Mutabor Märchenstiftung

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Der Schmied von Rumpelbach

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Zaubermärchen

In alten Zeiten niemand weiss zu sagen, wann es gewesen ist - da lebte einst zu Rumpelbach ein Schmied, ein gar kunstreicher Mann, des Ruf weit und breit bekannt war, so dass ihm von allerorten Kundschaft kam und Arbeit die Überfülle. Auch war er ein heiterer Geselle, voller List und Schalkheit, ein Spassvogel, der nicht seinesgleichen hatte.

Eines Tages hielt ein vornehmer Reitersmann vor der Schmidte, in grasgrünem Wams und ebensolchen Hosen, ein blutrotes Mäntelchen um die Schultern, auf dem Kopf einen spitzigen Hut mit einer Hahnenfeder drauf. Der schlug an seinen Degen, dass es klirrte, und hiess den Meister schleunig sein rabenschwarzes Pferd beschlagen und schien es gar eilig zu haben. Der Schmied beschlug den schnaubenden stampfenden Hengst so geschickt und so geschwind, dass der Reiter nur staunen musste. Als er zahlte, was er schuldig war, sagte er: «Ei Meister, das war ein prächtiges Stück Arbeit, wie`s heutzutage nicht allerorten mehr geleistet wird Jeder Arbeit der Pries der ihr gebührt. Habt Ihr etwa einen Wunsch, der soll euch zum Lohn erfüllt werden.» «Ha», dachte der Schmied, «das lässt sich hören! Ein solcher Kunde kommt nicht alle Tage vor`s Haus». Aber noch ehe er den Mund zur Antwort öffnen konnte, raunte ihm seine Frau, die just dabeistand und die Rede des Fremden gehört hatte, verstohlen ins Ohr: «Wünsch dir den Himmel, Mann!» «Ach was», sagte der Schmied, «den Himmel müssen wir uns verdienen, den können wir uns nicht wünschen.» «Hört, guter Herr», sagte er darauf zu dem Edelmann, der schon im Sattel sass,«ich hab da hinter’m Haus im Garten einen prächtigen Kirschbaum, der alle Jahre die schönsten schwarzen Kirschen reichlich trägt. Aber allemal, wenn sie zeitig sind und ich sie pflücken will, dann ist - der Teufel soll’s holen - schon einer drauf gewesen, und ich hab mein Teil gehabt, eh’ ich’s bekommen habe. Ich wünsche mir, dass ein jeglicher Spitzbube, der auf den Baum klettert, ohne meine Erlaubnis nicht mehr heruntersteigen kann.» «Gut und gern», sagte der Fremde, «so sei es!» und sprengte staubvomboden davon, dass die Funken aus den Pflastersteinen stoben.

Nach einiger Zeit, da ritt derselbe Herr wieder vor die Schmidte, um sein Pferd abermals beschlagen zu lassen. Und wieder durfte der Schmied zu dem Lohn hinzu noch einen Wunsch tun. Und wieder raunte ihm die Frau ins Ohr: «Wünsch dir den Himmel, Mann!» «Ach, du, mit deinem Himmel!» brummte der Schmied, «den muss man sich doch verdienen!» «Hört, bester Herr», sprach er weiter zu dem Fremden, «in meiner Stube steht ein guter Lehnstuhl. Ich wünsche mir, dass jeder, der sich darein setzt, gebeten oder ungebeten, sitzen bleiben muss als wie angeleimt, bis ich ihn wieder aufstehen heisse.» Auch dieser Wunsch ward von dem Grünen gewährt.

Und wiederum nach einiger Zeit kam der Edelmann aufs Neue angeritten, damit er sein Pferd beschlagen lasse. Und wie die vorigen Male, so stand auch diesmal dem Schmiede wieder ein Wunsch frei. Und wieder flüsterte die Frau: «Wünsch dir den Himmel, du Narr, wünsch dir den Himmel!» «So jetzt lass mich aber in Frieden mit deinem ewigen Himmel, Frau!» rief der Schmied unwirsch, und stiess sie weg, «den muss man verdienen, den kann man nicht wünschen, hab ich gesagt.» «Herr, hier hab ich einen Nagelsack», sprach er drauf zu dem Reiter. «In den langen oft fremde Hände hinein, und ich wünsche mir, dass wer in den Sack greift, seine Hand nicht mehr herausbringt, ohne meinen Willen.» «Schon recht», sagte der Herr, «so sei es!» und fort war er.

Der freigebige Kunde ist aber niemand anders als der Teufel gewesen; denn wenn der Teufel die Leute betrügen will, so macht er gute Gattung und tut gar artig und apartig. Viele Jahre gingen ins Land und der Schmied von Rumpelbach war alt und älter geworden. Da kam eines Tages der Teufel an, mitten in der Arbeitszeit, um ihn in die Hölle zu holen, da er den Himmel verscherzt habe, denn was der Teufel gefügt hat, das scheidet Gott nicht. «He, du, leg deinen Hammer hin», rief der Teufel dem Schmiede zu, der eben ein Pferd beschlug, «deine Zeit ist um und jetzt musst du mit mir an einen anderen Ort!» Ich komme noch früh genug in des Teufels Küche, dachte der Schmied, und dem Teufel muss man eine Kerze aufstecken, dass er einen ungeschoren lasse. «Ja, edler Herr», sagte er, «wer zu sehr eilt, wird langsam fertig. Erlaubt mir, dass ich diesem Rösslein noch das letzte Eisen aufmache. Und vielleicht seid ihr so gut und geht mir ein wenig zur Hand, dann geht’s schneller! Reicht mir einen Nagel aus dem Sack dort!» Der Teufel griff in den Sack, und brachte die Klaue nicht mehr heraus, wie er auch zog und zerrte. «Lass mich los! Lass mich los!» schrie er und schnitt ein Gesicht als wenn er Spinnhoppeln ässe. «Ja, wenn du mir noch sieben Jahre schenkst», sagte der Schmied, «dann will ich dich loslassen.» Und das musste der Teufel, ob s ihm süss war oder sauer, dem Manne versprechen, und dann lief er davon, die rechte Pfote schüttelnd, als hätte er sich die Finger verbrannt. «Aha», sagte der Schmied, «wer den Teufel geladen hat, muss ihm Arbeit geben.»

Aber den Teufel jagt man aus und der Satan kommt wieder, und der ist nicht frei, der dem Teufel zu eigen ist. Als die sieben Jahre um waren, da stand eines Tages der Teufel wieder da, aber diesmal nach Feierabend. Der Schmied sass auf der Bank vor dem Haus in der Abendsonne und sog an seiner Pfeife. Des Teufels Mass ist doch allemal zu kurz oder zu lang, dachte er bei sich, als er den bösen Gast sah. «Nun wohl denn, gleich bin ich bereit. Ich will nur schnell noch mein Sonntagsgewand anziehen, denn wer mit grossen Herren ausgeht, muss recht gekleidet sein. Tretet derweil in die Stube und setzt euch in den guten Stuhl und ruht euch ein wenig aus.» Der Teufel tat`s und der Schmied legte sein Sonntagsgewand an, trat vor den Teufel und sagte: «So, jetzt wär ich parat, wir können gehen.» Aber wie der Teufel ruckte und riss, er kam nicht vom Stuhle los. «Lass mich los! Lass mich los!» schrie er jämmerlich. «Ja», sagte der Schmied, wenn Ihr mir weitere sieben Jahre gebt, dann lass ich euch frei.» Der Teufel versprach`s und lief wie`s Wetter davon und hielt sich den Hintern, als hätte er sich den Hosenboden verbrannt.

Aber als auch diese sieben Jahre um waren, da kam der Teufe! pünktlich wieder. «Jetzt ist’s aus mit dir! Jetzt ist`s aus mit dir!» schrie er schon von weitem, «und diesmal werden dir deine Pfiffe und Kniffe nichts helfen.» «Nur nicht so schutzlig, du Jasti», brummte der Schmied, und laut sagte er: «Gut, so will ich alles zur Reise rüsten. Und wenn man wo zu Gaste geht, so bringt man ein Geschenk mit. Ich möchte eurer Grossmutter einen Korb Kirschen verehren. Sie sind grad vollreif jetzt. Steigt auf den Baum und pflückt einen Korb voll, und esst euch selber satt; denn der Weg hierher war weit, denk ich, und zurück wird er nicht kürzer sein.» Der Teufel liess sich das nicht zweimal sagen, kletterte auf den Baum und begann Kirschen zu günnen. Aber als der Kratten voll war konnte er nicht mehr herab, wie übel er sich auch gehub. Er rüttelte und schüttelte an dem Baum, dass Äste brachen und die Blätter flogen und schrie: «Lass mich los! lass mich los! Ich will dir nochmals sieben Jahre geben. Der Schmied stand unter dem Baume, die Hände in den Hosensäcken, kniff die Augen und schmunzelte in seinen Bart und sagte: «So, Meister Schwarz, so leicht kommt ihr mir diesmal nicht davon. Gebt mich frei auf immer und ewig, dann dürft ihr gehen, eher nicht.  Der Teufel schwor`s ihm zu in seinem eigenen und in der Eltermutter Namen. Da löste de Schmied den Bann. Der Teufel kletterte herunter, rollte heulend den Schwanz ein und fort war er auf Nimmerwiedersehen.

Wieder vergingen viele Jahre, und der Schmied von Rumpelbach war uralt geworden, über hundert Jahre. Da kam eines Tages ein hagerer Mann, lauter Knochen und Sehnen nur, vor die Schmidte gegangen. Es war der Tod. Er pochte an und hiess den Schmied ihm folgen. Der Tod kommt allerwegen meistens oder immer ungeladen, denn er hat keinen Kalender, und keiner kann ihm entlaufen. «Arm ist, wer den Tod wünscht», sprach der Schmied zu sich selber, «aber ärmer, wer ihn fürchtet; denn der Tod ist des Lebens Botenlohn und zahlt alle Schulden.» Und er machte sich bereit und beschloss sein Haus.

Der Tod schritt voraus und hinter ihm drein der Schmied, so wie er stand und ging in seinen Arbeitskleidern. Aber der Tod macht uns im Grabe gleich, in der Ewigkeit ungleich, und du kannst nach dem Tode nicht besser sein, als du im Leben geworden bist. So erging es auch dem Schmied von Rumpelbach. Der Tod führte ihn vor das Höllentor und pochte mit seinem Knochenfinger dreimal leise daran. Aber da erschollen drei Donnerschläge, und eine gräuliche Stimme rief: «Wer ist draussen?» - «Der Schmied von Rumpelbach!» «Huh! Der soll draussen bleiben! Der darf nicht herein!» Es ist also doch wahr, was weise Leute sagen: Es hält härter, in die Hölle zu kommen als in den Himmel, dachte der Schmied, und sie kehrten um, der Schmied und der Tod, und gingen selbander nach dem Fegefeuer, dem Ort, wo die sündigen Seelen geläutert werden, und begehrten Einlass. Aber auch da liess man ihn nicht herein. Da gingen sie zur Himmelspforte, und der Tod pochte wieder dreimal an die Tür. Da tönte es wie Glockenklang, und der heilige Sankt Peter, der Schlüssler des Himmels, schaute zum Pförtner-Fensterlein heraus: «Wer ist’s, der Einlass begehrt?» fragte er freundlich. «Der Schmied von Rumpelbach!» «Den Namen hab ich nie gehört», sagte Sankt Peter, «ich will gehn und sehn, ob ich ihn in den Schriften finden kann. Setz dich derweil auf die Bank und ruh dich aus.» Und er ging und schlug das grosse Buch auf, in dem die Engel die Taten aller Menschen verzeichnen, und blätterte und las nach. «Nein», sprach er streng und strich sich den langen seidenweissen Bart, «der Himmel ist nicht für die Kälber gemacht, für die Gottlosen aber auch nicht. Nein, für Leute deines Schlages ist hierinnen kein Platz». Mit dem Sankt Peter wird doch wohl zu reden sein, dachte der Schmied, man muss nur die Wörtlein recht setzen und’s schönsagen. Er zog die Kappe ab, und indem er sie in den Händen drehte, sagte er: «Mit Verlaub und Vergaust, Herr Peter, wenn russige Leute wie ich ihre Füsse auch nicht auf eure saubere Diele setzen dürfen, so lasst mich wenigstens durch den Türspalt einen Augenblick von weitem in euren Saal hineinschauen. Das dürft ihr einem redlichen |Handwerksmann schon zuliebe tun, und ihr vergebt euch nichts. Der Herrgott selber würde euch das gute Werk lohnen, wenn Ihr nicht so schon der oberste Vogt im Himmel wäret. Die Rede gefiel dem Sankt Peter wohl, und er wollte kein Unmann sein. Der Schlüsselbund klirrte, das Schloss knarrte, und das Tor öffnete sich ein klein wenig. Aber da warf der Schmied flugs sein Schurzfell durch den Spalt  und sprang mit einem Satz über die Schwelle – und ehe Sankt Peter noch ein Wörtlein dazu sagen konnte, hatte er sich darauf gesetzt und. rief:

«Ich bi der Schmied vo Rumpelbach

Und sitze fest uf myner Sach,

Ich sitze fest uf mynem Guet

Will luege, wer eweg mi tuet!»

Der heilige Sankt Peter aber kratzte sich in den Haaren. «Ja, ja», sagte er zu sich selber, «es ist immer die gleiche Geschichte: Schelmen soll man nicht trauen, aber je ärger der Schelm, desto besser das Glück.» Und er ging zum Herrgott und klagte ihm die Sache. Der Herrgott aber, dem der Schmied wohl gefiel, sprach: «So lass ihn halt dort an der Schwelle auf seinem Schurzfell sitzen.» Und so geschah’s. Denn wem der Herrgott wohl will, dem will der Sankt Peter nicht übel. So ist der Schmied von Rumpelbach doch noch in den Himmel gekommen und dort geblieben, und er wird wohl noch immer dort sein.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch