwind. Und nun sammelten sie ganze Säcke voll von den wunderwirkenden Kräutlein und brachten sie ins Tal hinaus und sagten den Leuten deren Heilkraft an. Und unlang so war die schreckliche Seuche von Berg und Tal gewichen, wie Spinnweben im Zugluft.
Seit dieser Zeit aber heisst das Tälchen, wo jenes Vögelein gesungen, ’s Pesten und die Leute dort die Pestleute.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch